Leilas Flügel – Teil 3

So kam Leila nach Deutschland. Es war kalt, die Ehe gewöhnungsbedürftig, aber Leila bemühte sich redlich, die Grobheit ihres Mannes gleichmütig zu ertragen. Sie schmückte die kleine Wohnung mit den Gegenständen ihrer Heimat, hielt alles sauber und ordentlich und kochte jeden Abend reichlich, um sein Herz vielleicht doch noch zu erreichen. Da die beiden jungen Leute vor der Hochzeit kaum ein Wort allein gewechselt hatten, bemerkte Leila erst jetzt zunehmend, dass  sie einen ziemlich ungebildeten Mann vor sich hatte, dem sie geistig weit überlegen war. Schlimmer noch war allerdings die Tatsache, dass dies auch ihm bewusst war und seinen Stolz zutiefst verletzte. Stellte sie ihm Fragen, so fühlte er sich angegriffen. Also beschloss er, ihr den Hochmut mit allen Mitteln auszutreiben.

An den Wochenenden und vielen langen Abenden blieb Leila allein, während Yassin in der Stadt durch Karten und Wetten versuchte, seine Minderwertigkeitsgefühle zu betäuben und ihr Geld verspielte. Manchmal jedoch brachte er Freunde mit nach Hause – das waren glückliche Stunden – und Leila bewirtete diese mit Freude und war eine unterhaltsame Gastgeberin. Da zu diesen Freunden auch Deutsche gehörten, lernte sie die Sprache schnell, bald besser als ihr Mann. Auch im Haus hatte sie durch ihr gewinnendes Wesen gute Kontakte geknüpft. Doch sie musste aufpassen, denn erschien sie ihrem Mann zu freundlich, folgten furchtbare Wutausbrüche, die sich noch steigerten, sobald sie widersprach. Ansonsten herrschte nach dem Weggang der Gäste wieder die alte Kälte und Sprachlosigkeit zwischen den Eheleuten. Aus der oberen Wohnung drang  oft fröhliches Lachen – dort wohnte eine türkische Familie mit vier Kindern – was Leila noch trauriger werden ließ als gewöhnlich.

Das bohrende Heimweh versuchte sie zu vermindern, indem sie sich kleine Oasen der Erinnerung zu schaffen begann. Sie vermisste die Gerüche, das Licht, die Farben und die Blüten der elterlichen Dachterrasse. So versuchte sie im ersten Sommer noch, den kleinen asphaltierten, kahlen Innenhof durch Pflanzen heimatlicher zu gestalten. Mühsam schleppte und zerrte sie ihre Lieblingspflanzen aus der Gärtnerei nach Hause, pflanzte sie in Tonkrüge und pflegte sie liebevoll. Die meisten jedoch verweigerten die Blüte und gingen schließlich ein.  Ihnen fehlte die Sonne, die in ihrer Hochzeit kaum mehr als drei Stunden den kümmerlichen Hof beschien. Bedauernd gab Leila auf und schien bald ebenso zu verkümmern wie die Pflanzen in ihren Kübeln. Ihr Herz war einstmals so voller Liebe gewesen, aber es war ja niemand da, der sie haben wollte.

Einzig die seltenen Spaziergänge durch Felder und blühende Wiesen im Frühling konnten ihr Gemüt für ein paar Stunden erhellen und gaben ihr wieder Hoffnung. Das Erstaunlichste war jedoch der Schnee für die junge, einsame Frau. Sie liebte den schneereichen Winter, die trockene, bitterkalte Luft, nachdem sie endlich die Kleidung gefunden hatte, in der sie nicht fror. Dann ließ sie den Wind ihr Hirn frei pusten, während der stetig fallende Schnee alles zudeckte und sie wie auf Wolken wandeln ließ.

Leila hatte wahrlich eine andere Vorstellung gehabt von ihrem neuen Zuhause. Man hatte sie nicht belogen: ihr Mann hatte „Arbeit in Deutschland“. Aber in ihrer Heimat hatten diese Worte eine feste Bedeutung, man verband damit eine gute Stellung und Wohlstand. Um diesen Eindruck zu erhalten und nicht als Versager zu gelten, war es allgemein üblich, bei jedem Besuch teure Geschenke, Elektrogeräte bis hin zu einem Auto mitzubringen. Zur Not musste man sich eben dafür verschulden. Yassin arbeitete hart in einem Steinbruch, aber von seinem Lohn blieb bei aller Sparsamkeit nicht genug übrig für teure Anschaffungen. Seine Spielschulden verschärften die Situation und steigerten seine Unzufriedenheit noch mehr.

