Leilas Flügel – Teil 2

Als Leila knapp 16 Jahre alt war, starb der Vater. Es war das erste wahrhaft schmerzliche Ereignis in ihrem Leben und lange Zeit hatte sie das Gefühl, diesen Verlust niemals überwinden zu können. Viel zu sehr hatte sein Leben das ihre bestimmt, sie fühlte sich plötzlich nur noch halb, als habe man ihr Gliedmaßen amputiert. Zu allem Überfluss war Kemal jetzt das Familienoberhaupt und das Mädchen musste mehr auf seine Schritte achten. Am Anfang war das kein Problem, hatte sie doch ohnehin das Gefühl, nicht mehr von der Stelle zu kommen. Bald jedoch wurde der Schmerz leiser, die fröhlichen Erinnerungen nahmen zu und der einstige Ehrgeiz kehrte zurück. Sie würde ihr Abitur machen und Medizin studieren. War sie dann erst einmal eine berühmte Ärztin, würde nie wieder ein Anderer die Kontrolle über ihr Leben bekommen.

Wie in jedem Jahr verlebte die Familie die Sommerferien in ihrem Strandhaus direkt am Meer, wo auch zahlreiche Tanten und Onkel mit ihren Familien die heiße Jahreszeit verbrachten. Leichtigkeit, Lachen und Spiele bestimmten diese Wochen und für Wehmut war kaum Platz zwischen all den sorglosen, unbekümmerten Kindern, mit denen das junge Mädchen die langen Tage genoss. Aber noch ein ganz anderes Ereignis wendete in diesem Sommer ihr Schicksal – zum Guten? Erstmals seit Jahren war auch Leilas entfernter Cousin Ismail, der seine Ausbildung in Frankreich beendet hatte, wieder zu Besuch. Er war fast schon ein Mann und so fühlte sie sich sehr geehrt, als er sie abends darum bat, mit ihm ein wenig spazieren zu gehen. Von nun an gingen die beiden jeden Tag zur frühen Dämmerung, während die älteren Männer auf der Terrasse Karten spielten, den weitläufigen Strand entlang und Ismail beeindruckte Leila mit malerischen Gedichten. Ein richtiger Poet war er geworden. Leila verliebte sich sofort in seine sensible und melancholische Natur und die Verse von Liebe, Heldenmut und Ehre. Durch  dieses starke Gefühl einer tiefen Zugehörigkeit fühlte sie sich gänzlich unverwundbar.

Nachdem die Schulzeit wieder begonnen hatte, trafen sie sich weiter. Es war beiden klar, dass dies nur heimlich geschehen durfte, denn das Verfassen von Texten mit ehrenhaftem Inhalt war noch lange kein ehrbarer Beruf, mit dem man eine Familie oder auch nur eine Frau hätte ernähren können. Leila nutzte die Zeit der Freistunden, um die Schule durch einen Hinterausgang zu verlassen und den Freund im nahe gelegenen Park aufzusuchen. Ihr Hochgefühl machte sie unvorsichtig, so dass sie des Öfteren zu spät zum Unterricht erschien. Das erste Mal betrat sie noch die Klasse mit ängstlich klopfendem Herzen, aber nachdem kein Lehrer sie darauf ansprach, fühlte sie sich sicher.

So war es auch an jenem verhängnisvollen Tag, an dem Leila bei ihrer Rückkehr in die Schule unerwartet mit einer mächtigen Ohrfeige empfangen wurde. Kemal stand drohend vor ihr, er schäumte vor Wut. Bevor das Mädchen noch richtig begriffen hatte, zerrte er sie am Arm nach Hause. Dort riss er sie unter wüsten Beschimpfungen an den Haaren und schloss sie in ihrem Zimmer ein. Endlose Stunden vergingen, in denen ihr Kopf unentwegt dröhnte, während sie wie erstarrt saß und keinen einzigen klaren Gedanken fassen konnte.

Also hatte er von den heimlichen Treffen erfahren. Durch die Tür konnte sie die Mutter weinend etwas sagen hören, aber  ihr Schluchzen machte es unmöglich, die Worte zu verstehen. So viel stand für sie fest: der Bruder würde sie demütigen und hart bestrafen. Aber was genau hatte er vor?

