Schuldige schnell gefunden

Amoklauf an Schule – Rapper, Computerspiele, Horrorfilme und –romane – sie alle sind schuld am „Verfall unserer Gesellschaft“ – der Zunahme der Gewalt. Wieder so eine oberflächliche Verurteilung – und fast alle Erwachsenen plappern es nach – ja, ja, da müssen wir was tun – am besten noch mehr Verbote – nur um nicht an die Wurzeln des Übels gehen zu müssen – das  geht doch nicht –  dann müsste sich ja die ganze Gesellschaft in Frage stellen – müsste darüber nachdenken, worin ihr eigener Anteil an der sich ausbreitenden Gewalt besteht – oh nein! – welche Anstrengung,  so viel zu ändern.

Glaubt Ihr wirklich, dass ein Jugendlicher, der halbwegs mit seiner Situation und der Welt im Ganzen zufrieden ist – der eine Perspektive für seine Zukunft sieht – der Menschen kennt, die er respektiert und die ihm zuhören – das sind nicht so sehr viele – dass der durch das, was er hört, sieht, liest und spielt, gewalttätig wird und Amok läuft? Ich kenn genug absolut friedfertige, menschenfreundliche in meinem Alter, die Stephen King lieben, Rap hören und nächtelang bei LAN-Partys oder vernetzt  mit mir zusammen Hardcore-Spiele gezockt haben. Sagt weder etwas aus über Charakter noch über labilen Seelenzustand. Haben einfach nur Spaß gehabt – das war`s!

Die behaupteten Schuldigen sind in Wirklichkeit nur die letzten Auslöser für das, was durch Vernachlässigung, fortgesetzte Enttäuschungen, fehlende Wertschätzung, Demütigung, Zorn über all die sichtbaren Ungerechtigkeiten, mangelnde Perspektiven, Hoffnungslosigkeit und  Ohnmacht entstanden ist. Wenn sich zum eigenen Schmerz noch der Schmerz der gequälten Menschheit über dir ausbreitet, dann braucht es nur noch einen kleinen Funken, damit alles aus dem Ruder läuft.

Die Rapper hat die saubere bürgerliche Gesellschaft ganz besonders auf dem Kieker. Hört da eigentlich keiner richtig zu? Fällt Euch nichts auf – außer der Wortwahl, die regelmäßig für Empörung sorgt? Die den Vorwand liefert, wieder Zensur auszuüben und Texte zu verbieten – lasst das! – wir sind fähig, uns selber ein Urteil zu bilden – spätestens wenn wir volljährig sind – dann ist jede Form von Zensur ein ungerechtfertigter Eingriff in unsere Privatsphäre.

Immer wieder der gleiche Vorwurf – ich kann`s nicht mehr hören, ohne furchtbar wütend zu werden – die Inhalte hetzen die Jugend auf – bringen sie dazu, Straftaten zu begehen (Echter Rap, der Fehlbildungen der Gesellschaft, Zorn über die Auswirkungen zur Sprache bringt, ist nicht das gleiche wie manipulativer Sprechgesang mit ganz eigenen Zielen). Das lenkt doch nur von Eurer Mitschuld an der immer gewalttätiger werdenden Gesamtsituation ab. Gut, manche Aussagen finde ich etwas unappetitlich bis eklig, darauf könnte ich verzichten – aber das nur am Rande – dahinter steckt doch sehr viel mehr Wesentliches. Ich hab mir die Texte richtig angehört – die deutschen wie die englischen/amerikanischen – manchmal dachte ich, mir bricht das Herz – diese tiefe Verzweiflung – diese eindringliche Beschreibung entsetzlicher Seelenzustände – habe teilweise lange darüber nachgedacht und sie zu Nachrichten und Erfahrungen in Beziehung gesetzt. Und ich sag Euch, Ihr liegt völlig falsch – es ist viel schlimmer!