Bald suchte sich Leila eine Stelle als Ungelernte in einer kleinen Lampenfabrik. Neben der Unterstützung für ihren Mann war es ihr auch wichtig, eigenes Geld und etwas Unabhängigkeit zu haben. Sie war es von Haus aus gewöhnt, sich chic zu kleiden und Schmuck anzulegen, wenn sie aus dem Haus ging. Schockiert musste sie feststellen, dass dies der Dorfbevölkerung Anlass gab zu spöttischen, missgünstigen Blicken und Bemerkungen. Dennoch behielt sie diese Sitte bei, zuerst aus Stolz, später aus Trotz.

Ihren Lohn hatte Leila so geschickt eingeteilt, dass sie davon sowohl den Lebensunterhalt bestreiten, als auch für sich heimlich etwas zur Seite legen konnte. Zusätzlich hatte sie ohne Wissen ihres Mannes noch zwei Putzstellen, von denen sie die Kosten ihres Führerscheines bezahlte. Es dauerte nicht lange und sie hatte genug gespart, um sich ein eigenes kleines Auto zu kaufen. Endlich hatte sie einen Teil Freiheit zurück gewonnen. Stolz wartete sie an jenem Abend auf Yassin und rechnete nicht Traum mit der Reaktion, die bei seiner Heimkehr über sie hereinbrechen sollte. Der Mann war völlig außer sich vor Wut, beschuldigte Leila des Verrats und Betrugs, verbot ihr, außerhalb ihrer Arbeitszeiten das Haus zu verlassen und – schlug zum ersten Mal zu. Sichtlich befriedigt ging er danach zu Bett, während Leila sich schluchzend den schmerzenden Kopf  kühlte. Am nächsten Tag verkaufte er ihr Auto, das Geld behielt er. Ihr Wille war durch die Schläge gebrochen, von nun an fürchtete sie ihn.

Manchmal hatte Leila lange Briefe nach Hause geschrieben und in blumigen, geschönten Umschreibungen ihr Leben als Ehefrau geschildert. Ihre Sorgen und Nöte hatte sie stets verschwiegen. Schließlich wollte sie nicht als Versagerin gelten. Es hatte ihr einfach gut zu gehen, fand sie. Warum auch sollte sie ihre Mutter mit den Wahrheiten belasten, wenn diese so weit entfernt war und ihr ohnehin nicht hätte zu Hilfe kommen können? Aber bald war das Gefühl, das Leben werde ihr allmählich zu schwer, so belastend, dass sie ihrer Mutter unter dem Siegel der Verschwiegenheit die wahren Umstände ihrer Ehe anvertraute. Der Antwortbrief enttäuschte Leila und warf sie schließlich ganz auf sich selbst zurück. Zwar war daraus zu lesen, dass die Mutter sich große Sorgen um ihre Tochter machte und das Verhalten des Schwiegersohnes zutiefst verachtete und missbilligte, aber sie schrieb Leila selbst auch einen großen Teil der Verantwortung für das Geschehene zu. Der mütterliche Rat bestand einzig darin, dass sie sich in Zukunft zurückhaltender und unterwürfiger verhalten solle, um solche Übergriffe zu vermeiden. Gleichzeitig bot sie Leila aber an, die Familie für einige Zeit zu besuchen, um einen gewissen Abstand zu den Geschehnissen herzustellen. Vielleicht – so schrieb sie – gehe es danach ja ein wenig besser in ihrer Ehe.

