Apollo

Apollo war unser letzter Hund. Eigentlich war er Neles Hund. Er hat es ihr ermöglicht, trotz fortgeschrittener Krankheit ab und zu alleine unterwegs zu sein.

Ich wollte eigentlich keinen Hund mehr haben, weil ich keinen weiteren Tod eines Haustieres mehr erleben wollte. Mein erster Hund war Jolly, eine hochbeinige Beatle-Hündin aus einer aufgelösten illegalen Zucht. Nach zwei Wochen kam noch Coco hinzu aus dem gleichen stinkenden Verlies, als ich hörte, dass die verbliebenden Welpen an ein Versuchslabor gehen sollten. Außerdem brauchen Beagle Gesellschaft anderer Hunde. Für Coco entschied ich mich, weil sie so ein Unglücksrabe war, sehr zart, offensichtlich schlecht sah und sämtliche Ecken mitnahm. Das war wohl so ein Schutzinstinkt. Coco lebte nicht sehr lang, aber bis dahin ging es ihr gut bei uns.

Jolly hingegen war stark, unternehmungslustig, büchste auch mal aus.  Sie war mein treuer Begleiter auch in den schweren Jahren. Wie oft kauerten wir gemeinsam unter dem Tisch, wenn es so richtig dreckig ging. Dann bekam sie Krebs. Es betraf die Gebärmutter, obwohl sie einmal Junge bekommen hatte. Tapfer wie sie war, zeigte sie ihre Schmerzen erst sehr spät – zu spät. In der Woche vor ihrer Operation zerdrückte ich ihr Schmerzmittel im Trinkwasser, trug sie zur Kuhweide, wenn sie mal musste, legte sie nachts auf den Rücksitz des Autos und führ über die Dörfer. Das Schaukeln brachte sie zum Schlafen. Zwei Tage nach der OP ging es ihr plötzlich unerwartet schlecht. Der Tierarzt stellte fest, dass die Nieren versagten. Ihr Kopf lag in meinem Schoß. Nie werde ich ihren letzten Blick vergessen, bevor sie starb. Ich hab sie sehr geliebt, die Kinder hingen auch stark an ihr. Lange saß ich danach auf dem Bahnhof und wusste nicht, wie ich das meinen Kindern beibringen, wie ich es selbst verwinden sollte. Nur ein Hund – von wegen!

Nie wieder wollte ich das erleben. Noch  kein Jahr war vergangen, als ich am Kindergarten im Kofferraum eines Autos drei Welpen sah. Der Besitzer wollte sie ersäufen, wenn sie niemand wollte. War doch klar, dass ich einen mitnehmen musste. Es war so unpassend zu jener Zeit, konnten wir uns doch nicht ausreichend kümmern. Zwar wurde er gepflegt, aber es fehlte bei mehreren Jobs die Zeit für angemessenen Auslauf. Nachdem der Kleine sauber und geimpft war, konnte ich ihn in gute Hände abgeben.

Dann kam Apollo. Wir hatten uns für einen Golden Retriever entschieden, Tierheim war aufgrund der Aufgabe als Begleithund keine Alternative. Aber eine professionelle Zucht wollte ich auch nicht. Bei einem Privathaushalt wurden wir fündig. Die Familie hatte zwei Hündinnen, von denen eine vier Welpen geworfen hatte, die wir uns ansehen durften. Zuvor hatten wir mehrere Telefonate, in den wir über unsere Wohn- und Familiensituation berichteten. Den Besitzern war das wichtig und mir sehr sympathisch. Also fuhr ich an einem sonnigen Tag mit Nele  los.

