Leilas Flügel – Teil 1

Diese Geschichte ist recht lang. Daher habe ich sie in mehrere Teile gegliedert. Mein Bestreben war, die unterschiedlichen Seiten einer Kultur zu zeigen. Schattenseiten hat eine jede. Genau wie auch die Menschen, die zum Teil verwerflich handeln, aber eben auch gesellschaftlichen Zwängen und Traumata unterliegen. Das entschuldigt und rechtfertigt zwar nichts, wirft aber eben doch ein anderes Bild auf Ereignisse. Und in jeder Gemeinschaft gibt es gute, liebevolle und verdorbene bzw. kaputte Menschen. Wobei ich nicht verhehlen kann, dass mein volles Mitgefühl Leila gilt.

Die Stadt erwacht. Noch ist es nicht vollständig hell, aber vereinzelt sind schon die Stimmen der Bauern zu hören, die mit ihren Handkarren zum Markt unterwegs sind. Sie vermischen sich mit denen der letzten Nachtschwärmer, die fröhlich lachend, schwatzend und singend nach erlebnisreicher Nacht dem Schlaf zustreben.  Vereinzelt knattern Mopeds stotternd durch die Morgendämmerung. Etwas leiser wehen die Geräusche der kleinen Fischerboote in die Stadt, die zum morgendlichen Fang auslaufen. Während der Nacht hatte es kurz, aber heftig geregnet. Die ansteigende Hitze des frühen  Morgens lässt die Erde dampfen und die üppig blühenden Pflanzen verströmen einen betörenden Duft, der Himmel rötet sich bereits und man hört das monotone Rauschen und Rollen des nahen Meeres.

Der imposante, palmenumsäumte Platz im Herzen der Hauptstadt mündet in schmalere Straßen, deren mehrstöckige Bürgerhäuser an bestimmte Pariser Wohngegenden erinnerten, wären da nicht die weitläufigen eingelassenen Loggien und Dachterrassen, die mit vielfarbigen Blüten orientalischer Gewächse überhangen sind. In einer dieser Straßen steht das wohl schönste Haus des Viertels mit einer breiten hölzernen, kunstvoll geschnitzten Eingangstür und einem hohen Mosaiksockel, den unzählige Szenen des arabischen Lebens zieren, so wie sie die Fremden aus „Tausendundeine Nacht“ kennen. Die gleichen Motive finden sich wieder an den steinernen Bögen, welche die Dachterrasse im obersten Stockwerk in mehrere Bereiche aufgliedern.

Ungestört wachsen in Messing- oder Tongefäßen unterschiedlichster Formen Kräuter, Palmen, Hibiskus, Bougainvillea und echter Jasmin. Unzählige Rosenblüten liegen zum Trocknen ausgebreitet auf Decken, geschützt durch einen weiten Vorsprung des Daches. Dick gebundene Sträuße von Minze, Lavendel, Rosmarin und Koriander sind an den weiß gekalkten Wänden aufgehängt, wo sie sich mit halbrunden, tönernen Windlichtern abwechseln. Über der schweren alten Kassettentür, die in das Innere der Wohnung führt, baumelt bescheiden eine kleine elektrische Glühbirne, der schwarze Metallschirm ist durch häufiges Schrubben völlig glanzlos. Unter einer Pergola, über deren Dachhölzer breite Streifen heller Leinentücher gespannt sind, steht ein langer dunkler Holztisch mit zehn kunstvoll gedrechselten hochlehnigen Stühlen. Am Tage findet hier das Leben statt – es wird gearbeitet, gebetet, gegessen und getrunken, gesungen, getrauert und gefeiert.

Zwei halb geöffnete Fenster eines ehemaligen Kinderzimmers blicken auf die Terrasse. Zarte, weiße Vorhänge wehen sacht im Morgenwind und wecken durch ihr Rascheln die Schläferin. Der Kopf bewegt sich kaum merklich, als Leila ein wenig die Augen öffnet. Verbitterung zeigt sich in ihren Mundwinkeln, sie hatte wohl etwas Schönes geträumt und nun hat die Wirklichkeit sie wieder eingeholt. Der Rest der abgemagerten Glieder bleibt regungslos, jegliche Kraft ist aus dem geschwächten Körper gewichen. Dieses bedauernswerte Geschöpf bietet ein Bild des Jammers. Das schmale, ausgezehrte Gesicht lässt noch einstige Schönheit erahnen, die Haut wirkt gelblich fahl, die dunklen Augen liegen tief in schwarzen Höhlen und das farblose, wirre Haar verstärkt noch den Eindruck einer Todgeweihten.

Mit einem Mal fliegt die Tür auf, ein Windstoß bläht die Gardinen auf  und ein kleines braungelocktes Mädchen stürmt auf die Kranke zu. „Mami, Mami, guten Morgen! Oma hat schon Milch mit Sirup für dich gekocht. Stehst du heute auf? Gehen wir ans Meer? Bitte, ja?“ Nein, sie würde auch heute nicht aufstehen, nicht sprechen, nicht essen. Es ist ihr ja kaum noch möglich, für Fatme, ihre dreijährige Tochter, noch irgendetwas zu empfinden. Und wie hatte sie sich einst über den Ton dieser trippelnden, flinken Schritte gefreut, wie war ihr Herz gesprungen, wenn das geliebte Kind die warmen Ärmchen um ihren Hals geschlungen hatte. Was ist mit ihr geschehen? Es fällt ihr schwer, sich zu erinnern. Ihre Gedanken führen sie langsam zurück in eine Zeit, da sie selbst noch ein ungestümes Mädchen voller Neugier und Lebenslust gewesen war. Sind wirklich erst 15 Jahre vergangen seit jenem Tag, an dem das richtige Leben endlich für sie beginnen sollte?

