Tirol im zweiten Jahr

In jenem Jahr begannen die Ferien spät, sodass Lenas vierzehnter Geburtstag bereits vor dem Urlaub stattfand. Schon zwei Wochen zuvor war sie krank vor Aufregung. Was, wenn alles, wovon sie ein Jahr lange gezehrt, worauf sie ihr ganzes Leben und Sehnen ausgerichtet hatte, nur eine Illusion gewesen war? Wenn die aufgestaute Vorfreude zur größten Enttäuschung führen würde? Wenn die Liebe nur noch einseitig oder gar nicht mehr vorhanden war? Oder wenn sie selbst Tobi beim Wiedersehen gar nicht mehr so gern mochte, allen Briefen und schönen Träumen zum Trotz? Wie sollte sie sich verhalten in einem solchen Fall? Fragen über Fragen, die eine massive Magenverstimmung und Appetitlosigkeit zur Folge hatten. Auf die es keine Antwort gab, weil Lena niemandem diese Fragen stellte.

Becky war bereits im Urlaub. Ohnehin nahm sie solche zermürbenden Gedanken nicht ernst, hielt sie für überflüssig. Warum Angst haben und wovor? Es lief doch alles, floss immer weiter, das Leben. Lena hatte es wirklich versucht, auch so zu denken. Machte es doch alles viel leichter. Irgendwie hatte Becky auch Recht damit und für kurze Augenblicke konnten ihre Worte sogar trösten. Angst und Grübeln änderten ja wirklich nichts. Aber Lena konnte es nicht fühlen. In ihrem Kopf hing diese dunkle Wolke angefüllt mit dem Bewusstsein, immer alles wieder zu verlieren, Glück niemals festhalten zu können. Und auch das Störfeuer aus diffusem Schuldbewusstsein, das ihr Gutes nicht zugestand, war gerade wieder allgegenwärtig. Stets war ihr so, als müsse sie sich auf das Schlimmste, auf großen Schmerz vorbereiten, sich dagegen körperlich abhärten. Sich selber Schmerzen zufügen, um die Verletzungen von außen nicht mehr zu spüren.

Lena fühlte sich elend und krank an jenem strahlenden Sommermorgen, als sie die Reise antraten. Ich kann nicht, will nicht, kriege keine Luft, hämmerte es in ihrem Kopf. Doch sie konnte und sie bekam Luft. Sie starb nicht auf der Rückbank, noch blieb die Zeit stehen. Die Stunden vergingen einfach so, ereignislos, nicht beeinflussbar. Ob das gut oder schlecht war, konnte sie nicht ergründen. Und während sie noch völlig erschöpft in diesem seltsamen Zwischenraum/Dämmerzustand nach Antworten suchend, nicht wusste, ob sie wachte oder träumte, fuhren sie schon ab von der Autobahn. Da war es wieder, dieses unfassbare Grün, und dahinter erhoben sich die Berge. Wie weggeblasen die Erschöpfung und auch die dunkle Wolke. Ruhe, Frieden und Zuversicht.

 

2 Gedanken zu “Tirol im zweiten Jahr

  1. Das, was Du im letzten Abschnitt beschreibst, so genau geht es mir auch, wenn ich dann das Stückchen Brenner hochgefahren bin, Ausfahrt Stubaital und dann egal ob im Winter, alles weiß und prächtig oder im Sommer so grün und mächtig und der Gletscher seinen weißen Rücken zeigt…
    wunderschön beschrieben

    Liebe Grüsse
    Thomas

    Gefällt 1 Person

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