Weckruf IV

Im Kinderzimmer sah es bunt aus. Fabian hatte die Windel voll. Dummerweise war sie an einer Seite nicht genug befestigt gewesen. Hoffentlich hatte das Bettzeug nichts abbekommen. Er war zornig, dass sie nicht sofort gekommen war. Schreiend trampelte er auf der Bettdecke herum und rüttelte an den Stäben seines Gitterbettes. Das Kissen und die Kuscheltiere hatte er hinausgeworfen. Der Arme, sicher brannte sein Po! Jessica hob ihn hoch und legte ihn schnell auf die Wickelkommode. Nachdem er frisch gewindelt war, setzte sie ihn auf den Boden. Das Bett war sauber geblieben. Glück gehabt, das brauchte nun nicht abgezogen zu werden.

Katrin kroch langsam unter der Bettdecke hervor – sie mochte das Geschrei ihres Bruders nicht hören. Gut, dass dieses Mädchen schon ein bisschen vernünftiger und zurückhaltender war. Als Jessica sich jedoch zu ihrer Tochter setzte und zum zweiten Mal hinschaute, blieb dieser Gedanke auf halbem Wege stecken. Katrin hatte ihren Lippenstift mit ins Bett genommen – und ausprobiert. Danach war sie wohl eingeschlafen, ohne ihn zuzudrehen. Puh, dieses Bettzeug musste abgezogen werden. Offensichtlich hatte Katrin auch mit ihren Haaren auf dem Stift gelegen. Wenn sie heute noch auf den Spielplatz wollten, musste sie schnell machen. Fabian saß mit seinem Bär auf dem Fußboden und wurde schon wieder unruhig. Das war nicht gut. Jessica band Katrin geschickt die Haare zusammen – am Abend sollte sie sowieso in die Badewanne, und warf die abgezogene Wäsche im Vorübergehen die Kellertreppe hinunter. Nun konnte es losgehen. So oder ähnlich verliefen viele ihrer Tage.

Als Markus gegen 20.00 Uhr von der Arbeit kam, schliefen die Kinder schon wieder, die Lippenstiftfarbe war aus Katrin´s Haaren entfernt worden, die Bettwäsche drehte sich in der Maschine. Jessica war ziemlich  müde, Markus sah auch ganz schön fertig aus. Trotzdem musste das Thema Fortbildung, Betreuung und Geld jetzt auf den Tisch. Jessica wollte nicht bis zum nächsten Tag warten, zu sehr belastete sie die ganze Situation. Sie schilderte Markus ihre Besorgnis in allen Punkten. Gemeinsam suchten sie nach einer Lösung, sahen aber erst einmal nur Probleme. Die Betreuungslücke schien gänzlich unlösbar, die Sache mit dem Geld erwies sich auch als ziemlich aussichtslos. Es war eigentlich alles fest verplant.

Den größten Teil ihrer Ersparnisse hatten sie für das Grundstück gebraucht. Die Termine für Keller und Bodenplatte standen fest, das musste auch gleich bezahlt werden. Die Steine für den Rohbau konnten auch nicht mehr abbestellt werden. Nach Zahlung dieser Rechnungen blieb ein Rest von höchstens 1.000,00 € übrig. Was so monatlich eingespart wurde, hatten sie für die laufenden Arbeiten bzw. die Baustoffe verplant. Die Fertigstellung des Hauses konnten sie zur Not noch einige Monate hinausschieben. Aber das Hexenhäuschen musste schließlich auch noch fertig modernisiert werden, um es verkaufen zu können. Wenn sie jetzt ein Darlehen aufnahmen, um den Ausbau zu finanzieren, musste beides zügig geschehen, denn vom Verkauf sollte ein Teil gleich wieder abgelöst werden. Andernfalls wären die Kosten für die Zinsen zu hoch.

Das war alles so kompliziert! Dann hatte Jessica die zündende Idee. Sie würden einfach auf den geplanten Jahresurlaub verzichten. Von der Urlaubskasse sollten die Kursgebühren bezahlt werden und Markus hatte Zeit, um die Kinder zu versorgen. Zwischendurch konnten die Großeltern einspringen. Markus hätte also zusätzlich die Gelegenheit, am Haus zu arbeiten. Zur Not wäre er jederzeit abrufbar. Ja, so würden sie es machen.

Es wurde dennoch eine harte Zeit. Mit dem Besuch der Kurse war es nämlich keineswegs getan. War das Ziel, eine vorzeigbare Qualifikation zu erreichen, so ging das nur mit Lernen und Ausarbeiten zu Hause. Diese Tätigkeit fraß viele Abende und zum Teil auch die Wochenenden auf. Nicht dass Jessica ihren Mann jetzt viel seltener sah als vorher. In der Regel arbeitete er nach der Arbeit an ihrem Haus, bis es dunkel wurde. Im Sommer konnte es da schon mal 23.00 Uhr werden. Das war nicht neu, aber es fehlte ihr nun die Energie, noch nach Fortschritt oder Schwierigkeiten zu fragen. Gleichermaßen hatte er am Ende solcher Tage keinen Sinn mehr für ihre Zweifel und Ängste.

Ihre voranschreitende Sprachlosigkeit wurde erworben und festigte sich durch falsche Rücksichtnahme. Den Anderen nicht zu belasten bedeutete eben auch, ihn nicht einzubeziehen. Natürlich erlebten beide diese Situation als extrem bedrückend, aber eben jeder für sich allein. Noch immer war jedoch der positive Gedanke im Vordergrund: „Wenn das Haus fertig und die Fortbildung erfolgreich war, dann würde alles besser und sie hätten wieder mehr Zeit für sich.“

 

 

4 Gedanken zu “Weckruf IV

  1. Wenn – dann … man braucht keine Glaskugel, um das Drama, welches sich da anbahnt, zu sehen. Genug ist zu wenig ? Erinnert mich fatal an meine erste Frau, die, aus dem Osten kommend, ähnlich veranlagt war. Das sieht allgemein erst einmal gut aus, weil Ehrgeiz in die Leistungsgesellschaft passt. Was dahinter steckt und welche Preise dafür gezahlt werden müssen, davon spricht keiner.

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