Weckruf II

Fabian hatte leichtes Fieber und schlief, eingewickelt in seine Lieblingsdecke, während der gesamten Rückfahrt. Jessica war von ihren Erlebnissen sehr aufgewühlt und dachte nun doch über die vergangenen Jahre nach. Dass sich einiges verändert hatte, ihr bestimmte Dinge fehlten, ließ sich nicht leugnen. Wann war das passiert und welche Gründe gab es dafür? Sollte sie nicht eigentlich zufrieden sein – es ging ihnen doch nicht schlecht. Oh je, wenn es nun Markus manchmal genauso ginge wie ihr jetzt. Dieser Gedanke war für Jessica sogar noch weniger zu ertragen als ihre eigene Verwirrtheit.

Die Liebe war groß und die Anziehungskraft gewaltig gewesen. Markus war neu in der Clique, war erst kurz  zuvor in ein winziges Fachwerkhaus am Dorfrand gezogen, das er von seiner Großmutter geerbt hatte. Er hatte sich schnell mit den jungen Erwachsenen aus dem Ort angefreundet. Das lag sicherlich auch an seiner Hilfsbereitschaft und dass er als Bauarbeiter über viele Fertigkeiten verfügte, die in seinem neuen Freundeskreis gut eingesetzt werden konnten. Jessica war er gleich bei der ersten gemeinsamen Feier aufgefallen, die zu Ehren ihrer bestandenen Prüfung als Arzthelferin von den Freunden organisiert worden war. Groß, kräftig, strotzend vor Selbstbewusstsein hob er sich schon ein wenig ab von den anderen Burschen, die längst nicht so erwachsen wirkten.

Immer wieder trafen sich ihre Blicke, aber er sprach sie nicht direkt an. Lieber schien er sie aus der Ferne zu beobachten. So ging es ein paar Wochen unverändert weiter. Dann kam das Dorffest, bei dem traditionell maßlos um die Wette getrunken wurde. Irgendwann merkte Jessica, dass sie nicht mehr selbst mit dem Auto nach Hause fahren konnte. Als sie sich umblickte, wurde ihr klar, dass auch alle anderen mehr oder weniger die Orientierung verloren hatten und ihre Fahrzeuge lieber stehen lassen sollten. Einige lagen schon schlafend auf den Holzbänken, neben denen in halbvollen Gläsern das restliche Bier schal wurde.

Während Jessica ein wenig ratlos die Blicke über die noch verbliebenen Festbesucher schweifen ließ und sich schon zu Fuß auf den Weg machen wollte, kam eine aufrechte Gestalt aus dem Tor der Festscheune. Tatsächlich, Markus stand noch sicher auf beiden Beinen und steuerte zielsicher auf sie zu. Ihr Herz klopfte wild als er ihr anbot, sie heimzubringen. Natürlich nahm sie an, und so waren sie in dieser Nacht auf dem Feldweg gelandet. Viele Stunden hatten sie geredet, sich beschnuppert, berührt und konnten sich in den frühen Morgenstunden nur mühsam voneinander lösen.

Für sie beide stand schnell fest, dass sie zusammen gehörten. Die Freunde gaben ihrer Beziehung keine Chance, fanden, das ginge alles zu schnell und sahen schwarz. Sie seien zu verschieden war das häufigste Argument. Die ständigen Unkenrufe forderten das Paar nur heraus, das Gegenteil zu beweisen. Kein Zweifel trübte ihre Hochstimmung und sie beschlossen, so schnell wie möglich zu heiraten. Jessica´s Eltern waren zuerst nicht begeistert über diese Nachricht. Ihnen wäre es lieber gewesen, ihre Tochter hätte sich etwas mehr Zeit gelassen und erst einmal ein paar Jahre in ihrem erlernten Beruf gearbeitet, um sich dann langsam nach einem Mann umzusehen. Dann auch nicht unbedingt nach einem Handwerker. Nachdem sie Markus jedoch öfter erlebt hatten, lernten sie seine Willensstärke und Ehrlichkeit schätzen,  sodass sie ihre Vorbehalte aufgaben. Die Mutter warnte allerdings eindringlich davor, gleich an Kinder zu denken. Schließlich hatte Jessica wahnsinniges Glück gehabt, nach der Lehre übernommen worden zu sein. Das wollte sie doch wohl nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Genau das wollte Jessica und blickte Markus verstohlen an. Aber das musste Mutter nicht wissen. Es war ihr Leben und warum sollte sie nicht noch mal Glück haben, wenn sie in den Beruf zurück wollte? Sie würde sich nicht so dämlich dabei anstellen wie viele andere.

