Weckruf V

Eines Tages war es dann so weit: das Haus war fertig, Jessica war erfolgreich gewesen und bekam ihren alten Job zurück. Sie konnten aufatmen. Nun hieß es, das Erarbeitete zu bewahren und die Kinder in eine möglichst gute Position für die Zukunft zu bringen. Sie hatten tatsächlich wieder mehr Zeit für Gespräche, jedoch mittlerweile verlernt, über sich selbst und ihre wahren Wünsche und Gefühle zu reden. So drehte sich die Kommunikation in den kommenden Jahren vorwiegend um Schule, Noten, Nachhilfe, Essen, Geld, Reparaturen, neue Anschaffungen. Diese Themen erschienen dem Paar auch vordergründig die wichtigsten zu sein. Und wenn Jessica manchmal, in den wenigen völlig ruhigen Augenblicken, eine Wolke der Frustration einhüllte, die sie das Fehlen von etwas Grundlegendem spüren ließ, schalt sie sich selbst sentimental und ging wieder zur Tagesordnung über.

Nun hatte sie mit einem Mal schmerzhaft erkannt, ihnen fehlten der Spaß miteinander, die Freude aneinander und die vertrauten Momente zu zweit. Zwar waren sie nie bösartig oder gemein zueinander und behandelten sich stets mit Respekt, aber sollte das wirklich schon alles gewesen sein? Das konnte auch ihm nicht genügen. Sie hatten die Liebe verlernt und drohten sich ganz zu verlieren. Was war zu tun? Jessica wollte das Gefühl zurück, das sie beim Hören des Songs gehabt hatte – nicht nur als Erinnerung.

Am nächsten Tag lud Jessica sich alle alten Stücke, an die sie sich noch erinnerte, auf ihre Speicherkarte. Sie verließ das Haus, um zum Elternabend zu fahren und steckte die Karte bei der Anlage ein. Kurz vor der Schule wechselte sie die Richtung und fuhr einfach drauflos. Sie fuhr und fuhr und fuhr, durch Wälder und Dörfer, über Hügel und durch Felder. Die Musik hatte sie bis zum Anschlag aufgedreht. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich glücklich, völlig frei und unbeschwert. Jessica passierte auf ihrem Weg viele Erinnerungsorte, darunter auch ihre Lieblings-Pizzeria und die Diskothek, die mittlerweile zu einem „Casino“ verkümmert war. Auch einige Waldparkplätze drängten sich mit Macht in ihr Bewusstsein. Wie aufregend und belebend es gewesen war, wenn sie auf der Heimfahrt bisweilen dort anhielten, weil ihre Sehnsucht nacheinander keinen Aufschub mehr duldete. Dieses Gefühl, dass sie so lange vermisst hatte, durfte nicht wieder so einfach in ihrem Alltag verschwinden.

 

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