Nach etwa zwei Stunden erreichten wir unser Ziel, ein Einfamilienhaus mit großem Grundstück. Ein nettes, fröhliches Paar empfing uns freundlich. Es wurden noch einmal Informationen gewechselt, dann durften wir die Hunde sehen. Sie tobten auf der Wiese herum. Apollo, Artos, Arielle und Athene hießen die Welpen. Nach einer kurzen Zeit des Beschnüffelns, während wir in der Hocke mit den Kleinen spielten, war es Apollo, der sich zuerst unter Nele, dann unter mich setzte. Klar, mein Schatten war größer. Die Entscheidung war gefallen, Apollo hatte uns ausgesucht. Zwei Wochen später durften wir ihn abholen. Er gewöhnte sich schnell ein. Einige Besuche der früheren Besitzer folgten. Sie waren zufrieden mit uns und der Entwicklung des kleinen Hundes.

War Nele im Krankenhaus, nahm ich ihn oft mit. Kündigte sich bei ihr ein neuer Schub an, merkte er es früher als jeder andere und bewachte sie auf Schritt und Tritt. Apollo war wunderbar, nie krank, hatte ein sonniges Gemüt, war völlig unkompliziert und wurde schnell zum Liebling aller. Nach Neles Tod war er uns noch näher, besonders dem jüngsten Bruder. Mit fast 14 Jahren starb er. Wir waren alle bei ihm, bis es zu Ende war. Selbst der ältere Bruder kam extra angereist.  Es war ein schmerzhafter Abschied, denn er war uns genauso lieb wie jedes andere Familienmitglied.

Und deshalb möchte ich keinen eigenen Hund mehr.

9 Gedanken zu “Apollo

  1. Das erinnert mich an meinen ersten Hund. Er hat mich durch Zeiten schwerster Krankheit getragen. War mein treuster Begleiter während einer Zeit in der mich die Krankheit so sehr im Griff hatte dass soziale Kontakte außerhalb meiner Familie nicht mehr möglich waren. Auch er hatte Krebs, ein Jahr habe ich gekämpft. Gegen den Lupus und gegen den Krebs. Den Tag an dem ich ihn auf seinem letzen Weg begleitet habe werde ich nie vergessen.

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  2. Traurig😔, Apollo und Nele. Wenn man das so liest, wird man richtig traurig. In unserer Familie gibt es viele, die unter Tierhaarallergien leiden, so dass Haustiere uns noch nie thematisch berührten. Trotzdem kann ich gut nachempfinden, dass du keinen Hund mehr möchtest. LG Ela

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  3. Wir hatten auch eine ganz liebe Hündin, die war 15 oder 16 Jahre alt, wie wir sie einschläfern lassen mussten. War das furchtbar.
    Meine Mädels haben wieder einen, obwohl sie das auch nicht mehr wollten.
    Jetzt wie ich alleine wohne geht ein Hund leider nicht mehr, weil ich auch viel unterwegs bin, aber ich wollte sehr gerne wieder einen… irgendwann…

    Liebe Grüße
    Thomas

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  4. Ach ja, das kenne ich so gut. Buddy ist unser sechster Hund.
    Jedesmal hab ich gesagt ’nie wieder‘, aber das ging gar nicht.
    Ohne Hund würde ich eingehen wie eine ’nicht mehr gegossene Primel‘
    Du hast liebevoll eine (nicht immer) traurige Geschichte erzählt!

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  5. Ich kann das gut nachvollziehen. Das Herz hängt so dran und es tut so weh, wenn man loslassen muss. 😕 Für die 14,5 Jahre mit Jule bin ich sehr dankbar, aber nun gibt es keinen Hund mehr. Partner ist allergisch und wir sind außerdem jeden Tag 9 h außer Haus. LG, Susanne

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  6. Ein Hund ist wirklich ein Familienmitglied. Mit dem Hund kann man sprechen. Er reagiert darauf und ist sehr feinfühlig. Eine Katze hingegen bleibt ein Wildtier, auch wenn sie sich gern verwöhnen lässt. Der kranke Kater 🐱 hat uns allerdings ebenso mitleiden lassen. Zum Glück wurde er wieder gesund. Ich kann gut nachfühlen, wie es Euch bei Appollo geht, aber er kann ja jetzt Nele wieder treffen.

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