Bettflucht

Rosa springt auf. Es ist noch vollständig dunkel, vielleicht zur Hälfte der Nacht. Unmöglich kann sie hier liegen bleiben. Nicht neben ihm, dem Mann, den sie liebte solange sie zurück denken kann. Heiße und zugleich eisige Wellen schießen durch ihren Körper. Diese Nähe! Unerträglich ist sie, doch nicht nah genug. Gerade deswegen. Alles schmerzt.

Weg will sie – ganz weit. Wenigstens so weit, wie sie sich traut in der mondlosen Nacht. Terrassentür auf und ab in den Garten. Rosa rennt, sie ist auf der Flucht. Vor ihm, vor sich, vor allem. Ganz hinten, unter einer Rosenhecke steht eine alte Sandsteinbank. Erschöpft setzt sie sich nieder. Sie ist nicht mehr so jung, dass sie folgenlos so herumrennen kann. Die Kühle des Steins beruhigt die Nerven. Sie hebt das Nachthemd, um den Stein auf der Haut zu spüren. Das tut gut.

Langsam wird sie ruhiger. Vernunft gewinnt die Oberhand. Ein wenig schämt sie sich für diesen unkontrollierten Ausbruch. Wie kann sie sich nur so gehen lassen? Eigentlich sollte sie doch zufrieden sein. Eigentlich fehlt es ihr an nichts. Alles läuft geordnet und abgesichert. Sie leiden keine Not, die erwachsenen Kinder sind gut versorgt, der Alltag ist leicht, Geldsorgen gibt es nicht. Ist das, was sie in der letzten Zeit so schmerzlich vermisst, wirklich so wichtig? Vielleicht sollte sie diesen Gefühlen, dieser inneren Unruhe, einfach nicht so viel Beachtung schenken.

Die Rosen riechen wundervoll. Ihr Duft vermischt sich mit dem von frisch gemähtem, feuchten Gras. Die Sommernacht erweckt Erinnerungen – schöne Erinnerungen – innige Momente und mehr. Eine kurze Weile senkt sich Frieden auf ihr Gemüt. Dann laufen die Tränen. Ein Heulkrampf überkommt die Frau. Doch es ist wichtig, wenn es sie so unglücklich macht! Verdammt noch mal! Es ist wichtig, wenn sie fühlt, was sie fühlt, wenn sie Mangel leidet. Wenn es sie zerreißt, ihre Gedanken beherrscht. Rosa weiß, dass sie nichts erzwingen kann. Aber sie hat das Recht, dem Mann zu sagen, was sie empfindet, was sie quält. Ob er es nun hören will oder nicht.

Oh, es war hässlich gestern Abend. Da hat sie es gewagt. Ihm gesagt, dass sie unglücklich ist. Schockiert, irgendwie auch maßlos enttäuscht, hatte er sie angesehen.

