Familienaufstellung

Ich mache das jetzt. Habe einiges über Familienaufstellungen gelesen. Nicht jeder These pflichte ich bei. Aber sie erscheint mir als die einzige Möglichkeit, meinem Sohn noch zu helfen, indem ich für mich einige Dinge klar kriege. Muss einfach wissen, ob ich bestimmte Ereignisse richtig einschätzte, bewertete oder durch falsche Schlüsse Fehler gemacht, ihn nur belastet habe. Deshalb erwarte ich mir, nach allem, was ich darüber gelesen habe, eine Richtigstellung im wahrsten Sinne des Wortes.

Mein Junge geht vor die Hunde und ich muss meinen Anteil daran sehen, um noch etwas zu retten. Seit dem Tod seiner Schwester, eigentlich seit der Endphase ihres Lebens, hat  sich seine Veränderung erschreckend verstärkt. Sie begann, seit der Ernst ihrer Erkrankung sichtbar geworden war. Essstörung, Waschzwang, Angst, Einigelung. Aber dieses Ereignis allein hat das womöglich nicht bewirkt. Nun will er nie wieder mit mir reden. Damit könnte ich leben, wenn es ihm dadurch besser ginge. Das hatte ich ihm auch gesagt, als er damit drohte. Als er mit einer Größe von 1,85m nur noch ca. 50 Kilo wog, nur noch Haut und Knochen war, hab ich ihn darauf vorbereitet, dass ich das Amt einschalten werde. Was ich auch tat. Nach Begutachtung erfolgte eine Woche in der Psychiatrie. Seither herrscht Funkstille. Doch wir sind uns dennoch sehr nah, ich fühle seinen Schmerz, jeden Tag, jede Stunde.

Eine Adresse am Bodensee hat mich besonders angesprochen. Dort rufe ich an und mache einen Termin für ein Vorgespräch. Als ich in den Zug steige, bin ich sehr aufgeregt. Ich stehe mehr als ich sitze, weil ich mir das Steißbein heftig angehauen habe. Den linken Arm, dunkelblau, trage ich in einer Schlinge. Mit einem Korb voller Pflanzen war ich auf der nassen Treppe aus Bahnschwellen weggerutscht und unsanft auf meinem Hintern gelandet. Mit dem Arm hab ich mich abstützen wollen. Aber egal, ich will nichts mehr hinauszögern. War auch gar nicht erst beim Arzt, wird schon wieder. ist doch alles kiki im Vergleich mit den seelischen Qualen.

Fünf Stunden später laufe ich durch Ravensburg. Nur noch einen Berg hinauf, dann werde ich an meinem Ziel angekommen sein. Mit jedem Schritt verstärkt sich das Gefühl, über Jahre alles falsch gemacht/gesehen, falsche Signale gesetzt, die falschen Worte benutzt zu haben. Als ich die Klingel an dem hübschen Holzhaus betätige, bin ich nah an einem Zusammenbruch. Der Mann, den ich besuche, führt mich in einem hellen Raum und bringt mir direkt ein Glas Wasser. Langsam werde ich ruhiger.

Als Erstes erzähle ich ihm, worum es mir geht. Wir werden also meine eigene Familie aufstellen und nicht die Herkunftsfamilie.  Er erklärt mir, dass nur in seltenen Fällen für eine andere Person, zu deren Nutzen eine Aufstellung hilfreich ist. Dann bittet er mich, auf dem Holzboden Platz zu nehmen und holt einige unterschiedlich große Holzkegel hervor. Diese soll ich nun so platzieren, wie ich sie in Bezug sehe. Meinen Mann, mich und die fünf Kinder stelle ich  als enge Gruppe hin, den ersten Mann und Vater/Adoptivvater der Kinder weit weg von uns. Der Therapeut meint nun, der erste Mann müsse entgegen meinen Erzählungen mehr Nähe zu den leiblichen Kindern und auch noch zu mir haben. Da ich ja wissen will, ob ich mich geirrt habe, stimme ich zu, seinen Kegel viel näher zu uns zu rücken. Ich fasse ihn aber nicht noch einmal an, das erste Mal war schon extrem unangenehm. Doch der Kegel fällt um und rollt weit weg. Ungläubig sieht der Mann mich an und schüttelt den Kopf. So etwas hat er noch nicht erlebt.

Wir sprechen noch eine Weile über die Familienstruktur, so wie ich sie wahrnehme. Das Sorgenkind wird von mir nah an mich herangeschoben. Das hat alles was von Puppenstube. Aber ich fühle schon eine gewisse Ehrfurcht, seit der „Mann“ umfiel und einfach wegkullerte. Der Therapeut bemerkt wohl alles, denn er lächelt mich wissend an. Er trägt mich für einen Gruppentermin über ein Wochenende in zwei Wochen ein und rät mir, eine vertraute Person mitzubringen. Es verspreche sehr anstrengend für mich zu werden.

Auf der Rückfahrt denke ich noch lange über das Erlebte nach. Irgendwann schalte ich mein Handy wieder ein. Meine reale Familie ist wieder in mein Bewusstsein gerückt und ich will wissen, ob alles in Ordnung ist. Piep – Piep – Piep! Drei sms(e?es?) – o je! Meine Sorge erweist sich als unbegründet. Alle drei sind vom Sorgenkind. Das kann ich kaum glauben. Kontakt – in welcher Form auch immer.

