Entwicklung

Hier ein weiterer Auszug des (autobiografischen) Romans mit dem Arbeitstitel „Wider alle Vernunft“:

Entwicklung

In den folgenden Jahren wurde Lena zunehmend fester in ihren Überzeugungen und lernte ihre Eigenarten zu akzeptieren. So verschwanden allmählich die Schuldträume und sie hatte keinerlei Ambitionen mehr, andere grundlos zu provozieren. Auch wuchs die Gewissheit, dass sie nicht verrückt war. Nur anders, aber genau richtig, um eben ihr Leben zu meistern.

Je älter sie wurde, umso leichter wurde es, ihre Lebenszeit an den Orten zu verbringen, wo sie sich wohl fühlte. Also außerhalb der deprimierenden Atmosphäre der Wohnung. Chor und Kirchenchor, Leichtathletik, Radfahren, AGs in Spanisch, Ethik und Philosophie, Partys, Wochenenden mit Becky sowie die Luftschutzübungen im Bunker füllten ihre Tage aus. Klassenfahrten zum Bodensee und nach Paris, Osterferien in Lyon, Sportfeste im Sommer, Kartoffel- und Weihnachtsferien in ihrem Dorf zusammen mit Cousinen und Cousins ließen die Zeit rasch vergehen. All das verhinderte jedoch nicht, dass sie Tobi und Tirol vermisste und beides immer ganz vorn in ihrem Kopf und tief in ihrem Herzen war. Im Klassenraum saß sie nun in der letzten Reihe am Fenster mit Blick auf die Wälder des Taunus. Immer wenn sich dort die Wolken türmten, sah Lena diese als die schneebedeckten Berge ihrer Sehnsucht und träumte sich dorthin, ab und zu gewissenhaft nickend zu den Vorträgen ihrer Lehrer.

Langsam hörte man ihr auch zu, wenn sie sich leidenschaftlich über den Vietnamkrieg, die Sklaverei, Unterdrückung durch Großgrundbesitzer in Südamerika, die Apartheid in Südafrika, Ausbeutung der Arbeiterschaft und nicht zuletzt über die Nazizeit ausließ. Sie verlieh ihre Bücher zu diesen Themen und es kam zu interessanten Diskussionen. Wobei das letzte Thema das unbeliebteste war, weil man dabei auch über sich selbst und die eigene Familie nachdenken musste. Nachdem sie jedoch neuerdings einen Sozialkundelehrer hatten, der ihnen  mit Vorliebe Hitlerreden auf LP vorspielte, musste schon darüber geredet werden.

Meistens ging es dann darum, wer Schuld hatte an den schrecklichen, unbegreiflichen Zuständen und Verbrechen jener Zeit. Das Chaos im Reichstag, zu viele uneinige Parteien, der Versailler Vertrag wurden genannt. Aber ohne die Unterstützung unzähliger Menschen hätte es trotz alledem nicht dazu kommen können. Verantwortlich waren diese Menschen und die Schlüsse, die sie gezogen hatten. Die unkritische Übernahme von Vorurteilen, die diebische Freude daran, endlich mal selber  andere Gruppen unterdrücken, ihnen alles – selbst das Leben – nehmen zu dürfen. Die Genugtuung, als ganz kleiner Spitzel und Neider, als unfähiges Großmaul mit niedrigsten Instinkten plötzlich Macht zu haben, Angst verbreiten zu können. Hier lag für Lena die Wurzel allen Übels. Ihr ging es vordergründig um einen Blick in die Zukunft und den Willen, aus dem Vergangenen zu lernen, wie eine ähnliche Entwicklung verhindert werden konnte. Bildung erschien ihr als wichtiges Mittel. Ohne Scheuklappen, selbstkritisches eigenständiges Denken als Ziel von Bildung zur Verringerung des Spießertums.   Offen im Unterricht geäußert, brachten ihr diese Ansichten die Note „ausreichend“ ein.

 

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