Der Fluch der Stärke

Das klingt nun etwas zu theatralisch. Aber im Grunde stimmt es schon. Mir fällt immer wieder auf, dass meine Kinder voraussetzen, dass ich niemals schwächer oder älter werde. Auf der einen Seite ganz schmeichelhaft, andererseits aber auch Belastung.

Sie sind halt daran gewöhnt, dass ich immer alles schaffe, was ich mir vornehme, nicht durch Schwierigkeiten zu bremsen und auch körperlich  auf Dauer nicht klein zu kriegen bin. Zwar habe ich auch Schwäche und Verzweiflung gezeigt, Fehler gemacht, aber immer nur kurzfristig – das ewige Stehaufmännchen eben. Ich war ihnen lange Mutter und Vater und habe alles geregelt, sie vor dummen oder bösen Menschen beschützt, solange sie es noch nicht selber konnten.

Ich erinnere mich da besonders an zwei Begebenheiten. Ich war so Mitte vierzig, als mein damals 16jähriger Sohn erzählte, dass die Eltern seiner Freunde ganz schön langweilig und abgeklärt seien und seltsame Ansichten hätten. Totale Anpassung halt. Na ja, die seine ja auch alle schon um die vierzig. Lachend fragte ich ihn, ob er denn gar nicht wisse, wie alt ich sei? Etwas erschrocken sah er mich an, es war offensichtlich nicht das was er hören wollte, und meinte dann, bei mir sei eh alles anders.  Die nächste war ein Vorfall im Freibad unseres Dorfes. Eigentlich ein sehr friedlicher Ort, wo jeder jeden kannte. Ein Betrunkener hatte die Kleinen am Sandkasten belästigt und so sehr in Angst und Schrecken versetzt, dass der Fünfjährige sogar versuchte, über den Stacheldrahtzaun zu klettern. Außer mir vor Zorn sprang ich auf und baute mich vor dem Mann auf, der zuerst noch reichlich aufmüpfig guckte. Doppelt so breit wie er – ehemalige Kugelstoßerin – mit geballten Fäusten voll auf Angriff drohte ich ihm Schläge an, wenn er nicht gleich verschwände, was er sichtlich erschrocken auch tat. Normalerweise bin ich ein friedlicher, fröhlicher Mensch, eher auf Schlichten und Verständnis spezialisiert. Aber niemand bedroht oder schädigt meine Kinder! Für die drei Kleinen war ich ab dann ihr He-Man – falls den jemand der Lesenden noch kennt. Der Sockel war mir eindeutig zu hoch. Überhaupt wollte ich nie auf irgendeinen Sockel.

Die Älteren und deren Freunde naahmen mich gerne mit zu Rockveranstaltungen und zum Billiard spielen. Immer war ich mittendrin. So war es eigentlich auch kein Wunder, dass mein Ältester bereits am ersten Tag unseres Besuches meinte, ich solle mit zum Box-Gym kommen und an einer Challenge seiner Gruppe teilnehmen. Er sieht einfach nicht, dass ich mit meinen 66 nicht mehr in der Lage bin, einer Mannschaft zum Sieg zu verhelfen, nicht mal eine ganze Stunde durchalten würde. Ich würde den Score killen und schon nach einer Viertelstunde aufgeben, sagte ich ihm. Er würde sich blamieren mit mir. Ungläubig und auch enttäuscht sah er mich an, akzeptierte aber meine Entscheidung. Ich sah, wie es in ihm arbeitete. Es gab mir einen Stich und ich bekam eine Ahnung davon, wie belastend und verstörend ein völliger Verlust meiner Käfte sich auswirken würden.

Es ist für erwachsene Kinder wohl das Schwerste, einst starke und leistungsfähige Eltern plötzlich schwach und hilflos zu sehen. Ich ahne, welchen Schmerz ihnen der sichtbare Verfall wohl bereiten wird. Manche entziehen sich dieser Erfahrung, indem sie weit wegziehen, andere nehmen es den Eltern insgeheim auch übel. Dafür können sie nichts, es geschieht unbewusst. Ich kenne das nicht. Mein Vater starb einen plötzlichen Herztod, ohne jemals schwach zu wirken. Meine Mutter hingegen hat sich von jeher als das feinsinnige, edle aber schwache Opfer inszeniert. Mein Bestreben – fast meine Pflicht – ist es, niemals gänzlich meine Kraft zu verlieren, soweit es mir möglich sein wird. Es könnte sehr anstrengend werden, aber dabei zu versagen und sie von mir enttäuscht zu sehen, wäre für mich viel schlimmer.

