Weckruf III

Wenigstens hatten sie keine Geldsorgen. Markus verdiente gut, er war jetzt Bauleiter. Das bedeutete allerdings auch, dass er keinen einzigen Achtstundentag mehr hatte. Oft sah er die Kinder nur noch schlafend in ihren Betten. Aber da mussten sie eben durch, sie hatten schließlich ein weiteres gemeinsames Ziel.

Im Hexenhäuschen wurde es nämlich langsam ein wenig eng. Deshalb planten sie, ein neues Haus auf einem großen, grünen Grundstück zu bauen. Jammerten sie bisweilen abwechselnd der verlorenen Zeit hinterher, dann folgte meist ihr ganz persönliches Mantra: „Wenn das Haus erst fertig ist, dann haben wir auch wieder mehr Zeit für uns. Dann wird alles wieder besser werden.“ Sie waren doch noch so jung und hatten Kraft und Elan. Prämien und Schwarzgeld legten sie zur Seite für ihr neues Heim. Das Grundstück war schon bezahlt und für das Hexenhäuschen konnte man bei einem Verkauf auch einen kleinen Gewinn erwarten. Vorher musste es allerdings renoviert, teilweise auch saniert werden. Dafür gingen viele Wochenenden drauf, denn Markus erledigte die meisten Arbeiten allein.

Manchmal jedoch halfen die Freunde. Dann wurde am Abend im Garten gegrillt. Das war dann doch wieder sehr schön. Oft kamen sie am nächsten Morgen wieder, um beim Aufräumen zu helfen und gemeinsam zu frühstücken, während die Kleinen im Garten spielten. Jessica liebte diese ungezwungenen Zusammenkünfte. Allerdings waren sie auf die kurzen Sommermonate und dann noch auf Sonnentage beschränkt. Im Häuschen selbst war kein Raum für so viele Leute. Kein Wunder, dass Jessica im neuen Haus ein riesiges Esszimmer mit Spielecke und Kachelofen haben wollte. Ihre Planungen, die oft aus einem kindlichen, fröhlichen Übermut heraus entstanden, würden natürlich nicht alle zu verwirklichen sein. Das war ihr schon klar, und wenn es soweit war, wollte sie sich auch an den Gegebenheiten orientieren und ihren Markus, der sie immer gleich so fürchterlich ernst nahm, nicht mehr so erschrecken.

Außerdem würde sie ja auch wieder halbtags arbeiten, sobald Katrin und Fabian im Kindergarten wären. Sie merkte jedoch schnell, dass sich auf dem Gebiet der Medizin auch für die Assistentin viel veränderte und sie drohte, den Anschluss zu verlieren. Als Fabian ein halbes Jahr alt war, hatte sie nämlich für eine Woche Urlaubsvertretung in ihrer alten Praxis gemacht. Diese endete mit dem frustrierenden Gefühl, ohne die Hilfe der anderen Mädels gar nichts mehr auf die Reihe zu kriegen. So sehr sich die Kolleginnen am ersten Tag über ihre Ankunft gefreut hatten, so genervt waren sie nach einer Woche auf Grund der Mehrarbeit, die Jessica durch ihre Pannen verursachte. Sie musste sich eingestehen, dass sie diese Entwicklung unterschätzt hatte. Wollte sie nach der Elternzeit wieder eine entsprechende Stelle haben, konnte sie sich nicht mehr allein auf ihr Glück verlassen. Dann würde sie sich konsequent fortbilden müssen, um den Anforderungen zu genügen.

Gleich begann sie, sich über die verschiedensten Angebote zu informieren. Ungefähr 180 Stunden hätte sie zu investieren. Am geeignetsten erschienen ihr Schulungen, die an den Wochenenden von Freitag bis Sonntag stattfanden. Allerdings gab es auch einige Themenbereiche, die zumindest eine einwöchige Teilnahme erforderten. Nicht wirklich optimal, aber auch wieder eine übergeordnete Notwendigkeit, der sich alles andere unterzuordnen hatte, dachte sich Jessica. Da auch Markus sich dieser Einschätzung anschloss und Unterstützung versprach, insofern seine Arbeit es zuließ, machte sie eine erste Planung. Dafür musste sie auch mit ihren Eltern sprechen und um Hilfe bitten.

Schnell wurde klar, dass die praktische Umsetzung nicht einfach war. Die Großeltern waren zwar bereit zu helfen, aber körperlich nicht mehr so belastbar. Fabian war viel ruhiger als früher, aber zwei ein und drei Jahre alte Kinder benötigten ständige Aufsicht und Beschäftigung. Markus würde selten vor 19.00 Uhr nach Hause kommen, die Samstage waren auch nicht unbedingt frei. In seiner Position hatte er eigentlich ständige Bereitschaft. Wenn also etwas schiefging, war er verpflichtet sofort einzugreifen. Also musste eine Art „Feuerwehr“ her für den Ernstfall, falls sowohl der Vater als auch die Großeltern ausfielen. Es hieß jemanden zu finden, der zur Not jederzeit abrufbar sein würde. Da fiel ihr nur ein Au-pair ein. Aber erstens war ihr Häuschen viel zu klein für eine weitere Person und zweitens waren die Kosten zumindest für ihre Familie im Moment nicht tragbar.

Oh Gott, die Kosten – die Fortbildungen gab´s ja schließlich auch nicht umsonst! Das hatte sie völlig verdrängt. Vor lauter Organisieren hatte sie das Rechnen aus den Augen verloren. Jessica war sehr erschrocken. Sie suchte sofort die Unterlagen zusammen und addierte die Kosten. Über 3.000,00 € Eigenanteil und das auch nur, wenn sie keine Übernachtungsmöglichkeit brauchte. Und jetzt? Jetzt wachten erst einmal gerade die Kleinen aus ihrem Mittagsschlaf auf und brauchten ihre Aufmerksamkeit.

6 Gedanken zu “Weckruf III

  1. Wenn du etwas möchtest, mach`es selbst oder kaufe es Dir. Verlasse dich niemals auf andere Menschen bei deinen Plänen

    Danach lebe ich, und wenn es sein muss, sehr bescheiden.

    O-Ton meiner Eltern, vor 20 Jahren:
    „Seht zu, wie ihr eure Kinder groß bekommt. Mussten wir auch. “
    Und zack – wieder verreist.

    Gefällt 1 Person

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