Halt doch mal einer die Zeit an!

Über zwei Wochen flogen einfach so an mir vorbei, unversehens vergingen die Tage, hatten keinen Namen mehr. Kleine Verschnaufpausen gab es, schöne und selige Momente, gute Schultage. Aber ich erinnere mich kaum. Das ist ungewöhnlich. Um mir einiges ins Gedächtnis zu rufen, muss ich bei meinen Beiträgen und in meinem Lehrertagebuch nachschauen.

Ich nehm`s wie es ist, mache, finde es ein wenig schade. Kein Wochenende, keine Freunde treffen, Telefonate nur mit Krankenhaus, Sozialdienst, Pflegedienst, Krankenkasse, Beihilfe – Gespräche nur mit meiner sehr verwirrten Mutter in ständigen Wiederholungen, mit Ärzten und Pflegern. Extreme Rückenschmerzen, kein Tag ohne Tabletten. Bin ich echt nicht gewöhnt..

Morgens zur Schule, danach ins Krankenhaus, dann ins Haus meiner Mutter, Blumen gießen, lüften, Nachbarn informieren, nach Hause, Blumen und Gemüse versorgen, kochen, Krankenhauswäsche waschen, richten für den nächsten Tag, abends noch einmal mit ihr telefonieren, Irrtümer aufklären, Angst nehmen – gute Nacht.  Habe ihr einen Block vorbereitet, schreibe jeden Tag alles auf. Was ich mitnehme, was ich mitbringe, was die Ärzte gesagt haben, wer noch zu Besuch kommt, wann sie entlassen wird, dass sie im Krankenhaus ist, nicht weggesperrt, wann sie nach Hause kommt. Tage aufgelistet und streiche jeden Tag einen weg.

Mein Mann hat wegen ihrer Ängste eine Videoanlage installiert, nun muss er, müssen wir, noch ein Zimmer im Erdgeschoss (Atelier) ausräumen, als Schlafraum richten. Am Freitag hole ich sie nach Hause, am kommenden Dienstag wird das Pflegebett geliefert. Bis dahin muss alles fertig sein. Ein Schrank muss gekauft werden, natürlich auch aufgebaut. Hunderte von Bildern müssen sorgsam verstaut in den Keller gebracht, Regale abgebaut werden.

Pflegedienst für morgens und abends ist organisiert – gar nicht so einfach – , Betreuung für zweimal nachmittags. Es wird also demnächst alles besser, geregelt, befreiter und für mich weniger zeitaufwendig sein. Darüber bin ich froh.

Ich muss endlich wieder atmen können, denn mir kommt vor, ich hätte die ganze Zeit die Luft angehalten. Nur die Uhren, sie haben nicht angehalten, immer weiter getickt.

Ich freue mich auf die Projektwoche. Es wird sicher toll.

 

15 Gedanken zu “Halt doch mal einer die Zeit an!

  1. Ich wünsche dir , dass es bald anders wird !!!

    … ich hatte so eine Zeit mal zweieinhalb Jahre lang … und als es vorbei war, war ich noch nicht mal mehr in der Lage, zusammen zu klappen …

    Du bist stark
    Du schaffst das
    Trotzdem wünsche ich dir von Herzen, dass es bald vorbei ist !!!

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  2. Klingt anstrengend und kräftezehrend! Meine Kollegin läuft seit 3 Wochen wie in Watte gepackt herum, ihre Mutter kam nicht mehr aus dem Krankenhaus, starb plötzlich und unerwartet im 70. Lebensjahr. Ich tröste sie damit, dass ihr und der Mutter genau das, was du jetzt durchmachst erspart geblieben ist,…..

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