Der erste Schultag! Leila hatte kaum schlafen können vor Aufregung und Ungeduld. Auf keinen Fall wollte sie das große Ereignis verpassen oder gar gleich zu spät kommen. Jetzt endlich würde sie selbst alles lernen und brauchte nie mehr neidvoll den großen Schwestern und Brüdern nachzublicken, um sie anschließend bei deren Heimkehr – und das war ja erst nach einer Ewigkeit – mit unzähligen Fragen zu bestürmen, die diese halb lachend, halb ungeduldig abwehrten. Nie bekam sie die Antworten, die sie erwartete, keiner nahm sie ernst.

Von heute an aber konnte sie alles erreichen – nur der Himmel sollte ihre Grenze sein. Bald würde sie auch wissen, wie sie mit den großen schwarzen Vögeln fliegen konnte, die in der Frühe von ihrem Fenstersims geradewegs in die Höhe stießen , um sich dann abends wieder auf der Terrasse niederzulassen. Dann würde sie sich den großen Stern holen, der am Tage ihrer Geburt am Himmel erschienen war und der in ruhelosen Nächten geduldig zuhörte, wenn sie sich einsam fühlte.

Aua! Mutter hatte ihr die widerspenstigen schwarzen Locken straff zusammengebunden, um ihren Hochmut beizeiten zu zügeln, wie sie oft betonte. Leila kannte noch nicht die Bedeutung dieser Worte, aber sie wusste nur zu genau, wie schön und anmutig sie aussah in ihrem neuen weißen Kleid und den ebenfalls neuen Lackschuhen. Während der kommenden Jahre schien sich ihr starker Wille zu vollenden. Leila war die beste Schülerin ihres Jahrganges, ihr Wissensdurst war ungebrochen und bald wechselte sie zum Gymnasium über. Zu Hause wurde sie geliebt und in ihrem Ehrgeiz unterstützt. Auch der geliebte Vater sah ihre Einmaligkeit und ließ sie gewähren, wenn sie ihren Dickkopf durchsetzen wollte.

Bei ihm saß sie oft in der Werkstatt, die sich inmitten des Souk befand – schon der Weg dorthin war stets ein Abenteuer, so viele aufregende Dinge und Menschen gab es zu bestaunen.                                                                                                                                                                   Wie sie es genoss, Vaters große weiße Gestalt gebückt am Webstuhl sitzen zu sehen, während er mit flinken Händen die prachtvollen Muster auf seinen Stoffen entstehen ließ. Voller Bewunderung beobachtete sie seine Kunstfertigkeit. Hier fand sie Ruhe, wenn er, unermüdlich arbeitend, mit seiner ruhigen, dunklen Stimme Geschichten erzählte aus anderen Welten. Meist fanden diese Besuche am späten Nachmittag statt. Der Raum war dann eingehüllt in zartes Dämmerlicht, nur einzelne Strahlenbündel der schon tief stehenden Sonne fielen durch die bunten Glasfenster, ließen die Schatten tanzen und das Mädchen träumte ihren Traum von eigenen Reisen und Abenteuern.

Leila fühlte sich geborgen in ihrer Familie, die das außergewöhnliche Kind in seinem Freiheitsdrang selten einschränkte. Nur Kemal, der älteste Bruder, war ihr unheimlich. Wie er sie zuweilen mit Argwohn aus zusammen gekniffenen Augenwinkeln heraus betrachtete, ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Er als Einziger nahm sich heraus – allzu oft – sie zurecht zu weisen oder ihren Übermut durch harsche Worte zu strafen. Ihr Verhalten schien ihm ungehörig und er machte keinen Hehl daraus. Das alles konnte er allerdings nur dann tun, wenn der Vater auf einer seiner Reisen war, um die selbst gewebten Seidenstoffe zu verkaufen. Meist war das Kind einfallsreich genug, um sich der Aufsicht des Bruders zu entwinden. Außerdem ängstigte er sie nicht fortwährend, denn eines Tages würde sie auch frei sein von seinem Einfluss, des war sie gewiss.

Dennoch waren diese Zeiten während Vaters Abwesenheit geprägt von einer inneren Unsicherheit und aufmerksamen Vorsicht. Umso schöner war es dann stets bei dessen Rückkehr. Dann gab es ein Fest, für dessen Gelingen die Frauen des Hauses schon Tage vorher mit den Vorbereitungen begonnen hatten. Gewöhnlich umarmte er erst seine Frau und die Söhne herzlich, danach drückte er seine Töchter an sich, indem er jeder einzelnen immer wieder versicherte, dass er sie am meisten liebe.

Bei Tisch durfte Leila als Jüngste meist neben ihrem Vater sitzen. Bevor er richtig durchatmen konnte, bestürmte sie ihn schon mit tausend Fragen. Aber sie musste sich gedulden, was für sie höchst anstrengend war, denn zuerst wurde gegessen. Nach dem Essen überraschte der Heimgekehrte seine Familie mit zahlreichen fremdartigen Geschenken, danach erst berichtete er von seinen Abenteuern.

Teil 1 einer Kurzgeschichte aus dem E-Book Kreuzverkehr.

15 Gedanken zu “Leilas Flügel – Teil 1

      1. Ja, ich lese immer mal wieder darin. Das E-Book liegt auf meinem Nachttisch, zur Zeit ist Nele mal wieder dran. Ich lese, wenn ich nachts nicht schlafen kann oder morgens zu faul bin aufzustehen. Immer wieder entdecke ich Neues, da ich ja ein Bücherfresser bin und zuerst den Inhalt verschlinge und danach nochmals tiefgründig lese. Beide Deiner Bücher gehören zweifelsohne zu meinen Lieblingsbüchern. Es gibt andere, die lade ich runter, lese sie und das war`s.

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