Der nächste Frühling kam, Leila ging es nicht gut. Seit Wochen war ihr übel, sie fühlte sich schwach. Langsam wurde ihr das unheimlich und sie machte einen Arzttermin. Als sie die Praxis verließ, strahlte die junge Frau und sah so glücklich aus, wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr. Leila war schwanger, nun würde alles gut werden. Und tatsächlich sollte diese Nachricht die gute Seite ihres Mannes erwecken. Er umsorgte sie, war freundlich, blieb öfter zu Hause, sprach richtig mit ihr – auch über seine Sorgen – und plante schon das ganze Leben zusammen mit seinem Sohn. Scheinbar war es nur Leila klar, dass es auch ein Mädchen werden konnte, aber sie wollte ihm nicht den Spaß verderben, so sprach sie diese Möglichkeit nicht an. Auch schien es ihr nicht wichtig. Ihr ganzes Denken und Fühlen war auf dieses Wesen ausgerichtet, das fühlbar in ihr wuchs und dessen Schutz nunmehr zu ihrem Lebensinhalt geworden war. Leises Glück und tiefe Zuversicht hatte die Schwangerschaft zurückgebracht. Je näher der Geburtstermin rückte, umso schmerzlicher vermisste Leila jedoch die Farben und Gerüche, die Sonne der Heimat, die Wärme der Mutter und das Lachen der Schwestern. Ja, es gab hier bessere – viel bessere – Krankenhäuser, aber wo waren Mitgefühl und Lebensfreude vergraben worden?

Es war ein nasser, kühler Deutschlandtag und ein heftiger Wind warf mit nassen, blattlosen Stöckchen nach den Menschen, als die Wehen einsetzten. Yassin rief zuerst alle Freunde zusammen und danach den Krankenwagen. Zum Abschied küsste er Leila fast zärtlich auf die Stirn und entließ sie mit den Worten: „Bring mir meinen Sohn!“ Viele Stunden später lag Fatme in ihrem Arm, ein winziges, zappelndes, herzlich vertrautes Geschöpf mit feuchten schwarzen Ringellocken, die tief in die Stirn hingen. Leila wiegte das Kind sanft und floss fast über vor Liebe. Beinahe wäre sie darüber eingeschlafen, als ihr einfiel, dass sie ja zu Hause anrufen musste.

Als Yassin den Anruf erhielt, dass Leila ein Mädchen geboren hatte, schickte er seine Freunde nach Hause und dämmerte reichlich betrunken in seinem Sessel dahin. Erst einen Tag später besuchte er seine Frau im Krankenhaus. Zwar trug er einen kleinen Blumenstrauß mit sich, die Enttäuschung über den entgangenen Sohn jedoch war ihm ins Gesicht geschrieben. Yassin vermittelte den Eindruck, als fühle er sich bestraft. Als Leila dies erkannte, fasste sie den eisernen Entschluss, dieses Kind mit allen Mitteln vor ihm zu beschützen. Warum konnte sich dieser Mann nicht freuen über ein so perfektes, gesundes Mädchen? Ihr eigener Vater hatte seine Töchter doch auch über alles geliebt? Im Traum rief sie nach ihm und weinte leise in die Kissen.

Nachdem Leila mit dem Kind nach Hause gekommen war, ließ der Mann keine Zweifel daran aufkommen, dass er ihr die Geburt einer Tochter persönlich übelnahm. Hoffentlich wurde es das nächste Mal ein Junge! Daraus wurde aber erst einmal nichts, denn Leila wurde krank. Oft konnte sie vor Schmerzen kaum laufen. Dieser Umstand verstärkte noch Yassins Missmut, schnell waren die unterschwellige Wut und diese entsetzliche Unzufriedenheit wieder da. Erneut verbrachte er viele Nächte auswärts und verspielte wieder Unmengen an Geld. Nur war Leila mittlerweile froh, wenn er nicht zu Hause war, dann blieb sie wenigstens von seinen Ausbrüchen verschont.

 

Teil 3 einer Kurzgeschichte aus dem E-Book Kreuzverkehr.

 

 

 

 

 

5 Gedanken zu “Leilas Flügel – Teil 3

    1. Nein, ich habe dort nie gelebt. Es waren immer Bücher und Musik, die mich fühlen, riechen und sehen ließen. Auch die Erzählung über Wien habe ich geschrieben, bevor ich zum ersten Mal dort war. Bei meinem Besuch habe ich die Stadt und das Gefühl dann genau so vorgefunden. Wenn ich den echten Walzer höre, breitet sich die ganze dortige Welt vor mir aus. Märchen und Musik einzelner Regionen sind mein Einstieg zum Verständnis und lassen Bilder entstehen.

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  1. Ich lese – weil mir solche Erzählungen vertraut sind. Und – es macht mich zornig, wenn Gewalt ausgeübt wird, sei es nun bei ungebildeten Zuwanderern oder eingesessenem „deutschen“ Sozial-Adel. Wobei nicht nur der zur Gewalt neigt, das geht, denke ich, durch so ziemlich alle Schichten.

    Bin gespannt, wie Leila sich frei schwimmt …

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