Das sollte sie am nächsten Morgen erfahren, als die Tür aufgeschlossen wurde und Kemal ihr kurz und knapp seinen Entschluss mitteilte. Sie würde die Schule nicht mehr besuchen und das Haus nicht mehr verlassen, bis er einen geeigneten Mann für sie gefunden habe. Mit diesem werde in Kürze die Hochzeit beschlossen, um ihre Ehre und die der Familie wieder herzustellen. Bis die ganze Tragweite dieser Worte Leilas Verstand erreichte, war sie schon wieder allein und erneut eingeschlossen. Tränen schossen in ihre Augen, Angst wurde abgelöst von unbändiger Wut und Schreikrämpfen – das würde sie sich nicht gefallen lassen! Sie wollte kämpfen, sich dieser Schmach entziehen. Ismail würde einen Weg finden, sie zu befreien – so wie die Helden in seinen Gedichten. Entführen würde er sie und mit ihr fliehen, um fern von hier ein neues Leben in ewiger Gemeinschaft und Freude zu führen. Erschöpft, aber voller Zuversicht schlief sie schließlich ein.

Wochen vergingen, das Zimmer war zu ihrem Gefängnis geworden. Wenn die Mutter oder eine der Schwestern ihr etwas zu essen brachte, erhielt Leila auf ihre Fragen keine Antwort, alle weinten nur leise vor sich hin. Langsam wurde aus der bösen Vorahnung bittere Gewissheit. Ihr Held würde den dämonischen Dschinn, den Ghul, nicht bekämpfen, er hatte sich bereits feige aus dem Staub gemacht. Alles war nur Gerede gewesen, hohle Worte, sonst nichts. Zuerst war sie noch wütend auf Ismail, der sich als so schwächlich erwiesen hatte. Allmählich jedoch setzte Resignation ein, zu der sich tiefe Traurigkeit gesellte.

Dann kam der Tag, der ihr weiteres Schicksal besiegeln sollte. Die Tür öffnete sich, ihr wurde befohlen, sich anzukleiden, zu kämmen und in den Salon zu kommen. Leila war bereits zu kraftlos für jeden Widerstand und fügte sich. Als sie den Raum betrat, sah sie drei fremde Männer unterschiedlichen Alters. Der Jüngste betrachtete sie neugierig von Kopf bis Fuß und plötzlich hatte sie die furchtbare Bedeutung dieser Zusammenkunft begriffen. Kemal sprach: der junge Mann hieße Yassin, arbeite in Deutschland, stamme aus einer angesehenen Familie und suche eine Frau. Dazu also war sie bestimmt worden. In einer schwachen Regung wollte sie aufbegehren, aber der Bruder gebot ihr mit eisigem Blick zu schweigen. Die Männer besprachen den Handel und Leila hatte Zeit, sich den Fremden anzusehen. Er hatte herrische Züge und seine Hände zitterten nervös – nur wenn er lachte, hatte er einen fast kindlichen Gesichtsausdruck. Das Gespräch wurde fast nur von den älteren Männern geführt und sie hatte den Verdacht, dass auch er nicht freiwillig in diese Verbindung einwilligte. Allerdings sprach er ebenso wenig dagegen. Offensichtlich hatte er innerhalb seiner Familie  nicht viel zu bestimmen, obwohl er ein Mann war. Schlagartig war dem verschreckten Mädchen bewusst, dass sie hier wie eine Ware über den Tisch geschoben wurde. Aber sie selbst hatte schließlich all ihre Pläne zunichte gemacht und es war durchaus landesüblich, Töchter auf diese Weise zu verheiraten.

Je länger die Absprachen dauerten, umso mehr verhärtete ihr Herz, bis sie nur noch trotzige und frostige Ablehnung in sich spürte. Also gut, man wollte sie nicht mehr, sie würde mit dem Fremden gehen. Schließlich war alles besser, als länger in diesem Zimmer eingesperrt zu sein, wenigstens wäre sie wieder frei.

