Nur gemietet

Unser Hexenhäuschen am Rande des Dorfes haben wir vor elf Jahren gemietet. Das „nur“ in der Überschrift passt eigentlich gar nicht, denn es ist zu unserem Zuhause geworden. Hier zeigt sich wieder einmal, dass es kommt, wie es gut ist.

Als wir damals nach einer zufällig entdeckten Anzeige zum ersten Mal das Haus besichtigten, war es noch schlumpfblau angestrichen, worüber wir furchtbar lachen mussten. Es war schon November, aber die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. Wir setzten uns auf die Stufen zur leeren Terrasse, die vom Wind völlig unbeeindruckt die Wärme des Nachmittags gespeichert hatte. Beim Blick in das weitläufige Gelände breitete sich eine selten gewordene Ruhe in uns aus und  wir wussten, hier wollten wir einen Teil der Zukunft verbringen.

Wir hatten eine harte Zeit hinter uns, Nele war noch nicht lange gestorben, das Geschäft lief schlecht, unser jüngster Sohn war noch völlig orientierungslos und im Schmerz gefangen, der mittlere mitten in einer schweren Krise. Lange hatten wir versucht, unser großes Haus für die Kinder zu erhalten, aber die Kredite – zusätzlich aufgenommen für alternative Behandlungsmethoden und sündhaft teure Medikamente aus dem Ausland über viele Jahre – begannen uns aufzufressen. Kurz gesagt, wir verloren das Haus.

Was soll ich sagen? Es hat sich letzten Endes als großes Glück für alle erwiesen. Denn mit diesem einstmals so fröhlichen Haus hatten wir auch den Geruch und die Atmosphäre des Unheils verlassen, der es mttlerweile vollständig besetzt hatte.

Unsere Vermieter sind ganz entzückende Menschen, die uns einfach machen lassen, innen wie außen. Und mit Erstaunen haben wir im Gespräch erfahren, dass die Frau eines Sohnes ebenfalls an Lupus erkrankt ist. Zuvor hatte dort eine sehr alte Frau gewohnt, die offensichtlich eine Liebe für die gleichen Pflanzen gehabt haben musste wie ich, denn im folgenden Frühjahr zeigten sich Pfingstrosen, Akelei, Frauenmantel, Mohnblumen und Margeriten in Massen. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie glücklich mich das machte. Von meinen früheren Pflanzen hatte ich nur den alten Rosenbusch von meiner Großmutter mitgenommen, der auch gut anwuchs und üppiger blühte als jemals zuvor.

Es begann ein innerer und auch äußerer Neuanfang und wir haben unsere Entscheidung bis heute nicht bereuen müssen.

 

9 Gedanken zu “Nur gemietet

      1. Ja da kenn ich was von. Die tollen Vorschriften und immer wieder neue Ideen für die Betriebskosten.
        Bei Eigentum muss es aber schon Freistehend sein sonst muss man sich mit dem Nachbarn auseinander setzten. Weil erlaubt ist trotzdem nicht alles. Manches muss der Nachbar genehmigen usw.

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      2. Und wie.
        Wir erleben es immer wieder bei Freunden. Sie haben ein Reihenhaus und müssen für alles die Nachbarn um Erlaubnis bitten. Dann brauch ich auch kein Haus wenn ich auf das Wohlwollen der Nachbarn angewiesen bin.
        Und bei uns werden immer neue Sachen und Dienstleistungen erfunden um uns noch mehr abzuknöpfen.

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