Jungsgeschichten

Auch was die Jungen betraf, machte Lena so ihre Erfahrungen. Da gab es diejenigen, deren unrealistisches Selbstbewusstsein durch nichts zu erschüttern war und die selbst jede Zurückweisung noch als Liebesbeweis werteten. Andere, scheue, wiederum rückten nie mit der Sprache raus, luden Lena dann zu einer Party ein, auf der sie sich allein mit dem bibbernden Gastgeber fand, worauf sie nach einigen aufmunternden, aber distanzierten Worten flott die Wohnung verließ. Disziplinierte Flucht nannte es Bill Bo in der Augsburger Puppenkiste.

Da gab es die Anhänglichen, denen menschliche Wärme fehlte und die aus der Hilfe bei den Hausaufgaben, dem Trösten in schweren Phasen oder dem Teilen der Brote auf Klassenfahrten schlossen, man gehe nun miteinander und die sie nur ungern und mit einem furchtbar schlechten Gewissen verletzte, indem sie das Missverständnis aufklärte. Dem charmanten Schaumschläger musste man erst Schläge androhen und bis drei – besser nur bis zwei – zählen, um sie auf dem gewünschten Abstand zu halten. Sehr klug war es natürlich auch nicht gewesen, ausgerechnet mit diesen nachts durch den Park zu laufen oder sich nach Hause fahren zu lassen, ohne sofort vor der Haustür auszusteigen. Überrascht hatte einer feststellen müssen, dass es bei drei wirklich knallte. Ganz gleich, wie klar man vorher die Spielregeln festgelegt hatte, immer mal wieder gab es Irritationen. Am angenehmsten waren Lena die Kumpel, die echten Freunde, die keine weiteren Ambitionen hatten und nur aus Bewunderung ihrer sportlichen Fähigkeiten, des Verstandes oder des Witzes wegen mit ihr Zeit verbringen wollten.

Einer von diesen war Michael, ein Klassenkamerad. Seine Persönlichkeit hatte eine imposante, aber auch eine tragische Seite. Blond, groß, sportlich und lustig zeigte er sich meist. Ein echter Sonnyboy nach außen hin, der fast alle Mädels verzauberte und auch sehr emotional und sinnlich wirkte. Ja, Michael fand großen Gefallen am anderen Geschlecht, ließ nur Lena außen vor. Das sicherte den Bestand ihrer jahrelangen Freundschaft. Und ausgerechnet diesen Jungen wollten die Eltern auf ein Priesterseminar schicken. Lena hatte ja das Gefühl, seit sie einmal bei ihm zu Hause gewesen war, dass die Mutter ihn nicht wirklich in ihrer Nähe haben wollte. Irgendetwas war da in der Vergangenheit geschehen, für das der Ärmste büßen sollte. Während der kleine Bruder fortgesetzt geküsst und geherzt wurde, vermied die Frau sorgsam jede Berührung mit ihrem älteren Sohn. Zwar saß auch der Vater im Zimmer, war aber auf seltsame Weise nicht existent. Vielleicht war es die Kälte der Mütter, die Lena und Michael zusammenhalten ließ.

Zwischen Bernd und Lena bestand nach wie vor eine seltsame Bindung. Er suchte von Zeit zu Zeit ihre Nähe, nicht zuletzt aus dem Ehrgeiz heraus, sie eines Tages doch noch zu verführen, was Lena jedoch erst später bewusst wurde. Es kratzte wohl an seinem seltsamen Ehrgefühl, Lena noch nicht seinem Album hinzugefügt zu haben oder er konnte einfach – noch – nicht begreifen, dass sie kein körperliches Verlangen verspürte und Rumprobieren ihr zuwider war. Und doch freute sie sich immer, wenn sie mal wieder aufeinandertrafen, war gern in seiner Nähe. Es kann auch nicht ganz ausgeschlossen werden, dass Lena ihrerseits sich darin herausgefordert sah, seine Versuche immer wieder zum Scheitern zu bringen.

Es herrschte auf Dauer sowohl das Gefühl der Herausforderung als auch echter Respekt zwischen ihnen beiden. Wenngleich man ihre Beziehung schon auch als Freundschaft bezeichnen konnte und Lena als eine der wenigen erfuhr, wenn er mal wieder eine Prüfung versiebt hatte und leichte Zweifel an seiner Großartigkeit sichtbar wurden.

 

2 Gedanken zu “Jungsgeschichten

    1. Selbstbestimmung stand zu jener Zeit im Vordergrund und das Interesse fehlte auch, länger als bei anderen. Klare Sprache, Einhaltung der Spielregeln, ihrer Regeln. Und sie hatte ja Tobi, einmal im Jahr real, sonst in Tagträumen. Ihr fehlte sicher sehr viel, das sie jedoch nicht benennen konnte. Das spürte sie besonders bei Musik. Und wie gesagt, rumprobieren war so gar nicht ihrs. Sie musste immer ganz sicher sein. Hinzu kommt das Erleben, wie sehr ein Missverständnis, achtlos in die Wege geleitet, eine Lebenskrise auslösen kann. Lena wollte anderen keinen seelischen Schmerz zuzufügen – was sie ja auch schon getan hatte -, keine Schwächen mehr ausnutzen, austesten. Sie hatte eh das Gefühl, dass die Jungs bis 15,16 weit sensibler waren als die gleichaltrigen Mädels und einige über die Maßen schlecht behandelt, verarscht wurden. Je großmäuliger, desto verletzter im Inneren, so schien es ihr.

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