Indiskret

Ich habe einen Brief gefunden. Unter einer Parkbank. Als ich mir die Turnschuhe zubinden wollte. Er war nicht an mich gerichtet. Weder Verfasser noch Adressat sind mir bekannt. Es steht nur ein Name auf dem Umschlag: Klara – mit dickem Ausrufezeichen. Wie ein Hilfeschrei oder Vorwurf. Geschrieben mit zittriger Hand. Eine Weile drehte ich ihn in meinen Händen herum. Es gibt keine Zufälle. Warum also hatte ich ihn gefunden? Nein, er ging mich nichts an.

Dennoch habe ich ihn gelesen. Nicht sofort. Erst einmal sah ich mich um.  Es musste ihn jemand verloren haben, der vor mir auf dieser Bank gesessen hatte. Aber weit und breit war niemand zu sehen an diesem nebligen Tag. Aber der Schreiber brauchte doch diesen Brief. Er fühlte sich so wichtig, so bedeutend an. Was sollte ich tun? Ihn auf die Bank legen, damit die Person ihn gleich finden konnte, wenn sie zurück käme und ihn suchte? Vielleicht das Beste. So tat ich und stand auf, um weiter gegen den Wind anzurennen und den Kopf frei zu kriegen. Ich rannte viel. Nach nur wenigen Schritten kehrte ich um. Stehe nun vor der Bank und blicke beinahe gierig auf das Schriftstück.

Ein großer Riss im verschmutzten Couvert lässt den Blick frei auf ein paar Worte: „wenn du es mir doch nur glauben“. Sie haben mich gefangen genommen. Sofort muss ich mehr wissen. Will ich doch selbst so gerne wieder etwas glauben und scheitere mit meinen Versuchen. Verunsichert und wankelmütig wie ich bin zur Zeit. Weil ich mich nicht mag. Nicht mehr mag. Daraus folgt, dass auch andere mich nicht mögen können. Nicht wahrhaftig. Demnach muss es gelogen sein, wenn jemand mich seiner Zuneigung versichert. Also ist derjenige ein Lügner und verfolgt ein hinterhältiges Ziel. Ich muss mich schützen vor Lügnern, darf sie nicht eine Handbreit in mein Leben lassen. Nie wieder.

Nun Schluss von mir, ich bin ganz unwichtig. Zurück zu diesem Brief. Ich nehme ihn auf, lege ihn wieder hin. Dann ziehe ich blitzschnell die Seiten aus der Öffnung und beginne aufgeregt zu lesen, was nicht für meine Augen bestimmt ist:

„Liebste Klara,

es macht mich so unsagbar traurig, was da gerade mit uns passiert. Wie wir uns voneinander mehr und mehr entfernen. Auf jeden Schritt, den ich auf dich zugehe, weichst du zwei zurück. Sagst, du willst kein Mitleid. Welches Mitleid? Ich weiß nicht, was ich dazu getan habe. Sehe nur, wie du leidest, wie dich plötzlich alles stört an dir. Wie deine Lebensfreude und Abenteuerlust verschwindet. Deine Angst, alt und nutzlos zu werden. Von mir nicht mehr geliebt zu werden. Ohne Grund, ohne Anlass – jedenfalls in meinen Augen.

Deshalb schreibe ich dir nun. Ich lege meine ganze Seele in diese Worte, damit du dich mit meinen Augen sehen kannst. Dich siehst, wie ich dich sehe.

Ich sehe diese Frau, meine Frau, deren herzliches Lachen mich bezaubert. Das wundervolle, leuchtende Haar, das der Wind fliegen lässt. Ja, du hast ein paar Falten bekommen. Doch hättest du es nicht gesagt, sie wären mir verborgen geblieben.

Ich sehe die jungen Augen, deren Strahlen mir das Heimkommen versüßt. Immer. Ich liebe es, nach einem anstrengenden Tag nach Hause zu kommen und dich in meinen Armen zu spüren. Diesen weichen, warmen Körper, der noch immer diese herrlichen Proportionen hat, obwohl er dir zu dick ist, und dessen Geruch unwiderstehlich ist.

Ich sehe den schönen Mund, der manchmal spöttisch sich verzieht. Der so viele kluge Worte schon ausgesprochen hat, die dein wacher und rebellischer Geist zu formen in der Lage ist. Der mir erst klar gemacht hat, wer ich wirklich bin. Der sich keine Rede je hat verbieten lassen. Der mich so oft mit heißen Küssen geweckt hat.

Ich sehe deine schlanken, wohlgeformten Knöchel, die ich schon immer geliebt habe, die dich selbst in Turnschuhen grazil wirken lassen. Deine zarten und doch starken Arme, deren Härchen golden leuchten, wenn dich die Sonne gebräunt hat, lassen mich noch immer erbeben.

Ich sehe die königliche Linie deiner Schultern, deinen geraden Gang, der mich stolz macht. Stolz auf dich, meine geliebte Klara.

Bitte, bitte, verbirg dich nicht vor mir. Bedecke dich nicht hastig, wenn ich durch die Tür trete. Ich will dich sehen. Denn alles was ich sehe, liebe ich. So war es, so ist es und so wird es bleiben. Das ist die einzige Wahrheit zwischen uns, meine Wahrheit, die auch wieder die deine werden soll.

Ich wünsche mir so sehr, dass du all dies nun auch siehst.

Ach, wenn du es mir doch nur glauben würdest.“

Mit tränenblindem Blick falte ich die Seiten zusammen und stecke sie sorgsam zurück. Nein, dieser Brief ist nicht für mich geschrieben worden. Ich hätte ihn gar nicht lesen dürfen. Muss sofort alles vergessen. Alles, was mich so aufgewühlt hat. Scham steigt in mir auf.  Aber Klara muss ihn lesen. Wenn ich so etwas gesagt oder geschrieben bekäme, ich würde es glauben. Würde ich?