Zwei Monate später fand die Hochzeit statt. Es war ein prunkvolles Fest nach alter Sitte. Leila saß auf einem geschmückten Thron in einem prachtvollen Gewand aus Brokat, Seide und Gold und wurde jubelnd gefeiert. Ausgelassen und froh schienen alle – alle außer der Braut. Ihr Blick war entrückt, und die ganze Zeremonie kam ihr seltsam unwirklich vor, als blicke sie durch einen dichten Vorhang hindurch. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander. Nach der langen Zeit der Missachtung hatte sie nun endlich wieder den Wert zurück erhalten, der ihr zustand. Auf der einen Seite fühlte sie sich zudem hoch geehrt durch die Bewunderung ihrer Schönheit, die man ihr zuteilwerden ließ und sie empfand auch eine belebende Neugier auf das Fremde, das sie bald sehen sollte. Zugleich stach aber schon jetzt der Schmerz über den nahenden Abschied von Mutter und den Schwestern in ihr Herz.

Teil 2 einer Kurzgeschichte aus dem E-Book Kreuzverkehr.

 

 

 

 

 

12 Gedanken zu “Leilas Flügel – Teil 2

  1. Gestern Abend habe ich den 1. Teil gelesen und in den Kommentaren mitbekommen, dass es dazu ein Buch von dir gibt. Es hat 1 Stunde gedauert, bis ich endlich verstanden habe, dass ich ein Kindle Abo brauche um dein Buch zu lesen, anders habe ich es nicht geschafft. Um 23 Uhr hab ich zu lesen begonnen, bis mir das Handy aus der Hand und die Augen zu vielen. Heute in jeder freien Minute gelesen, obwohl ich den ganzen Nachmittag mit den Kindern draußen war und eben voll Entsetzen begriffen, dass ich auf der letzten Seite war! Ich wollte nich mehr lesen von Leila und Hanna und Thomasso! Es war schön als geborene Wienerin die Stadt mit deinen Augen zu sehen, auch die im Buch geschilderte Ecke in Tirol kenne ich. Du hast mich gefesselt mit deinen Schilderungen von Orten, aber auch von Gefühlen, sogar „übersinnlichem“ Erleben ohne dass es langweilig war. Die Erzählungen von tiefer und langhaltender Freundschaft war auch sehr glaubwürdig und berührend! Alles in Allem bin ich sehr beeindruckt!

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    1. Wow. Vielen Dank für diese Schilderung deines Lese-Erlebnisses. Wärst du bereit, diesen Text als Rezension bei amazon zu veröffentlichen? Du musst das nicht tun, aber ich würd mich schon gewaltig freuen. Und darf ich den Kommentar kopieren und unter Hinweis auf deinen Blog bei mir veröffentlichen? Das wäre toll.

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      1. Klar kann ich das auf Amazon schreiben, muss ja nur noch kopieren, aber ich hab noch nie eine Rezension geschrieben. Das Wort klingt so streng und ernst, ich gebe ja nur meine Empfindungen wieder. Du darfst das auch veröffentlichen, aber mein Blog ist halt deutlich weniger professionell – kommt mir mehr vor, wie Tagebuchbloggerei 😜

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      2. Und? Mir gefällt er und anderen sicher auch. Professionell würde ich meine auch nicht nennen. Ich schreibe doch auch oft von Problemen, die mich so anspringen.
        Und was Rezensionen bei amazon betrifft, so ist das Wort ein wenig Hochstapelei. Fast alle Schreiber geben vorrangig ihre Empfindungen wieder.

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      3. Ich hab meine Eindrücke gerade auf Amazon veröffentlicht – meine erste Rezension 😎 hab’s ein bisschen verändert, weil es hier ja persönlich auf dich gemünzt war. Ich freue mich, dass du meine Eindrücke veröffentlichen willst, hätte ich damit gerechnet, hätte ich meine Worte mehr überlegt, so stehen sie jetzt frei von der Leber da 😎

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  2. Ich habe gerade mal nach gesehen. Bis 1958 musste der Mann zustimmen ob seine Frau arbeiten gehen darf. Es gab sogar kein Anrecht auf den Lohn für die Frau, der Mann hat es verwaltet. Erst ab 1969 galt die Frau als Geschäftsfähig und durfte ein eigenes Konto besitzen. Erst 1977 wurden die Gesetze geändert. Man sieht also das es hier noch gar nicht so lange her ist das wir relativ frei leben dürfen.

