Die Einladung

Zu Lenas Verdruss hatten ihre Eltern Tobi am Abend eingeladen, um ihn etwas näher kennen zu lernen. Genau das wollte Lena aber nicht. Sie sollten sich aus ihrem Leben raushalten. Ein bisschen viel verlangt, wie Tobi meinte, bei ihrem Alter.

Es wurde schließlich ein ganz netter, lustiger Abend ohne Inquisition. Ihr Vater konnte ja auch sehr lustig sein. Offenbar war es nicht sein Ziel, Tobi vor Lena bloßzustellen. Wieso Lena solche Befürchtungen hatte, wusste sie selber nicht. Eigentlich war er nie ein intriganter Mensch gewesen. Aber bei eifersüchtigen Vätern musste man ja mit allem rechnen. Die Gespräche liefen entspannt und gleichberechtigt ab. Nur dass Tobi immer ihrem Vater Recht gab anstatt ihr, missfiel Lena sehr. Die Schule war toll, musste mit Ernst durchgezogen werden, Regeln waren wichtig und deren Befolgung auch? Hä? Warum sagte er das? Er musste nicht ihrem Vater oder der Mutter gefallen, sondern ihr, verflixt nochmal!

Später darauf zur Rede gestellt, meinte er, es sei einfach vernünftiger, Erwachsene nicht zu brüskieren oder zu verunsichern. Auch wenn man dazu nicht die Wahrheit sagte? Auch dann! Nein, dem konnte sie auf gar keinen Fall zustimmen. Das war ihr zu unterwürfig. Obwohl die Strategie Wirkung zeigte. Zwar blieb Segelfliegen außen vor, aber Lena durfte allein mit Tobi einen Tag auf die hauseigene Alm wandern, mit der jugendlichen Meute einmal nach Kufstein und tatsächlich am letzten Abend mit zum „Kuhstall“. Die liebste Abendbeschäftigung blieben jedoch die Abendspaziergänge in der Dämmerung und die gemeinsamen einsamen Stunden in der Scheune.

Während Lena darüber sehr glücklich war, musste die Mutter ihr ganz im Vertrauen erklären, wie das mit den Männern sei. Tobi habe sicher im Laufe eines Jahres noch mehr Freundinnen. Sicher ältere, mit denen er mehr anfangen konnte. Sie brauche sich auf seine Aufmerksamkeiten nicht so viel einzubilden. Außerdem sei die Familie viel zu katholisch, um eine Evangelische zu akzeptieren. Obwohl Lenas Interesse ganz allein bei Tobi lag, den vertrauten Stunden, die sie gemeinsam hatten, tat das weh.

So reagierte Lena am kommenden Abend sehr gereizt. Das, obwohl sie noch gar nicht an Zukunft oder gar Heiraten dachte. Aber die Spitzen saßen, schienen sich zu entzünden. Tobi zeigte ihr strahlend eine Stelle am Berg, eine große Lichtung zwischen den Wäldern.

„Schau Mädel, das alles gehört mir. Da stell ich mir immer vor, dass ich dort ein Haus baue und mit dir und unseren Kindern wohnen werde. Wär das nicht schön? Was sagst du?“

Obwohl es eine so schöne Vorstellung war und sie förmlich spüren konnte, wie ehrlich dieser Wunsch gemeint war, wieviel Zuneigung und Achtung darin lagen, musste Lena die Messer wetzen.

„Ach ja? Hast du denn schon deine Mutter gefragt? Sie wird wohl kaum damit einverstanden sein. Schließlich bin ich nicht katholisch.“

Tobi schwieg eine Weile, mit gesenktem Kopf. Sie hatte es geschafft. Alle Freude war verschwunden. Traurig sah er sie an.

„Nein, sie wird sicher nicht ihre Zustimmung geben. Sie mag dich sehr. Das hat sie mir schon gesagt. Aber nein, das wird sie nicht erlauben.“

„Frag sie doch einfach mal ganz offen. Außerdem könntest du dich dem ja auch einfach widersetzen.“

„Das kann ich nicht tun. Ich kann ihr doch nicht noch einen Schlag versetzen. Sie hat es doch gerade schwer genug. Bitte versteh das doch!“

„Also ein Schlag für deine Familie bin ich. Dann weiß ich ja endlich, wo ich stehe!“

„Geh bitte! Sei doch nicht so kalt. Das bist doch nicht du. Was soll ich denn tun? Du weißt, wieviel auch meine Geschwister von dir halten. Glaubst du denn, mir geht es gut damit? Ich versuche nur, einfach nicht daran zu denken, weil es so gut ist mit uns.“

„Das kann ich aber nicht. Ein bisschen träumen schon, aber keine völlig unrealistischen Zukunftspläne. Wir lassen das jetzt besser, wir sind ja eh noch viel zu jung.“

„Du hast Recht. Lass uns gehen. Und wenn du katholisch wirst?“

Die letzten Worte hatte Tobi sehr leise, wie zu sich selbst, gesprochen. Da hatte er was losgestoßen.

„Ich katholisch werden? Niemals! Ich lass mich doch nicht zwingen zu etwas, wovon ich nicht überzeugt bin. Zölibat halte ich für totalen Blödsinn und die Beichte lehne ich ab. Außerdem kann es doch nicht sein, dass ich die größten Verbrechen begehe und nach der Beichte ist für mich alles wieder gut. Und was ist mit meinen Opfern? Die werden doch verhöhnt dadurch. Ihr seid wirklich anständige Leute, die nicht nur in die Kirche gehen, alle zusammen, ihr lebt auch danach. Aber das mach ich sicher nicht.“

„Nicht aufregen, bitte. Ist ja gut. Habe doch nur laut gedacht. Gib mir die Hand und beruhige dich.“

Tobi drückte Lena noch einen Kuss auf die Stirn, dann gingen sie schweigend zurück. Das Thema wurde nie mehr angesprochen.

 

4 Gedanken zu “Die Einladung

  1. Die Katholen. Mit 14 bin ich in ein rabenschwarzes Dorf gezogen. Dort wurde auch auf die „rechte“ Konfession geachtet, und bei minderjährigen Freundschaften wurde „Familienrat“ gehalten. Selbstverständlich wurde auch die „richtige“ Partei gewählt.

    Ansonsten: Praktisch, die Beichte. alles wieder gut dann. Nicht so`n ewiges Moralgenörgel wie bei der anderen Fraktion 😉

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