Eine Gestalt löst sich aus dem Nebel und nähert sich hastig der Bank. Das muss der Schreiber sein. Ihm könnte ich jetzt unmöglich ins Gesicht sehen. Er würde sofort merken, dass ich etwas Ungehörige getan, durchs Schlüsselloch geguckt habe. Nichts wie weg hier. Nur nicht weiter über Klara nachdenken – oder über mich? Was hat das mit mir zu tun?

Es gibt keine Zufälle.

 

 

 

29 Gedanken zu “Indiskret

  1. Ein spannender Anfang! Castorp schickt mich zu Dir. Er schrub, es lohne sich. Jo, da hat er allerdings Recht.
    Danke für diesen spannenden Anfang in einem Nebel.
    Daphne du Maurier beginnt ihren Rebecca-Roman ähnlich geheimnisvoll, sie ließ den Leser erst von Manderley träumen und dann lehrte sie ihn Rebekka zu erkennen und im Mittelpunkt stand eine zarte und dünne Person und Rebekka war wohl Max‘ große Liebe gewesen, eine tragische, doch namenlos bleibende Erzählerin. Sie steht zuletzt für den Frieden und Versöhnung. spannend wohin dein intensives Erzählen führt mich weiter und weiter. Liebe Grüße von der Karfunkelfee✨

    Gefällt 2 Personen

    1. Klar … das sind einfach verschiedene Herangehensweisen …
      Ich schließ halt oft von mir auf andere, deshalb dachte ich, das Ich wärst du….
      Und dann kommt Ananda immer gleich angerannt wie die Feuerwehr tatütata Irgendwer da, den ich hier retten kann
      😆😆😆

      Gefällt 1 Person

      1. Und dieses Gefühl, dass da jemand auf mich aufpasst, wärmt mich. Während ich etwas schreibe, bin ich dieses ich, diese sie, dieser er und durchlebe das. Es kann schon recht anstrengend sein. Und wie ich schon einmal schrieb – irgendwo – auf diese intensive Art ist es schon auch in gewisser Weise biografisch und keineswegs nur fantasy. In dieser Geschichte war ich am tiefsten in diesem Mann, Teil seiner Hilflosigkeit. Hm, wenn ich das so durchlese, klingt es ganz schön schräg. Aber so ist es.

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      1. Och, auch ich falle schon mal völlig zusammen, ganz massiv, bin absolut mutlos. Doch dann kommt der Zorn und bringt meine Energie und den Kampfeswillen zurück. Ich bin eh der Überzeugung, man hat immer nur zwei Möglichkeiten: aufgeben oder dagegen angehen. Den starken Willen dazu hat meine Oma mir vererbt. Dafür bin ich sehr dankbar.

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    1. Wie ich schon Ananda antwortete, es ist eine ausgedachte Geschichte, ausgelöst von Beobachtungen, die mich beschäftigen. Ich hab mir dann gedacht, wie kann man das auflösen? Einem gesprochenen Wort würde gleich eine Widerrede folgen. Also ein Brief. Den jemand findet, der auch in ähnlicher Situation ist. Außerdem können viele Menscheen über wahre Intimität nicht sprechen, verstummen oder werden vulgär. Das geht an tiefen Empfindungen völlig vorbei. Dabei hab ich mir überlegt, wie viele Kleinigkeiten es sind, die ich z. B. an meinem Mann liebe.

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  2. Ich habe den Brief nicht gelesen
    Mich schreien nur ein paar Worte an in Neon Buchstaben
    „Ich bin unwichtig “
    Ich habe dazu einen Text in meinem Blog … „Du“ überschrieben … der fällt mir dazu ein …

    Und das blöde alte Ding:
    Wenn nicht du, wer dann ?

    Und ich bin gerade sehr berührt …
    Sich selbst unwichtig finden …
    Das stimmt mich traurig …
    DU bist der wichtigste Mensch in deinem Leben
    Ohne DICH geht gar nix

    Hab dich lieb
    Sei gut zu dir
    Du wirst noch gebraucht

    ❤❤❤❤❤❤❤❤❤

    Gefällt 3 Personen

    1. Zwar ist es nur eine ausgedachte Geschichte, aber auch mir sind solche Selbstbeschädigungen nicht ganz fremd. Ich höre gerade zunehmend von Frauen ab Mitte 40, dass sie erst an sich, ihrer Anziehungskraft, und folgend an den Gefühlen ihrer Männer zweifeln. Da ist ganz viel Angst unterwegs.
      Ich selbst bin mir meistens sehr wichtig. Nichts desto trotz hab ich mich sehr über deinen Kommentar gefreut.

      Gefällt 1 Person

      1. Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, ob es eine „wahre“ oder „erfundene“ Geschichte ist … und wo da so wirklich der Unterschied ist … aber …

        Bislang hatte ich entweder keine Schwierigkeiten, das auseinander zu halten oder ich lag ständig völlig falsch … keine Ahnung …

        Wenn ein Text im Blog mit „Ich“ anfängt, dann denke ich, derjenige spricht über sich.
        Aber da schließe ich wahrscheinlich wieder automatisch von mir auf andere …
        Was ich schreibe über mich, das bin ich auch … denn ich denke … ich kann nur von mir reden, ich kann nur erzählen, was ich selbst er-lebt habe … und ich glaube halt auch, dass es das ist, was vielleicht einem anderen Menschen helfen kann …
        Mit-ge-teiltes Leben …

        Aber ich les ja auch schon lange keine Romane mehr 😉

        Alles Liebe ❤

        Gefällt 1 Person

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