Weckruf I

Eine weitere Kurzgeschichte aus „Kreuzverkehr“ – auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Dame. Na ja, ein paar mehr waren es schon:

Ein Tag wie viele andere in den vergangenen Jahren. Ohne jede Spannung, fern jeglicher Inspiration. Die Frau fuhr einer Aufgabe entgegen, die sie nicht mochte. Seit einiger Zeit wuchs dieses drängende Bedürfnis, ganz woanders, jemand anderes zu sein, ohne jedoch im Entferntesten zu ahnen, wo oder wer das sein sollte. Deshalb würgte sie dieses Gefühl auch jetzt wieder kurzerhand ab. Es führte zu nichts und störte den ohnehin stressigen Tagesablauf: Montag bis Freitag Kinder zur Schule bringen, anschließend arbeiten von 8.00 – 14.00 Uhr, donnerstags zusätzlich von 16.00 Uhr – 19.00 Uhr. An den Nachmittagen Termine der Kinder organisieren, Fußball, Reiten, Musikunterricht, Nachhilfe. Dazwischen kochen und das Wichtigste im Haushalt.

Abends blieb dann nur noch das Sofa, gemütlich fernsehen, um abzuschalten. Gemütlich, auf Dauer aber auch langweilig und nicht wirklich zufriedenstellend. An den Wochenenden teilten sich die Eltern auf, um alles erledigen zu können. Zu Spielen und Aufführungen der Kinder gingen sie gemeinsam, sofern es sich einrichten ließ. Pro Jahr konnten sie sich einen Urlaub auf jeden Fall leisten, manchmal war auch noch eine Skiwoche möglich. Sonstigen Spielraum für Abweichungen vom Plan gab es allerdings nicht. Eigentlich funktionierte alles recht gut im Laufrad. Es gab keinen Grund unzufrieden zu sein – oder?

Jessica war eine vernünftige Frau. Das Autoradio war auf einen Nachrichtensender eingestellt, Musik machte sie oft nur traurig, lähmte ihre Aktivität auf eine störende Weise. Ihr Leben war voll durchorganisiert. Es musste sein, denn sonst liefe alles aus dem Ruder. Vielleicht würde sich in der Zukunft daran irgendetwas ändern lassen. Aber warum über Dinge sinnieren, die im Augenblick nicht hilfreich waren?

Wenig hilfreich war gerade auch ihr Navigationssystem, das zusammengebrochen war und keine Straße mehr fand. Ausgerechnet jetzt! Um 15.00 Uhr spätestens musste der 10jährige Fabian aus dem Schullandheim abgeholt werden – er hatte sich den Magen verdorben -, damit sie um 17.30 Uhr die 12jährige Katrin zum Fußballtraining fahren konnte. Und nun saß sie hier bei leichtem Nebel in der Pampa fest am ödesten Punkt der Eifel. Weit und breit war kein einziges Haus zu sehen. Sie musste das Navi neu einstellen. Unsicher fingerte sie an den Tasten herum und bereute, dass sie es nicht öfter benutzt hatte. Dann wäre alles, was ihr nun solche Schwierigkeiten bereitete, längst Routine geworden. Anstatt „Letzte Ziele“ angezeigt zu bekommen, ertönte Musik. Jessica hielt inne, sie kannte diesen Song nur zu gut. Unwillkürlich musste sie an ihren Mann denken. Es war „ I don´t want to miss a thing“ von Aerosmith, eines ihrer Lieblingslieder aus den Anfängen des Kennenlernens. Die Erinnerung traf sie völlig unvorbereitet. Und auf einmal ließ es sich nicht mehr verdrängen. Ihre Leidenschaft füreinander war auf der Strecke geblieben. Es tat weh, sehr weh. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie unsäglich sie ihren Mann vermisste. Nicht den von heute, den von damals – und den wollte sie zurück.

Und während dieser Song abgespielt wurde, für diese kurzen dreieinhalb Minuten, war der verloren gegangene Zauber zurück, befand sich Jessica genau wieder an dem Ort, wo es begonnen hatte: Mitternacht war längst vorüber. Der kleine Fiat stand auf einer Wiese am Rand des Dorfes. Sie hörte den Wind in den Bäumen, hatte den Geruch des alten Autos mit Duftbaum in der Nase und fühlte sich ein wenig schwindelig, während Markus sie zum ersten Mal so richtig fest in die Arme nahm. Dann kam dieses Lied im Radio. Er küsste ihren Hals und sang leise mit. Nicht, dass er das sehr gut gekonnt hätte, aber er tat es für sie, allein für sie. Sie spürte deutlich, dass es ernst wurde. Ein tiefes Glücksgefühl stieg in ihr auf, leichte Übelkeit drehte an ihrem Magen und die Berührungen bewegten ihre Seele. Jessica fühlte sich mit einem Mal vollständig und zu Hause. Wenn das nicht Liebe war!

Die Musik war vorüber, die Sehnsucht nach dem Augenblick blieb im Hintergrund, verschwand nicht völlig. Eine Mischung aus Trauer und Frustration trieb ihr die Tränen in die Augen, sie spürte einen Kloß im Hals. Jessica ärgerte sich schnell über diese Form der Sentimentalität. Das Leben war eben nicht immer toll! Es war jetzt einfach keine Zeit zum Jammern. Nun war also das Navi wieder dran. Die Zeit lief, die notwendigen Aufgaben hatten Vorrang.

Plötzlich klopfte es an die Scheibe. Jessica erschrak fürchterlich. Ein Mensch im Niemandsland? Neben dem Auto stand ein recht alter, unrasierter Mann in einem alten, langen Mantel. Augenblicklich kamen Jessica alte Horrorgeschichten in den Sinn, bei denen in dem Moment, als man sich ganz sicher fühlte, das Unheil auftauchte um einen zu vernichten. Ihr Herz schlug hart und schnell. Die Türen waren verriegelt, o.k.! Sollte sie einfach losfahren? Es klopfte erneut, sie sah nun genauer hin und entdeckte ein Lächeln auf dem nun gar nicht mehr so unfreundlich wirkenden Gesicht. Trotzdem blieb sie vorsichtig und öffnete das Fenster nur einen kleinen Spalt. Der Mann war ein Schäfer und hatte schon vermutet, dass sich jemand verfahren hatte. Er konnte den Weg zur Jugendherberge gut beschreiben, die gar nicht mehr so weit entfernt war, wie Jessica befürchtet hatte. Erleichtert bedankte sie sich und fuhr zurück zur Hauptstraße. Jetzt hatte sie nur noch eine Viertelstunde Weg vor sich.

8 Gedanken zu “Weckruf I

  1. Den von früher … Wir sind die von früher, von heute, und in unseren Gesichtern steht schon, wer wir später sein werden. Wir bekommen uns immer nur als Ganzes. Mit allen Wandlungen, die wir leben dürfen, müssen. Erinnerungen … Alles hat seine Zeit … klingt melancholischer, als es gemeint ist.

    Geschichte aus dem Leben, fein geschrieben.

    Gefällt 1 Person

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