Leilas Flügel – Teil 4

So verging die Zeit, die selbst an angenehmen Tagen überschattet war von der Angst vor dem nächsten Angriff. Aber die Kleine entwickelte sich prächtig, war ein richtiger Wirbelwind. Die schönsten, lustigsten Stunden verlebten Mutter und Tochter allein. Yassin hatte nun schon zweimal ohne sie die Verwandten besucht, in diesem Jahr sollten die Großeltern zum ersten Mal ihr Enkelkind sehen.

Doch Leilas Zustand verschlechterte sich, sie musste operiert werden. Aus dem Krankenhaus entlassen, aber noch viel zu schwach, um ihrem Mann zu dienen und ihn zu bedienen, entlud sich dessen zornige Verbitterung immer öfter darin, dass er schreiend an ihr herumzerrte oder sie schlug. Geschah dies im Kreis ihrer Nachbarinnen, so ergriffen diese schnellstens die Flucht. Waren seine Freunde anwesend, so sahen sie betreten weg und suchten ebenfalls das Weite. Niemand half ihr. Warum nur? Dachten sie, das sei in ihrem Land eben so Sitte und man habe sich da nicht einzumischen? Diese Vorurteile hatte sie schon öfter gehört. Vater hatte niemals geschrien oder gar geschlagen! Bei sich zu Hause hätte er sie kein zweites Mal so zugerichtet, ihre Brüder hätten das verhindert und sie heimgeholt. Und wen hatte sie hier – in der Fremde? Leila fühlte sich so allein, wie noch niemals zuvor in ihrem Leben.

Dann kam der Abend, der die Katastrophe vollständig werden ließ. Yassin kam mürrisch nach Hause und verlangte Kaffee. Leila spürte das kommende Unheil und war noch zittriger als sonst. Fast hatte sie den Tisch schon erreicht, da fiel ihr die Tasse aus der Hand und der kochend heiße Mokka ergoss sich auf die Beine des Mannes. Schreiend sprang er auf und versetzte ihr mit dem Handrücken einen so harten Schlag, dass sie umfiel und gegen den Heizkörper knallte. Blut verfärbte den Stoff ihrer Bluse, die Narbe war aufgeplatzt. Fatme war aufgewacht und lief weinend auf ihre Mutter zu. Yassin schubste sie zur Seite, so dass das Mädchen ebenfalls zu Boden fiel. Während sie beide noch auf dem Boden lagen, verließ der Mann  wortlos Haus. Als Leila hörte, dass die Eingangstür ins Schloss gefallen war, kroch sie langsam zu ihrem wimmernden Kind und versuchte es zu beruhigen. Während sie  leise sang, fasste sie einen Entschluss. Sie würde ihre Wunde versorgen, packen, das letzte heimliche Geld aus ihrem Versteck nehmen und zusammen mit dem Mädchen zu ihrer Familie flüchten, um diesen Mann niemals mehr wiederzusehen.

Und hier liegt sie nun, völlig am Ende ihrer Kräfte. Das Öffnen der Tür reißt Leila aus ihren Erinnerungen. Kemal steht fassungslos vor dem Bett, sichtlich erschüttert über den jämmerlichen Zustand der Schwester. Leise spricht er zu ihr: „Leila, wir helfen dir, du musst nicht mehr zurück. Ich kümmere mich um die Scheidung und du wirst hier bei Mutter bleiben. Aber du musst essen und wieder zu Kräften kommen.“ Wie ein Geist erhebt sich Leila aus den Kissen, blickt ihn direkt an. Es kostet sie unsägliche Mühe, den ausgedörrten Körper gerade zu halten. Der Bruder erschrickt über dieses Aufbäumen. Sekunden später schreit sie, der Hysterie nahe: “Oh nein, niemals werde ich dir die Genugtuung geben, als Geschiedene hier zu leben! Du wirst dein Ziel nicht erreichen, mich vollends zu zerstören! Ganz allein du hast mich auf dem Gewissen. Von der Schule hast du mich geholt und mir die Zukunft abgeschnitten! Vergiss niemals, was du mir angetan hast – es soll dich im Wachen und in deinen Träumen verfolgen! Seit meinen Kindertagen hasst du mich, wolltest mir jede Freude verderben. Fahr zur Hölle!“ Erschöpft sackt Leila zusammen und liegt wieder unbeweglich und mit leerem Blick. Im Türrahmen stehen zwei stumme Gestalten mit versteinertem Gesicht – Mutter und Schwester.

