Ein bisschen Wehmut sei erlaubt

Heute habe ich – passend zum Wochentag – frei. Obwohl dieser Tag ja eigentlich der Göttin Freya gewidmet ist, deshalb so genannt wird. Freitags also muss ich nicht in die Schule. Es sei denn, es herrscht der ganz große Notstand. Vor meinem Flug nach Neuseeland wollte ich dann doch mal eine kleine Inspektion machen. Daher ganz früh zur Blutabnahme.

Die Ärztin, die nach eigener Aussage schon fast vergessen hatte, wie ich aussehe, hat ihre Praxis in dem Ort, in welchem wir 25 Jahre gewohnt haben. Ich habe sie als Hausärztin behalten, weil sie mich akzeptiert und mich nicht zutextet mit Vorsorgeuntersuchungen und anderen Maßnahmen, die man privat Versicherten so gerne aufschwätzt und die das gesamte System belasten, sodass für die wirklich Bedürftigen zu wenig Mittel vorhanden sind. Das aber nur nebenbei.

Um acht Uhr komme ich aus der Praxis. Die kleine Bücherei, in der ich noch etwas abholen muss, öffnet erst um neun. Deshalb erledige ich bis dahin noch ein paar Einkäufe. Es ist ein relativ kleiner Ort, wenn man die mehr oder weniger kühlen Neubaugebiete ausblendet, die heute vier ehemals eigenständige Dörfer unvorteilhaft miteinander verbinden. So gehe ich zu Fuß durch die Straßen mit alten Fachwerhäusern und „Neubauten“ aus den Sechzigern. Am frühen Morgen einkaufen zu gehen in altbekannten Läden ist etwas ganz Anderes als um diese Zeit zur Arbeit zu fahren. Alles ist so vertraut und doch ganz anders.

Ich genieße meinen Gang durch die Vergangenheit. Es riecht noch wie damals. Beim Bäcker, beim Metzger, in dem winzigen Blumenladen. Kann man schon damals sagen?  Na ja, es fühlt sich ganz schön weit weg an. Diese Zeit, als noch alle fünf Kinder gesund waren. Da bin ich jetzt – in dieser Zeit.

Ein Kind im Tragetuch, eins auf der Hüfte, mit großer spanischer Flechttasche auf der Schulter,  während die anderen herumalbernd nebenher laufen und sich auf eine Kleinigkeit nur für sich freuen. Ich laufe durch Pfädchen, über den Bach, durch die Gärten, überquere den Spielplatz. Oft sammle ich dort erst die Größeren und ein paar Freunde auf, die mir erst noch ihre neuesten Kunststücke zeigen, bevor es weitergeht. Zwischen zwei Gehöften hindurch, auf deren Wiesen noch einige Kühe in Eintracht mit Gänsen und Hühnern umherlaufen, erreichen wir den bescheidenen Parkplatz zum früheren HL. Supermarkt trifft es nicht wirklich, aber auf begrenztem Raum bekommt man alles, was man braucht. Alle kennen sich hier. Bauern, Personal, Geschäftsleute, Neubürger bunt gemischt. Ein kleiner Schwatz hier, eine witzige Bemerkung dort. Locker und unbeschwert ist das Einkaufen, ohne Hetze. Die Bauern schimpfen ein wenig über die Politik, die Geschäftsleute fragen andere Einkäufer, wann diese denn mal wieder bei ihnen vorbeikommen, die Hausfrauen geben Gerüchte weiter und erweitern diese stets um eine Nuance. Nichts davon ist richtig bösartig, eher witzig.

Wenn ich Glück habe, treffe ich Nachbarn mit Auto, die meine Einkäufe mitnehmen. Meistens hab ich das Glück. Dann laufen wir noch zu der Eisdiele. Sie befindet sich in den  engsten Gassen des alten Dorfkerns. Die italienischen Besitzer, Garanten für wirklich gutes Eis, haben ein altes Bauernhaus mit großem Hof renoviert, aus- und angebaut. Mit großer Phantasie und Heimweh haben sie Türmchen gebaut, ein zum Teil offenes  Gewölbe errichtet und mit bunten Kacheln versehen. Überall hängen kleine bunte Lämpchen. Ebenfalls bunte Fenster von dreieckig über halbrund bis rund verstärken noch den märchenhaften Charakter. Zwischen den großen Oleanderpflanzen und zwei Palmen in Kübeln wähnt man sich fast im Süden. Manchmal ertönt Musik vom Typ „italienische Nacht“. Die Kinder mögen das sehr und bisweilen, das muss ich zugeben, auch ich. Hier trifft man sich, es ist immer voll. Um die Ecke gibt es noch eine Pizzeria, deren hintere Räume am Wochenende als Disco dienen. Wenn die Mutter faul ist – soll ja vorkommen-, nehmen wir von hier das Abendessen mit nach Hause.

Der Rückweg führt vorbei an der hübschen alten Kirche, gegenüber der „Linde“, die immer noch unverändert Gäste bewirtet. Im nächsten Gässchen befindet sich der Buchladen mit all seinen Schätzen. Dann noch den Berg hinauf und wir sind zu Hause. Schön war`s. Besonders die Zeit mit den Kindern, so anstrengend es manchmal war, habe ich über alle Maßen geliebt.

Heute bin ich den Weg zum Buchladen mit dem Auto gefahren. Und auch das Dorf hat sich nicht nur zu seinem Vorteil verändert. Die Leichtigkeit spüre ich nicht mehr. An meinen liebevollen und leicht wehmütigen Erinnerungen hat das nichts geändert. Es gab auch blöde Tage, ärgerliche Begenungen, Enttäuschungen. Doch sie überwiegen bei Weitem nicht das Schöne und daran will ich heute nicht denken.

Ich liebe mein Leben auch heute, bin dankbar für viele Erlebnisse und kann es durchaus genießen, weniger Sorgen zu haben, aber ich merke immer wieder, welch starkes Element in meinem Leben Kinder sind.

 

Ein Gedanke zu “Ein bisschen Wehmut sei erlaubt

  1. Das hört sich schön an. Und noch schöner, dass die guten Erinnerungen überwiegen.

    ICh bin auf einem kleinen Dorf aufgewachsen, das war vom Anschauen her sehr idyllisch, aber das Leben war es eher nicht. Mich zieht nichts mehr dorthin.

    Gefällt 2 Personen

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