Leilas zweites Leben

Ich habe hier einmal Leilas Vorstellung in einem VHS-Kurs , den Sabia leitet – die Hauptfigur der Rahmenhandlung -. ausgesucht und eine kleine Episode ebenfalls aus diesem Kurs. Erst danach erscheint Leilas Geschichte im Buch:

Sabia schaltet ihr Handy ein und lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. Nun kann sie aufmerksam und ganz entspannt zuhören. Eine junge Frau mit leuchtend grünen Augen und schwarzen, lockigen Haaren, die Sabia schon gleich bei der Ankunft aufgefallen war, spricht zuerst. Auf ihrer linken Wange befindet sich eine lange Narbe.
„Mein Name ist Leila Al Ahmar. Ich bin 30 Jahre alt, lebe allein mit meiner zwölfjährigen Tochter und habe lange Jahre mit Putzen meinen Lebensunterhalt verdient. Jetzt möchte ich eine richtige Arbeit haben. Einen Kurs in Stenografie und Bürowesen habe ich auch schon gemacht, kann sehr schnell nach Diktat schreiben und kenne mich mit Word-Schreibprogrammen aus. Ab und zu arbeite ich aushilfsweise im Büro, übersetze auch mal arabische oder französische Texte. Mir ist wichtig, noch mehr dazu zu lernen und mit Excel arbeiten zu können. Ach ja, und Power Point interessiert mich auch noch.“

 

Am längsten sieht sich Leila alles an. Man kann förmlich sehen, wie es hinter der Stirn arbeitet. Die Narbe auf ihrer Wange wird dunkelrot, die Augen flackern, die Kiefer mahlen. Kurz darauf äußert sie sich. Sie schlägt vor, die Kollektion nicht zu umfangreich zu gestalten und sich besonders auf große Größen zu spezialisieren. Da bestehe ein hoher Bedarf an tragbarer Mode. Außerdem regt sie eine Kooperation mit einem Schmuckhersteller an. Erstens als Aufwertung für die Fotos und nach ihrer Meinung gehört der passende Schmuck unmittelbar zur Kleidung dazu. Anna und Vera sind dankbar für die Vorschläge und werden sie sicher in ihre weiteren Überlegungen einbeziehen.
Sabia ist nach wie vor fasziniert von dieser jungen Frau, die so hartnäckig daran arbeitet, mehr in ihrem Leben zu erreichen. Eine Ahnung von verborgenem Schmerz, inneren Widersprüchen und harten Kämpfen abseits der vordergründigen Sachlichkeit und des strengen Willens fördert Sabias Neugier. Gerne würde sie mehr erfahren über das bisherige Leben der Geheimnisvollen. Aber dazu wird sie Fragen stellen müssen, Leila erzählt nicht von selbst freimütig über sich. Vielleicht sollte sie dann doch besser ihre Neugier zügeln? Auf der anderen Seite kann Leila ja sagen, wenn sie über ein bestimmtes Thema nicht reden will. Sabia beginnt das Gespräch mit einem Dank:
„Es hat mich heute sehr beeindruckt, wie du Rufus unterstützt hast. Pass aber auf, dass dir das nicht zu viel wird.“
Katharina schaltet sich dazu:
„Kommst du denn so auch noch dazu, deine eigenen Dinge zu erledigen?“
„Ich war schon fertig mit dem, was ich mir für heute vorgenommen hatte. Das liegt auch daran, dass Sabia zuerst bei mir war und sehr genau erklärt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass der junge Mensch noch ein paar kräftige Anstubser braucht. Es ist schlimm, wenn im Kopf alles klar ist, man so viele großartige Gedanken hat und man sie nicht vermitteln kann. Außerdem meinte er, er kennt sich jetzt genug aus, um alleine zu Hause zu arbeiten. Da hab ich ihm gezeigt, was er alles noch nicht weiß und ihn gewarnt, den Kursus vorzeitig abzubrechen.“
Nach dieser Schilderung müssen alle lachen. Ja Leila weiß sich durchzusetzen. Vera kommt Sabia mit der nächsten Frage zuvor:
„Leila, bist du eigentlich in Deutschland geboren? Du kannst dich so gut ausdrücken.“
„Nein, ich bin in Tunis geboren und erst nach meiner Hochzeit nach Deutschland gekommen. Mein Vater war ein bekannter Tuchhändler und ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Wir lebten mitten in der Stadt und hatten eine wundervolle Wohnung mit einem großen Dachgarten. Es war eine schöne Kindheit und ich habe oft Heimweh. Ich war dort auf dem Gymnasium, musste meine Ausbildung leider vorzeitig abbrechen. Aber ich wollte nicht für den Rest meines Lebens putzen gehen. Das stand für mich schon immer fest. Außerdem will ich, dass mein Kind stolz auf mich sein kann.“
„Fährst du öfter zu deinen Geschwistern?“
„Ich fahre erst wieder dorthin, wenn ich geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe. Wenn ich einen anständigen Beruf habe, genug gespart, damit meine Tochter eine Universität besuchen kann und ich unsere Wohnung gekauft habe. Erst dann werden sie mich alle dort so achten, wie ich es wert bin. Aber meine Mutter kommt alle zwei Jahre zu uns zu Besuch. Das sind immer sehr schöne Wochen für uns.“
„Du hast erzählt, dass du mit deiner Tochter allein lebst. Wo ist  dein Mann jetzt?“
„Er ist tot, schon lange. Es war nicht einfach für mich.“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Leila hat nun wieder diese harten Züge um die Mundpartie. Sie sieht zu Boden und es ist klar, dass zumindest für heute dieses Gespräch beendet ist.

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