Disco, Disco!

Der letzte Abend vor der Heimfahrt, Lenas erster Besuch einer Disco. Überfallen, überwältigt von den widersprüchlichsten Gefühlen erlebte Lena die Unternehmung. Zwischen Lachen und Tränen, Überschwang und Schmerz ließ Lena die Musik in sich eindringen, bis ihr schwindelig wurde.

Ja, es hatte schon Partys gegeben, privat, am Schulfest und im Gemeindehaus. Alles auch aufregend zum Anfang. Aber das hier war etwas anderes. Bisher hatte Lena sich stets wild hineingestürzt in die Musik, suchend, war eins geworden mit den Rhythmen, hatte sich davon antreiben lassen, von der Vorstellung, was alles sein konnte in der Zukunft. Allein tanzte sie, nur die schnellen Songs. Jede fremde Berührung, jedes Führen hätte nur gestört. Eigentlich tanzte es mit ihr, aus ihr heraus. Dann erkannte sie sich wieder in so vielen Texten, fühlte sich verstanden und angekommen und vermisste doch so viel, ohne es zu verstehen. Sie hatte Sehnsucht, Hoffnung, Verzweiflung und Hochgefühl herausgetanzt, ekstatisch, getrieben, und war anschließend leer und deprimiert nach Hause gegangen in dem Bewusstsein, dass die schöne Illusion endete, sobald die Töne schwiegen. Dann fiel sie tief in der Stille der aufkommenden Nacht. Allein war sie und niemand verstand sie. Gut, Becky schon oft. Aber die lebte auf einem helleren Stern als Lena. Und da sprachen die Erwachsenen immer vom Glück und der Blüte der Jugend. Entweder verstanden sie gar nichts, logen sich an oder hatten ihre eigenen Zustände einfach vergessen.

Geliebt, verstanden, gefühlt hatte sie auch den Blues schon immer. Aber oft war genau das schmerzhaft gewesen in der Vergangenheit. Und den Teufel hätte sie getan, diese Verletzlichkeit jemanden sehen zu lassen. Deshalb ergab sie sich ihm und seiner Kraft nur in der Abgeschiedenheit ihres Zimmers. Stark würde sie sein, würde sie bleiben müssen. Sonst wäre sie verloren und würde untergehen. Vielleicht war das ohnehin ihr Schicksal, aber kampflos würde sie sich niemals ergeben.

Hier war das nicht Kindergarten für Teenager unter Aufsicht. Zwar war auch älteres Publikum in der Disco, aber sie wurde genauso behandelt wie jeder andere Gast und nicht beobachtet. Und sie war nicht allein, würde in angenehmer Begleitung feiern und tanzen. Allein nach Hause gehen musste sie auch nicht. Es war wundervoll. Frei und aufgehoben zugleich zu sein. Einen festen Freund zu haben. Mit ihm zusammen zu tanzen, den Blues zu genießen. Glücklich zu sein und nicht nur total überdreht sich in Ekstase zu drehen, um danach umso tiefer abzustürzen. Einziger Wermutstropfen war die Tatsache, dass Lena am nächsten Tag würde abreisen müssen, um erneut ein Jahr auf ein Wiedersehen zu warten. Aber selbst das war ihr in diesem vollkommenen Augenblick egal.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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