 

21 Gedanken zu “Der Fluch der Stärke

  1. Aber … verschiebt sich mit dem älter werden nicht einfach nur der Bereich, in dem man stark ist ?
    Nicht mehr so körperlich, nicht immer auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen …
    Aber es wächst doch etwas anderes heran in uns und wird stärker mit dem älter werden ….
    Ruhe, Festigkeit, Gelassenheit, Toleranz ..
    Und auch die Art der Liebe, die wir anderen geben können … loslassender … den Anderen sein lassender …
    Ich hab ja nicht viel Familie , aber bei meinem Vater ind und mir seh ich das gleiche in grün … auf verschiedenen Ebenen … in anderen Altersstufen halt …

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    1. So furchtbar viel hat sich bei mir nicht verschoben. Körperlich bin ich kaum schwächer geworden, kann schwere Lasten heben, weil ich es immer machen musste, marschiere und klettere die Berge hinauf, geh paragliden, wenn ich die Gelegenheit bekomme. Nur ganz so wagemutig bin ich nicht mehr und bei manchen Dingen muss ich auf meine Bandscheibe aufpassen, einiges einfach lassen. Und an ganz neue Sachen wie Boxtraining, was ich noch nie gemacht habe, traue ich mich weniger heran. Schon gar nicht eine ganze Stunde, die Ausdauer ist geringer. Da seh ich meine Grenzen und auch ganz ohne Bedauern. Die Erwartungen sind halt mittlerweile größer als meine Fähigkeiten. Diese nicht mehr erfüllen zu können und dadurch zu enttäuschen ist wohl für mich der größte Knackpunkt.
      Gelassenheit, Festigkeit, Toleranz hatte ich schon in früheren Jahren, Loslassen seit der Kindheit – nicht ganz freiwillig – trainiert.

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      1. Verständlich … so was sitzt tief drin und über den Verstand ist dem nicht beizukommen …
        Eher durch zur Ruhe kommen … nach Innen gehen … atmen …
        Denn wegrennen nützt ja auch nix … dann rennt es uns nur hinterher …
        Voller Begeisterung, dass es Aufmerksamkeit kriegt …

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  2. Hmm. Wenn ich so an meinen Vater denke – der war immer recht sportlich und vor allem von einem unbändigen Bewegungsdrang erfüllt. Darum ist er für seine mittlerweile 84 Jahre auch noch recht mobil, vergleichsweise, trotz massiver Herzprobleme. Ich sehe ihn und denke, schön, wenn es so geht. Weil so viele andere in meinem Alter und kaum älter schon nicht mehr da sind. Andere, die meinen Alten einst verlachten, sind teils Schwerstpflegefälle geworden … es ist traurig.

    Mein Vater und ich hatten immer ein äußerst gespanntes Verhältnis zueinander. Das hat sich erst in den letzten 5-10 Jahren etwas verändert. Herzlich ist es immer noch nicht, wird es wohl auch nicht mehr. Aber respektvoll ist es geworden, unser miteinander. Immerhin. Und – ich beobachte ihn, wie er mit seiner Schwäche und Gebrechlichkeit umgeht, habe das Gefühl, etwas lernen zu können. Er nimmt es hin und macht das Beste für sich daraus, auch, wenn sein Aktionsradius immer kleiner wird. Meine Mutter dagegen wird von den Dämonen ihrer Kindheit eingeholt – Ängste steigen dort auf, wo sie zeitleben immer von Aktivität verdrängt wurden.

    Ansonsten ernten sie, was sie säten. Stets haben sie getan, was sie wollten, als eisernes Duo, dem der Rest der Welt weitestgehend am Arsch lang ging. Jetzt geht es der Welt am Arsch lang, wie es ihnen geht und sie wundern sich ein wenig. Und ich? Schaue, dass sie zurecht kommen, nicht verwahrlosen.So gut ich kann. Mit praktischer Hilfe bei der Organisation von Hilfe …

    Eltern – ach ja, auch ich bin Vater. Was gemeinhin der beste Schutz sein soll, zu schnell den Stab zu brechen 😉

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  3. Ich kenne das auch. Bin zwar erst 40, aber meine Jungs sehen mich auch immer nur als Starke die alles wuppt. Nie so krank das ich im Bett liegen muss, alles organisierend. Wenn ich mal Nein sage das ich jetzt gerade keine Lust hätte schauen sie als ob ich ein achtes Weltwunder wäre.

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  4. Immer stark sein ist nicht möglich, die Kinder sind es auch nicht, mein Sohn ist Mitte 40, kommt nur sonntags, damit er nichts arbeiten muss, geniesst es in seinem Elternhaus zu sein und sagt allen Ernstes zu meinem Mann, wenn du die Arbeit draußen nicht mehr schaffst nimm dir einen Gärtner, was wir jetzt auch tun werden. Ich werde es tun, weil ich nicht abhängig sein will. Aber die Mitte vierzig jährigen werden auch alt, schneller als sie denken

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