Weitere Erfahrungen

Auch wenn Lena nie ein Junge hatte sein wollen, so sah sie doch auch die Ungerechtigkeiten in der Behandlung der Geschlechter. Sie war nicht gewillt, sich Einschränkungen durch Vorurteile zu unterwerfen. Sie war nicht gewillt, sich überhaupt zu unterwerfen. Man musste mehr kämpfen als Mädchen? Na dann kämpfte sie eben mehr und gewann – fast immer. Mit Jammern gewann man gar nichts. Es sei denn, man stand auf Mitleid. Man durfte nur bis 12 Jahre in der Jungenmannschaft Fußball spielen? Zurzeit war es noch so, auch weil die meisten Mädchen sich nicht dafür interessierten – also für die Fußball spielenden Jungs schon. Nicht aber dafür, selbst zu spielen. Irgendwann würden es mehr werden und dann würde sich auch auf diesem Gebiet etwas ändern. Am besten war es, immer wieder zu fragen: Warum machen wir es nicht einfach anders? Wer hat das festgelegt und mit welchem Recht?

Lena ging es jedoch nicht um solche Kleinigkeiten, sie hatte einen höheren Anspruch, verlangte Freiheit und gleiche Rechte für alle Menschen. Unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht. Sie akzeptierte keine künstlichen Regeln. Und so fragte sie, provozierte, stellte infrage. Auch erkannte sie die Einschränkung ihrer grundsätzlichen, naturgegebenen Freiheit nicht an, weder durch Männer noch durch Frauen. Am schlimmsten waren die Frustrierten, die der Jugend  jede Freude neideten und alles mies machten.Sie hatten doch auch ihre Chancen gehabt. Die nicht genutzt zu haben, war ganz allein deren Problem.

Klar konnte man sie beschränken, für eine kurze Zeit, zwingen mit bestimmten Maßnahmen. Doch änderte das nichts an ihrem Recht auf Freiheit und eigene Entscheidung. Nun war es nicht so, dass sie alles Mögliche anstellen wollte, schon gar nichts moralisch Verwerfliches, aber sie wollte die Freiheit haben, alles zu tun, wenn sie es wollte oder wollen würde. Nur die Natur durfte ihr durch ihr allumspannendes Wesen Grenzen setzen, stand über ihr und allen Menschen, nicht aber irgendein ein Vormund oder Herrscher. Und selbst der Natur stemmte sie sich entgegen, bisweilen im Sturm oder bei Gewitter. Das war dann ein aufregendes, erhebendes Kräftemessen, bei dem sie sich ganz bei sich fühlte. „Nimm mich mit!“, oder „Besieg mich doch!“, rief es dann in ihr. Einen solchen Wettkampf zu verlieren, hätte Lena jedoch akzeptiert.

Sie würde stets die Mehrheit und die Bedürfnisse anderer achten, ja auch unter Umständen höher stellen als die eigenen, jedoch aus eigenem freien Willen und nicht durch Zwang. Lena war freigiebig, hing nicht an Dingen. Wenn etwas für jemand anderen wichtiger war, gab sie es bedenkenlos weg. Schon als kleines Kind war sie so gewesen, zum Verdruss ihrer Mutter. Man konnte alles haben von ihr, auch jede Unterstützung. Doch glich die Bitte einer Forderung, spürte sie Zwang, dann schloss sich sofort eine Klappe und nichts ging mehr. Dann konnte sie selbst etwas, woran sie Spaß gehabt hätte, nicht mehr tun.

Längst hatte Lena sich daran gewöhnt, dass über diese Ideen gelacht oder aber erschrocken geschwiegen wurde, doch änderte es nichts daran, dass sie wusste, ganz tief in ihrer Seele, so war es für sie richtig und nicht anders. Natürlich gab es Menschen, die sie respektierte – viele waren es nicht – und denen sie keinen Kummer machen wollte, aber ihre Ansichten einfach runterschlucken konnte sie dennoch nicht. Am meisten schrien doch immer diejenigen nach Respekt, die diesen durch ihre Lebensweise und ihr Verhalten gar nicht verdient hatten. Lena hatte viel zu viel Zeit als Einzelkind unter Erwachsenen verbracht, sie beobachtet, um das nicht genau erkannt zu haben.

Für den Großteil der Menschen um sich herum empfand Lena Verachtung, oft bei gleichzeitigem Mitleid. Doch das war kein Gefühl der Überlegenheit, sondern sie schämte sich. Für diese Menschen und vor sich selbst. Denn es war nicht richtig auf diese Weise, verkehrte irgendwie die Ordnung. Denn waren es nicht die Erwachsenen, die geistig groß und wahrhaftig sein mussten, um als Vorbilder zu dienen? Glücklicherweise gab es einige Persönlichkeiten in Lenas Leben, zu denen sie aufschauen, an denen sie sich messen und reiben konnte. Gemütliches Einerlei war ja nicht wirklich ihr Ding, würde es voraussichtlich auch niemals werden. Zu jenen gehörten neben ihrem Vater, den Großeltern und der Lieblingstante auch einige fabelhafte Lehrer sowie der evangelische Pfarrer, der sie konfirmiert hatte. Dann war da noch die Frau eines befreundeten Polizeikollegen, die echt und mitreißend war in ihrer Lebensfreude.

 

3 Gedanken zu “Weitere Erfahrungen

  1. Leicht wird sie es nicht gehabt haben, die Lena. Gut ist, wenn sie mit dem dicken Kopp dennoch selbstlos fühlt. Ohne Altruismus wäre sie verloren … arrogante, Macht-orientierte Gier kann die Folge sein. Mit einem mitfühlendem Herzen ausgestattet wird sie so nicht leben müssen, wie es scheint. Da kann sie es weit bringen, im Dienste an den Menschen.

    Grüße an die Autorin 😉

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