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  3. Der komplette, alt-orientalische Irrsinn, darunter tust Du es nicht 😉

    Es macht mich zornig – für diese Menschen ist hier in unserem Land kein Platz, wie ich finde. Was dabei nicht vergessen werden darf – es ist eine Minderheit der betreffenden Völker, die so tickt. Leider speist sich ein großer Teil der Migranten aus genau dieser Minderheit. Landbewohner, in deren Herzen die Zeit stehen geblieben ist. Es sind dieselben, welche despotische Administrationen mit tragen.

    Andererseits … Geschichte ist manchmal verrückt. Wären die Eltern meiner Liebsten vor nunmehr über 50 Jahren nicht aus Konstantinopel geflohen (kann man durchaus so nennen, auch, wenn kein Pogrom unmittelbar bevor stand), hätten wir uns wahrscheinlich nie kennengelernt.

    Grüße & einen guten Morgen Dir.

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    1. Darunter kann ich es nicht tun, weil es oft so ist. Man sieht ja auch, dass der Vater eine ganz andere Persönlichkeit hat. Wenn hier kein Platz für sie ist, wie sollen sie dann jemals etwas anderes kennenlernen, sich entwickeln? Meine Heldin – ja das ist sie – hat sie genutzt, später. Ein kleiner Teil dieser Minderheit nutzt diese Chancen. Es ist alles eine Frage der gesellschaftlichen Entwicklung. In meiner Kindheit gab es auch noch Reste an „Unterentwicklung. Frauen und Kinder wurden in einigen Familien misshandelt, Mädchen, die einen Mann aus einer anderen Konfession heiraten wollten, wurden weggesperrt oder verstoßen. Im Ganzen besehen sind wir also noch nicht so weit weg davon.
      Da es weiterhin heftig bleibt,nur für dich: Leilas Mann wurde nach unseren Gesetzen zu jener Zeit nicht straffällig, er arbeitete hart, zahlte Steuern und hat der Gesellschaft nicht geschadet. Allerdings Frau und Kind in erheblichem Maße. Niemand hat ihn aufgehalten, ihm gesagt, dass es falsch ist, niemand hat ihr geholfen. Alle haben weg gesehen – hier in D. Es gab eine Frau in einer ähnlichen Situation, die ich kenne, unsere Kinder waren eng befreundet. Da habe ich viele Gespräche bis zum Gebrüll (kann ich auch) mit dem Mann geführt, bis er begriff. Wenn er wütend wurde, ging ich nicht, sondern blieb dort, bis er sich beruhigt hatte. War es richtig schlimm, hab ich Frau und Kinder mit zu mir genommen für die Nacht. Und er hat mich respektiert dafür und mir später gedankt. So geht es manchmal auch. Sie haben sich sogar im Guten getrennt. Er war übrigens im Normalzustand ein sehr netter, geselliger Mensch. Und was Leila betrifft – im Roman – sie ging nach Deutschland zurück mit ihrer Tochter und übte einen richtigen Beruf aus.
      Es ist total nett, im Kommentar deinen Gedankengängen zu folgen. Für dein Andererseits bekommst du einen kleinen Kuss.

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      1. Oh, Danke 😀

        Die Liebste als türkisch-stämmige Armenierin spricht und versteht auch ganz gut türkisch, sie hat viel mit türkischen Kindern in der Praxis zu tun, als Ergo-Therapeutin. Deren Probleme sind nicht viel anders als die ihrer deutschen Freunde und Klassenkameraden, es komt halt die orientalische Mentalität hinzu. Die wenigsten Familien haben die so genannte „Bergtürkenmentalität“, viele allerdings brauchen sehr viel Zeit, um Vertrauen zu fassen. Die Kinder lieben sie und die meisten Eltern achten sie sehr. Sie betreibt Graswurzelarbeit pur, jeden Tag, ganz unten, ähnlich so wie Du in deinem Beruf. Ich habe große Achtung dafür, tragt ihr doch so viel für eine etwas bessere Welt bei.

        Du hast es ja angedeutet – dennoch bin ich gespannt, wie es weiter geht. Fein geschrieben !

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