Am Ende des Weges

Der alte Mann hatte nicht mehr viel Zeit. Er hatte nie viel geredet. Nun lag er in seinem Bett, den Kopf durch drei weiße, dicke Kissen gestützt, neben sich am Boden zwei hohe  Stapel. Einen mit Zeitungen, einen mit Büchern. Sein Leben lang hatte er viel gelesen, auch während er zu Fuß unterwegs war. Es war die eine seiner Leidenschaften.

Die zweite war der Computer, seit drei Jahren auch sein Laptop, weil er dieses auch vom Bett aus bedienen konnte. Denn immer öfter fühlte er sich schwach. Jedoch hatte er es in den letzten Tagen nicht mehr beachtet. Statt dessen erzählte er. Von seiner schönen Mutter, die selbst im Alter noch jung ausgesehen hatte, weil sie stets eine schwarze Perücke getragen hatte und nach der neuesten Mode gekleidet war. Er schwärmte förmlich und man konnte sie vor sich sehen. Diese imposante, vornehme, kluge  und Aufsehen erregende Dame, die große Gesellschaften auf dem eigenen Rittergut ausrichtete und  so wunderbar tanzen konnte. Ein Lächeln lag über dem sonst so ernsten Gesicht.

Die dritte Leidenschaft war Nachtisch – in jeder Form. Bei der Verteilung der Nachspeisen wachte er fast eifersüchtig darüber, dass keines der drei Kinder mehr bekam als er und reklamierte stets einen Nachschlag für sich. Ließ man ihn in der Küche mit den süßen Schüsseln allein, so konnte es geschehen, dass er fast alles aufgegessen hatte. In der Beziehung war er auf der Stufe eines maßlosen Kindes. Auch sonst zeigte er oft einen gewissen Futterneid.

Ich hatte ihn zusammen mit seiner Familie kennengelernt während eines Hausverkaufs. Er fiel mir gleich auf, weil die Schnürsenkel seiner Halbschuhe unverknüpft an den Seiten herunterhingen und er auch während der Baubegehung unentwegt in einer Zeitung las. Irgendwie war mir das sympathisch. Da unsere Kinder sich anfreundeten und ich seine quirlige, umtriebige Frau gleich gerne mochte, lernte ich ihn näher kennen. In der Tat konnte er keine Schuhe binden und war auch bei anderen alltäglichen Kleinigkeiten ziemlich hilflos. Aber mit Computern, Börsenkurs-Berechnungen und Kalkulationen kannte er sich aus, da war er ein gefragter Experte.

Der Mann war zweifelsohne ein Nerd. Allerdings zu einer Zeit aufgewachsen, als es diesen Begriff noch nicht gab und Menschen mit seinem Spezialinteresse noch als schwachsinnig galten. In seiner adligen, vornehmen Familie sperrte man also den Jungen weg in eine steinerne Kammer, wenn es Gesellschaften gab. Gleichermaßen, wenn er in der Schule nicht funktioniert hatte wie alle anderen. Dann gab es auch nur Wasser und Brot. So verbrachte der Junge viel Zeit in seinem Verlies. Auch viele Schläge hatte er einstecken müssen im Laufe von Kindheit und Jugend.

Zu seinem Glück hatte der einflussreiche Vater ihn schließlich in der Bank eines Geschäftsfreundes unterbringen können. Hier blühte er auf zwischen all den Zahlen, lebte ganz in seiner Welt und wurde bald ein geschätzter Mitarbeiter.

Und nun lag er hier und erinnerte sich nur noch an die Schönheit seiner Mutter und ihren Tanz, an die Liebe und Verehrung eines kleinen Jungen.

Ich bin hin- und hergerissen zwischen Freude und dem Impuls, bitterlich zu weinen.

Sollte am Ende des Weges aller Schmerz vergessen sein? Das wäre doch wahrlich tröstlich.

23 Gedanken zu “Am Ende des Weges

  1. Eine schöne, berührende Geschichte. Wer oft bei Wasser und Brot zubrachte, der giert natürlich nach süßen Nachspeisen. Je älter die Menschen werden, um so präsenter wird die Kindheit. Als ich vor Jahren nach meiner Schilddrüsen-OP eine Nacht auf der Wachstation verbringen sollte wurde ein 90-Jähriger eingeliefert, der so herzzerfetzend jammerte und immer wieder schrie: „Mama , Mama hilf mir doch“, dass ich um sofortige Verlegung auf Normalstation drängte, was mir glücklicherweise auch gestattet wurde. Über das Schicksal des alten Herrn ist mir nichts bekannt.

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  2. Die Geschichte finde ich schön. Zum Glück weiß ich noch nicht, wie es am Ende des Weges sein wird, aber ich bin Meisterin der Verdrängung von schlechten Erfahrungen, warum sollte das dann also am Ende des Lebens anders sein?
    Mich fasziniert immer wieder dieser Schreibstil, ich sehe den alten Mann vor mir, ich sehe seine Mutter und für die 5 Minuten, die ich lese, bin ich einfach dort.

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  3. Seltsame Geschichte … aber die beiden Begriffe, die mir dazu einfallen sind Mangel (der Nachtisch) und Realitätsflucht (alles andere )

    … der Frieden, geduldig darauf zu warten, dass es weiter geht … aber nicht mehr in diesem Leben

    Gefällt 3 Personen

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