Tränen der Scham schießen aus Kemals Augen, er verbirgt den Kopf in den Händen. Zum ersten Mal seit der Rückkehr der Schwester verliert er die Fassung. Weint er über das elende Schicksal der jungen Frau oder vielmehr über die Verletzung und Demütigung durch deren Anklagen? Nein – er hatte sie nicht gehasst. Sie war stets etwas Besonderes gewesen mit ihren rötlich-schwarzen Locken, der olivbraunen Haut und den tiefgrünen Augen, unergründlich wie das Meer. Jeder war bezaubert von ihrer Anmut und Lebendigkeit. Das alles hatte er ihr doch niemals nehmen wollen! Aber dieser Starrsinn und der zügellose Drang, alles nur nach eigenem Willen zu bestimmen. Selbst ihr Haar widersetzte sich, ließ sich nicht zusammenbinden, ohne dass einzelne Locken sich lösten. Sicher war er als Einziger dagegen gewesen, sie auf ein Gymnasium zu schicken und damit ihren unbändigen Eigensinn noch zu verstärken, aber doch nicht aus bösem Willen – oder?  Er hatte ohnehin nichts zu sagen gehabt.

Überhaupt liebte der Vater die Mädchen mehr als die Jungen, was ihn als Ältesten schon früh tief verletzt hatte. Das war ungerecht gewesen und entsprach nicht der natürlichen Ordnung. Dennoch hatte er nur das Beste für Leila gewollt und sich um deren Zukunft gesorgt. Nicht, dass ihm jemand zugehört hätte, wenn er mahnte. Man schalt ihn eifersüchtig, das war doch lächerlich! Er als Einziger hatte die Gefahr gesehen. Wie sollte sie denn ohne Grenzen jemals lernen, sich unterzuordnen, eine gute Ehefrau zu werden, die der Familie keine Schande bereitete – wie ihre eigenen Kinder erziehen und richtig auf deren Aufgaben vorbereiten? Woher kam nur dieser unnatürliche Wille, über sich selbst zu bestimmen? Wohin hatte er sie gebracht? Worin lag seine Schuld?

Kemal blickt auf. Leila liegt noch immer reglos, entrückt ist ihr Blick, sie atmet nur ganz schwach. Während er sie ansieht, kommt ihm langsam zu Bewusstsein, dass diese Seele gehen will, den Körper bald verlassen wird. Ein nie gekannter Schmerz überwältigt den Mann. Wo sind ihre Gedanken? Weit, weit weg – unwiederbringlich – unerreichbar.

Leila schließt langsam die Augen. Keine Kraft mehr, mit den Vögeln zu fliegen, je die Sterne zu erreichen. Bleibt nur noch die Hoffnung, ihnen wenigstens als Engel nahe zu sein. Aber weibliche Engel gibt es nicht in ihrer Religion. Und während ihre Kräfte stetig schwinden, bricht sich plötzlich ein Gedanke Bahn: Mein Kind! Mein Kind! Mein Kind! Was soll aus ihr werden? Soll sie auf den gleichen Weg gezwungen werden wie sie selbst? Das darf niemals geschehen!

„Hol den Doktor, jetzt!“ keucht Leila. Kemal springt auf, hat er richtig gehört? „Sofort!“ antwortet er atemlos und stürmt davon, um die wohl letzte Chance zu ergreifen, das Leben der Schwester zu retten und das Geschehene wieder gut zu machen.

 

Teil 4 einer Kurzgeschichte aus dem E-Book Kreuzverkehr.

Hiermit endet die Kurzgeschichte. Ich habe aber unter dem Titel „Das zweite Leben“ etwas aus dem Roman zusammengestellt, das ich morgen veröffentlichen werde.

 

 

 

 

 

 

 

11 Gedanken zu “Leilas Flügel – Teil 4

  1. Im ersten Moment dachte ich, es geht mit Leila weiter, aber du meinst wahrscheinlich einen anderen Teil aus dem Buch – lesenswert ist ja alles 😎
    Ich hätte trotzdem gern noch mehr von Leila gelesen. Zum Trost lese ich jetzt „Vorbilder – Fehlanzeige“, ich komme allerdings im Büro nicht richtig voran 😂

    Gefällt 1 Person

  2. Das war eine sehr bewegende Geschichte. Dein Schreibstil rührt sehr an, liest sich richtig gut. Danke, dass du die Geschichte hier veröffentlicht hast und wir damit in den Lesegenuss kamen. LG Alexa und Ela😊

    Gefällt 3 Personen

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