Familienaufstellung – das Wochenende

Ich berichte hier ausschließlich von meiner eigenen Aufstellung, alles andere wäre indiskret.

Glücklicherweise hat meine Freundin zugesagt, mich zu der Familienaufstellung zu begleiten. Wir sind beide sehr aufgeregt. Sie hofft auf die Möglichkeit, auch für sich mehr Klarheit zu finden, was ihr in fünf Jahren Therapie nicht gelungen ist. Bevor wir klingeln, sehen wir uns kurz an, haben den gleichen Gedanken: Umdrehen und davon laufen. „Hilfe!“, rufen wir gleichzeitig. Machen wir aber nicht. Jetzt sind wir so weit gekommen!

Unser Zug hatte Verspätung. Als wir eintreten, sind schon sechzehn andere aufgeregte Menschen in dem hellen Raum anwesend, der ungeheuer viel Ruhe und irgendwie auch Zuwendung ausstrahlt. So viele Fragen schwirren unausgesprochen durch das Zimmer. Die Spannung ist fast mit den Händen zu greifen. Angst auch. Schnell holen wir uns noch einen Tee aus der Küche, dann beginnt auch schon nach einer kurzen Vorstellungsrunde die Einführung.

Jede Aufstellung beginnt mit der Fragestellung des Hilfesuchenden. Danach werden, ohne persönliche Details zu berichten, die Stellvertreter der notwendigen Personen aufgestellt, beginnen zu handeln. Ich selbst werde ebenfalls durch einen Stellvertreter ersetzt. Da auch meine Totgeburten aufgestellt werden, ist fast die gesamte Gruppe im Kreis. Mein jetziger Mann spielt keine Rolle, bzgl. der adoptierten Mädchen ist der Therapeut nicht sicher. Ich aber schon. Selbst wenn sie keine leiblichen Kinder sind, ist die Beziehung zwischen ihnen und mir und den anderen Geschwistern sehr stark. Da gibt es keinen Unterschied. Obgleich er zweifelt, stimmt der Therapeut zu. Er wird sich noch sehr wundern. Als reine Zuschauerin ist das alles sehr bizarr.

Die nicht lebenden „Kinder“ sollen sich auf den Boden legen. Der „Vater“ steht in einer Reihe mit „mir“ und den anderen „Kindern“.  Als Erster bewegt er sich, dreht sich um, geht weg und stellt sich an ein Fenster, sieht hinaus. „Ich“ soll zu ihm gehen, ihn zurück holen. Er schüttelt den Kopf, weigert sich. Auf die Aufforderung hin, sich bei mir und den Kindern zu entschuldigen, weigert er sich auch. Auch, als die einzelnen „Kinder“ ihn bitten, lehnt erab. Es interessiert ihn nicht, hat nichts mit ihm zu tun.

Die lebenden „Kinder“ knieen sich zu den „Toten“. Hier sehe ich echte Trauer, echte Tränen. Die verstorbene „Tochter“ zieht ihre „Geschwister“ zu sich hinunter. Sie streicheln sie, stehen aber wieder auf. Besonders der „Bruder“, wegen dem ich gekommen bin, hat große Schwierigkeiten, sich dem Zug zu entziehen. Er quält sich so.  „Ich“ muss ihm helfen, sich zu befreien, ernte dafür mordlüsterne, wütende Blicke. Erschreckend! Unheimlich, wie die Stellvertreter handeln. „Wir“ umarmen uns voller Liebe, bilden einen engen Kreis um die Liegenden, halten „uns“ fest. Der „Vater“ bleibt unbeteiligt am Fenster stehen.

Nach dieser Aufstellung sind alle, wirklich alle am Ende. Einige weinen hemmungslos – keiner von uns ist ohne Tränen – und sie berichten von Entsetzen, Zorn, Verzweiflung, völliger Entkräftung. Nur der Stellvertreter für den „Mann“ berichtet, dass ihn das ganze Schauspiel überhaupt nicht interessiert hat. Unfassbar! So stark hätte ich es nicht vermutet. Ohne meine Freundin wär ich zusammengebrochen.

Auch wenn sich meine Wahrnehmung, meine Vorstellung bewahrheitet hat, bin ich zutiefst betroffen. Am kommenden Tag werde ich selbst als Stellvertreter aufgestellt. Da erlebe ich noch einmal am eigenen Leibe, wie man instinktiv aufspürt, wie sich jemand verhält, die Gefühle teilt, das fremde Leben/Leid erlebt.

Die Aufstellung bringt den Durchbruch, zwei der am meisten beeinträchtigten Brüder ins Leben zurückzuholen und ohne Zweifel zu agieren.

Dies war ein Schnelldurchlauf durch die Aufstellung, die noch viele kleine Details enthielt. Ich hoffe, es ist so nachvollziehbar, nachspürbar.

 

7 Gedanken zu “Familienaufstellung – das Wochenende

  1. Oh ja, ich kann das nachfühlen, was du schreibst. Auch wenn ich die Aufstellungen von der „Technik“ her ein wenig anders kenne, da der Aufstellende nicht durch jemand anderen ersetzt wurde, sondern selbst an der Aufstellung teilnahm. Aber da war es auch Teil eines gruppentherapeutischen Prozesses, vielleicht ist das der Grund dafür.

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  2. Liebe Caro, eine Familienaufstellung hatte ich vor Jahren auch schon einmal vor, konnte mich jedoch nicht dazu durchringen. Drei meiner Geschwister litten unter starken Depressionen. Meine Nichte war dann zur Aufstellung und kam zu dem Ergebnis, dass meine Vermutungen diesbezüglich falsch waren. Ich habe schon vielPositives über Familienaufstellungen gehört und hoffe, dass Du Erfolg damit hast. Liebe Grüße Hedwig

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  3. Ich danke dir für deine offenen Worte.
    Ich denke man kann sich so etwas schlecht vorstellen wenn man so etwas noch nie selbst erlebt habt.
    Auch wenn ich mich sehr oft in Situationen rein denken und fühlen kann, ist es hier nicht einfach.

    Ich finde es mutig von dir, das du diesen Schritt gegangen bist um die Familie wieder zusammen zubringen. Ich denke du bist wie eine Löwenmama die alles geben würde. ❤

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