Drei Monate später waren sie verheiratet, verlebten glückliche Zeiten in Markus´ ererbtem Hexenhäuschen, wie Jessica es nannte. Die Freunde waren entsetzt, als sie hörten, dass die Beiden so schnell wie möglich mindestens zwei Kinder haben wollten. Aber deren Besorgnis, dadurch ihre Freiheit zu verlieren, nicht mehr genug Geld für sich selbst zu haben, teilte das Paar nicht. Sie hatten keine Angst, sie liebten sich doch. Was sollte da schon schiefgehen? Gab es etwas Schöneres, als eine richtige kleine Familie zu haben? Nicht für sie beide. Alle Bedenken taten sie ab und hatten bald darauf ihr erstes Kind, Katrin.

In der ersten Phase der Elternschaft waren sie erschöpft, chronisch übermüdet und glücklich. Katrin war ein fröhliches, zufriedenes Kind. Bald schlief sie durch und ihre Eltern erholten sich wieder. Die Großeltern waren ganz vernarrt in das Enkelkind und konnten es gar nicht oft genug bei sich haben. Nicht ganz zwei Jahre darauf waren sie zu viert, Fabian war geboren. Der Kleine schrie drei Monate durch, fast ohne Unterbrechung. So jedenfalls fühlte es sich für die jungen Eltern an. Die ständige Sorge um das Kind und die durchwachten Nächte forderten Tribut. Jessica fühlte sich bald nur noch als Mutter, war immer öfter unzufrieden und fühlte sich schuldig. Erstens, weil sie es nicht schaffte, den Jungen zu beruhigen und zweitens, weil das ununterbrochene Geschrei sie oft richtig wütend machte.

Die Hilfe der Großeltern konnte Jessica nun nicht mehr so oft in Anspruch nehmen. Sie fühlten sich zu alt, um sich um zwei kleine Kinder zu kümmern. Noch dazu, wenn eines so unruhig war. Auch zu  Hause  war die junge Frau mehr auf sich selbst gestellt, da Markus jetzt mehr arbeiten musste als früher. Ein Leben als Paar fand kaum noch statt. Abwechselnd gönnte man sich zwar gegenseitig einen freien Abend, aber das war natürlich kein Ersatz für die schönen gemeinsamen Erlebnisse außer Haus. Zu den Feiern der Freunde konnte meist nur einer gehen. Die Freude mit den Kindern, das erste Wort, der erste Schritt, entschädigte für vieles, jedoch beileibe nicht für alles. Ein kleiner Stachel steckte, noch unbemerkt, in ihrem Herzen. Bisher schmerzte er nicht.

Doch es gab auch gute Abende an manchen Wochenenden, wenn die Kinder friedlich schliefen, gerade als Fabian ein wenig ruhiger geworden war. Dann saßen und aßen sie gemeinsam, nur sie beide, richteten sich alles festlich her und machten sich gegenseitig Mut. Es war doch alles schon ein wenig entspannter geworden. Und sobald die Kinder etwas größer wären, hätten sie beide auch sicher mehr Zeit für sich. Dann würde alles wieder besser werden. Jessica begann mit bewundernswerter Selbstdisziplin, die Tage durchzuorganisieren, um ein bisschen Zeit für sich allein dabei herauszuschlagen. Das gelang ihr recht gut.

 

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