Rapper sind nicht die Brandstifter – bringen nicht die Jugendlichen auf unheilvolle Ideen – bedrohen nicht deren Zukunft. Sie sind nur das Sprachrohr, der Bote – gut, der wurde auch in früheren Zeiten geköpft  – wissen aus eigenem Erleben, was der Großteil denkt und fühlt und aus welchen Gründen –  das ist das eigentlich Erschreckende – dass sie gar keine Zukunft haben/sehen in ihrer Situation. Hinter dem gewaltigen Zorn ist immer so viel Schmerz, so viel Enttäuschung, so viel Ohnmacht – das kenn ich ja auch von mir. Solange diese Tatsachen nicht von der Gesellschaft verstanden, als Ursache gesehen und anerkannt werden,  so lange wird sie auch nicht in der Lage sein, an den Zuständen etwas zu ändern – im Gegenteil – wenn weiterhin hirnlos große Teile einer ganzen Generation gesellschaftlich verwahrlost und abgeschrieben werden – denn nichts Anderes tut Ihr mit Eurem bequemen Denken der kurzen Wege – wird es zwangsläufig zu Aufruhr und Revolution kommen – Gewalt erzeugt Gegengewalt – auch das Fehlen einer Aktion führt zu einer Reaktion – denn auch wenn ich nicht handle, tue ich etwas – nichts ist  nicht immer nichts – manchmal ist es einfach alles!

Beim Thema Zensur fällt mir auch gleich ein weiteres großes Problem ein, das sehr viel kleiner sein könnte, wenn man an den Wurzeln ansetzen würde. Das Verbot von Drogen – was ist eigentlich die größere Gefahr für das Gemeinwesen und die Sicherheit? Die Konsumenten von Drogen – oder die Drogenkartelle mit ihrem Verteilungsapparat?  Nachrichten: Die Polizeiorgane finden kein Mittel gegen den organisierten Drogenhandel – Die Drogenkartelle sind stets einen Schritt voraus – Drogen überschwemmen das Land. Wovon profitiert der Drogenhandel am meisten – was macht die Kartelle reich und mächtig? Was macht es für viele Jugendlich interessant, Drogen zu ausprobieren? Das Verbot von Drogen – nicht missverstehen – bin nicht für eine breitflächige Verteilung von Drogen. Hab mal gelesen: Die Einnahme von Drogen sollte für Menschen unter 18 Jahren Tabu sein, aber nicht verboten – ist auch meine Einstellung.

 

Ich bitte darum, diese Suche nach Wurzeln und Ursachen nicht  mit einer Rechtfertigung gleichzusetzen. Die Ursachen begreifen zu wollen ist nichts weniger als das. Denn warum sollte man nach Möglichkeiten der Verhinderung von Entwicklungen und Taten suchen, wenn man diese rechtfertigte?

 

 

6 Gedanken zu “Schuldige schnell gefunden

  1. Vorleben hilft – meist ohne große Erklärungen
    Echt oder, wie es heißt, authentisch sein.
    Nichts erwarten, was ich nicht selbst drauf habe und zeigen kann.
    Zu Defiziten stehen – Ehrlichkeit mit dem eigenen Soll und Haben.

    Drogen ? Widersprechen massivst der Leistungsgesellschaft, da sie es den Menschen ermöglichen, andere Teile der so genannten Realität aufzusuchen, als jene äußerlich sichtbaren (wobei es nicht unbedingt Drogen braucht, um dort hin zu gelangen, aber mit geht es eben brutaler, schneller). Hier regierst ausnahmsweise mal nicht die Krämerseele (Folgekosten ect.), sondern knochenharte Dogmatiker, die jede Art von Rausch ablehnen. Vom traditionellen Saufen mal abgesehen. Bigotterie …

    Gefällt 2 Personen

  2. Anstelle die Schuld einfach an irgendwen außerhalb zu schieben sollte man auf das gegenseitige Miteinander achten. Auch Teenies brauchen Zuwendung, Aufmerksamkeit und Zuspruch. Auch wenn sie es nie zugeben würden. Aber schon ein positives Miteinander kann viel bewirken. Sie tun oft so erwachsen, brauchen uns als Eltern aber doch mehr als es den Anschein hat. In Kontakt bleiben und zeigen das man da ist.

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