1.- Er will wissen, wie es mir geht.

2.- Ihm gehe es gut.

3.- Die Anklagen in seinem letzten Brief seien wohl doch nicht so ganz berechtigt    gewesen.

Das kann ja gar nicht sein. Sicher bin ich eingeschlafen und träume nur. Aber nein, ich bin wach. Tränen laufen über mein Gesicht.

FORTSETZUNG FOLGT:

Kann ein paar Tage dauern. Bin grad ziemlich fertig. Es kam wirklich hart auf hart zu jener Zeit. Aber ich glaube, Familienaufstellung – gut gemacht – kann einigen helfen. Deshalb schildere ich das hier.

 

 

14 Gedanken zu “Familienaufstellung

  1. Familienaufstellungen sind wirklich heavy, sowohl die Variante mit Platzhaltern, als auch die mit anderen Personen. Ein erstes A-ha-Erlebnis hatte ich, als meine erste Therapeutin mich meine Familie mit Geldmünzen auf einem Tisch ausbreiten ließ. Als sie sich das anschaute, meinte sie nur: »Und da wundern Sie sich, dass Sie unter Druck stehen? So dicht, wie die alle an Ihnen dran sind?«

    Eine Aufstellung für mich selbst mit echten Menschen, die sicher noch einmal wesentlich intensiver gewesen wäre, hat es leider nicht mehr gegeben, weil ich die Gruppentherapie vorher abbrechen musste (Problem mit der Krankenkasse). Aber ich habe auch einiges von den Aufstellungen anderer mitnehmen können.

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  2. Ich bin ebenfalls unglaublich berührt…..wir haben im Rahmen meiner Weiterbildung ebenfalls mit Aufstellungen gearbeitet. Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich krank. Die Aufstellungen und die Arbeit mit dem Analytiker der mich während der Fortbildung begleitet hat, haben mir und meiner Familie in diesem ganzen Wahnsinn, der durch die Erkrankung über uns herein gebrochen ist, das seelische Überleben gerettet. Ich danke Dir für diesen so offenen Bericht, habe tiefen Respekt davor was ihr hinter Euch habt und wünsche Dir von ganzem Herzen alle Kraft der Welt….ich bin in Gedanken bei Dir.

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  3. Liebe Caroline,
    ein paar mal war ich Teil einer Familienaufstellung. Ich wurde von der Person aufgestellt, die sich für sich ein Bild von ihrer Ursprungsfamilie machen wollte. Es war im Rahmen einer Ausbildung und hatte den Namen „Heiße 7“ (keine Ahnung, ob das ein echter Fachbegriff ist). Hier stellt eine Person sich selbst, die Eltern und Großeltern auf (also 7 Personen).
    Im Laufe der Aufstellung fehlte noch etwas und so wurde ich an die Seite des einen Großvaters gestellt (ich erinnere nicht ob vater- oder mutterlicherseits), aber ich symbolisierte den 1. Weltkrieg. Eine andere Person wurde bei den anderen Großeltern aufgestellt als 2. Weltkrieg.

    Das war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Ich fühlte mich hilflos und konnte nichts tun. Der Großvater neben mir (also die aufgestellte Person) ist fast zusammengebrochen und der 2. Weltkrieg von Gegenüber hat mich ausgelacht. Das war unerträglich. Und beeindruckend zugleich.

    Das berührt mich nach Jahren immer noch, so eindrucksvoll waren diese Erfahrungen. Während dieser Aufstellung werden Energien frei, es ist wirklich erstaunlich.

    Einmal erklärte ich in diesem Zusammenhang dem Platzhalter der Aufstellerin Dinge, die ich nicht wissen konnte, weil mir die Person, als die ich von der Aufstellerin aufgestellt wurde, gänzlich fremd war. Die Antwort liegt im morphologischen Feld oder in dem weltumspannenden Netz, dass uns alle mit allem verbindet. Das erklärt auch ein anderes Phänomen, das jetzt hier aber zu weit führt.

    Ich glaube, dass dir das Familienaufstellen zur rechten Zeit begegnet ist und bereits das Vorabgespräch wirkt sich bereits über dieses Netz aus.

    Fühle dich herzlich gedrückt von Barbara

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  4. Ich wünsche dir viel Kraft. Danke für deinen emotionalen Blogartikel.
    Vor ein paar Jahren, als ich sehr arge Probleme mit meinem Spross hatte, ließ ich auch eine Familienaufstellung machen. Die Erkenntnis daraus veranlasste mich, anders an meine damalige Problematik heranzugehen. Mit Erfolg … 🙂
    Alles Liebe
    Michaela

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      1. Ich habe schon einiges über die so genannten Familienaufstellungen gehört … es kann sehr, sehr heftig werden. Darum ist es total wichtig, einen guten Moderator zu haben, besser noch einen Menschen des Vertrauens, der einen ggf. „zurück holen“ kann. Dir wünsche ich von Herzen, dass es dich weiter bringt.

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