Sperrmülltag

Sperrmülltag

Nie klingt der Ton des Weckers so aufdringlich und unerbittlich wie am Montagmorgen. Der Morgen dämmert kaum. Lena hat Muskelkater, fühlt sich wie gerädert. Besonders der Rücken schmerzt. Sehr unpassend. Schnell den Wecker ausschalten, Jakob braucht noch ein paar Stunden Schlaf. Das Wochenende war schön, aber anstrengend gewesen.

Bis Samstagmittag hatte Lena an den Übersetzungen gesessen, war anschließend nach Frankfurt gefahren und hatte sie abgeliefert. Am Nachmittag war Verwandtengeburtstag angesagt. Schnell noch mit den Hunden aufs Feld, Kinder bei den Freunden abholen, waschen, umziehen, Geschenk nicht vergessen, los. Kino am Abend gestrichen – zu müde. Am Sonntag hatten sie bei herrlichstem Wetter alle zusammen eine Wanderung mit Picknick gemacht. Auf einer Wiese beim Bach gelagert, gespielt, Ameisenhügel beobachtet, einen Staudamm und Bogen aus Weidenzweigen gebaut, Pfeile und Schiffe geschnitzt. Es war schon spät gewesen, als sie sich auf den Rückweg machten. Nicht ohne vorher den Staudamm wieder abzubauen. Die zwei Kleineren waren so erschöpft, dass sie den letzten Rest des Weges getragen werden mussten. War das ein tolles Gefühl, endlich am Feldweg angekommen zu sein, der bergab zum Haus führte. So ein schöner Tag.

Und heute tut alles weh. Wie wär`s mit ein paar Ersatzteilen? Die Hunde sind schon auf. Der erste Gang am Morgen macht richtig wach. Jakob ist aufgestanden und hat schon eine Maschine Wäsche angestellt, das Frühstück ist fast fertig. Kinder wecken. Nur die Jüngsten, die anderen stehen von selbst auf. Schnell die erste Tasse Kaffee gemeinsam in der Küche trinken, bevor alle angestürmt kommen. Nun, bei David kann man von stürmen nicht wirklich sprechen. Seine Bewegungen sind eher verzögert. Er ist morgens meist sehr müde. Leander hingegen erweist sich schon beim Aufwachen als Energiebündel. Frühstück soll gemütlich, ohne Zeitdruck und Stress sein. In der Regel klappt es.

An diesem Morgen ist Lena froh, als alle Kinder fort sind. Denn es ist Sperrmülltag. Perfekt organisiert liefe das so: Tage vorher sortieren, am Abend vorher alles nach draußen stellen, vergessen. Aber nicht bei ihnen. Nicht in einer Familie von Bewahrern, Kreativen und Sperrmüll-Liebhabern. In der Vergangenheit hatten sie die Erfahrung gemacht, dass mühsam aus dem Keller nach oben geschleppte Sachen von allen Kindern danach begutachtet wurden, was man daraus noch alles machen könne. Anschließend landete der Großteil wieder im Verlies, wo sich eh schon alles staute. Sie warfen ohnehin nie etwas weg, was nicht schon mehrfach repariert worden war. Der Kellerraum hinter der Waschküche war tabu, weil dort zwei riesige alte Kleiderschränke  für Kindersachen im Wartestand, zu große, zu kleine, für die verschiedenen Jahreszeiten und Sportarten nicht verstellt werden sollten. Selbst der Werkstattraum reichte kaum noch für die Schätze. Umgesetzt wurden die grandiosen Ideen jedoch niemals. Wenn man jedoch wirklich mal ein Werkzeug oder Bauteil benötigte, war es selten auffindbar.

Damit nicht genug brachten die Kinder jedes Mal neue Funde von fremden Sperrmüllhaufen mit nach Hause. Da sie sich stets so sehr darüber freuten, landeten auch diese im Keller. Nach einer angemessenen Zeit für das Vergessen stellte Lena diese dann wieder zum Sperrmüll. Natürlich erst, nachdem die Kinder fort waren, jedoch bevor der große Wagen kam. Die Zeitspanne war nicht allzu groß bemessen, sodass es stets eine hektische Aktion war.

Auch an diesem Tag gibt es wieder große Überraschungen, als die Kinder nach Hause kommen. Leander zieht einen alten Reisekoffer hinter sich her und hat noch etwas auf dem Rücken. Der Ranzen ist es nicht. Den hatte er in weiser Voraussicht gleich in der Schule gelassen. Mit einem Spanngurt-Rest geschnürt stellt er ein ausgehöhltes quietschgelbes Fernsehergehäuse auf die Bank im Vorgarten. Daraus kann man ein tolles Regal bauen. Rani kommt mit einem Karton voller kaputter Spielzeugautos, die Papa sicher reparieren kann. Ihre Schwester bringt heute nur drei staubige Handtaschen, die ihre besten Tage weit hinter sich gelassen haben, und eine kaputte Puppe mit spärlichem Haar. Ach, die gerissenen Nähte kann Mama ja nähen. Selbst Jonas erscheint mit einem alten Ratschenkasten für Papas Werkzeug. Nun muss noch der Koffer geöffnet werden. Mit den Worten: „Guck doch nur, was die Leute alles wegwerfen.“, zeigt Leander uns den sensationellen Inhalt. Ein paar abgestoßene, schiefgelaufene Cowboystiefel, ca. Größe 46, einen Cowboyhut mit teils abgerissener Krempe, ehemals weiße Handschuhe, einen Gürtel mit gigantischer Schnalle, auf der zwei gekreuzte Revolver prangen und als krönender Abschluss zwei Schlangenhäute. Das alles wird er nun aufbewahren, bis er hineinpasst. So seine Vorstellung. Nun, man wird sehen.

Während Lena am Nachmittag, nachdem alle Schätze verstaut sind, in den Gemüsegarten direkt neben dem Haus verschwindet, um dringende Frühjahrsarbeiten zu erledigen, lässt sie weiteren Erinnerungen ihren Lauf.

 

 

14 Gedanken zu “Sperrmülltag

  1. Ich staune immer, was morgens noch von meinem Sperrmüll übrig ist. Manches trage ich auch ganz vorsichtig dorthin, selten wird meine Hoffnung enttäuscht, dass das entsprechende Teil noch Liebhaber findet. Vor meinem Umzug vor 5 Jahren habe ich alles rigoros entsorgt, was die vorhergehenden 10 Jahre im Keller lagerte ohne jemals das Tageslicht zu sehen.

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