  • Was soll das heißen? Wieso bist du unglücklich? Du hast doch alles!
  • Äußerlich schon, aber ich vermisse dich.
  • Ach herrjeh! Ich versteh das nicht. Ich bin doch immer da. Tue ich nicht alles für dich?
  • Doch, schon. Du liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, nimmst mir viel Arbeit ab, machst mir Geschenke. Manchmal wird mir das schon zu viel, wenn du immer wissen willst, wo ich bin, wohin ich gehe.
  • Was also willst du? Soll ich dich lieber schlecht behandeln? Mich nicht mehr um dich kümmern? Ist das dein Wunsch? Drehst du langsam durch?
  • Nein, nicht wirklich. Aber ich will niemanden, der sich  ständig um mich kümmert. das kann ich allein. Ich brauche dich, dass du mich siehst, mich als deine Frau.
  • Als was soll ich dich denn sonst sehen? Langsam verliere ich die Geduld. Ich hab schon gemerkt, dass du unzufrieden bist. Dachte, es liegt daran, dass die Kinder aus dem Haus sind und du keine Aufgabe mehr hast. Also, solche Vorwürfe habe ich nicht verdient! Such dir doch ein Hobby.
  • Ich brauche kein Hobby, ich brauche dich als meinen Mann! Verstehst du mich denn nicht? Es ist schwer für mich, deutlicher zu werden.
  • Oh, werd ruhig noch deutlicher. Viel schlimmer kann es ja nicht werden. Was wirfst du mir eigentlich vor? Welche Schuld trage ich an deinem Unglück? Los, nur raus damit. Nimm mir die letzte Illusion, wir seien glücklich und hätten alles ganz gut gemeistert. Du bist ganz schön undankbar. Hätte ich nicht gedacht von dir.
  • Es geht doch nicht um Schuld. Auch nicht um eine Abrechnung. Oder Dankbarkeit. Nur darum, dass du verstehen sollst, wie ich fühle und warum. Wir  sind kein Paar mehr, wir sind eine Wohngemeinschaft. Freundlich, nett, hilfsbereit miteinander. Aber eben nur eine Wohngemeinschaft. Ich vermisse körperliche Begeisterung, Anziehung, das was Paare eben tun. Das tut mir weh. Es fehlt mir auf eine quälende Weise. Ich weiß, dass man das nicht erzwingen kann. Doch je näher ich bei dir bin, desto schlimmer fühlt es sich für mich an. Ich empfinde das als permanente Zurückweisung. Oft ist es viel leichter, wenn du nicht da bist. Ich will doch nur wissen, ob du nichts vermisst – da hast du mir schonmal die Antwort verweigert -, ob ich aufhören kann, zu warten. Dann weiß ich, woran ich bin und  kann….
  • Du spinnst doch nur noch! Hör auf damit! Das in deinem Alter!

Danach war er wütend rausgerannt und hatte die Tür geschmissen. Rosa begriff, er hatte nichts verstanden, war nur verletzt.  Mit seinen Gefühlen wollte sie sich aber nun nicht mehr beschäftigen. Sie wollte sich mit ihren eigenen beschäftigen, um zu einer Lösung zu kommen. In deinem Alter! Das sagte doch alles. Dann war es eben so. Als er später gerufen hatte, ob sie nicht ins Bett kommen wolle, war sie automatisch zu ihm  gegangen. Vielleicht hatte sie ja auch eine kleine, alberne Hoffnung auf eine Veränderung gehabt.

Nun aber, hier in der Kühle, ist ihr klar: Wenn ihr Mann nicht mehr ihr Mann sein will, muss sie gehen, bevor sie daran kaputt geht. Sie ist nicht zum leiden geboren.

 

 

2 Gedanken zu “Bettflucht

  1. Schreib´ ich oder schreib`ich nicht … jedes Statement könnte zu Rückschlüsse auf die Person der Schreibers verleiten. So what …

    Sinnlichkeit und Nähe haben viele Gesichter. Geilheit ebenso. Weniger kann durchaus mehr sein, wenn Intensität und Qualität vor Quantität und sturer Regelmäßigkeit stehen. Auch ein Totalausfall geht in Ordnung, wenn beide (!) das akzeptabel finden und andere Schwerpunkte in ihrem Zusammenleben wichtiger finden.

    Was hier aber nicht so zu sein scheint.

    Was trägt, was bindet – jenseits vom sich-gegenseitig-absichern und jenseits der Äußerlichkeiten? Sinnlichkeit kann ein Kanal sein, in dem sich beide wiederfinden, in der Zerrissenheit des Lebens. Wobei Sinnlichkeit ein flüchtiges Geschäft ist. Dauerhafter finde ich z.B einen gemeinsamen Glauben und gemeinsame Werte, die idealerweise auch gemeinsam gelebt werden können, aber nicht müssen. Wichtig ist der Austausch darüber und der Konsens im wesentlichen. Auch gemeinsame Freizeitaktivitäten können binden, Stichwort mehr Dur und weniger Moll.

    Eines ist allerdings das blanke Gift: Kontrollsucht.
    Liebe ist ein Kind der Freiheit und wer zu mir gehört, bleibt.
    Wie umgekehrt ebenso …

    Gefällt 2 Personen

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