Gegenwart (Lena)

Der ganz normale Wahnsinn

Lenas Erinnerungen werden unterbrochen durch einen Anruf von Ranis Lehrerin, Frau K.. Der Freitagnachmittag hatte so gut begonnen. Die drei Jüngeren sind auf einem Kindergeburtstag mit Übernachtung und Lena wollte eigentlich beim Waschen, Bügeln und Vorkochen fürs Wochenende mit ihrer Rückschau vorankommen. Am späten Abend und wahrscheinlich die gesamte Nacht würde sie an Übersetzungen sitzen. Es war ein kurzfristiger Auftrag über Prospekte für einen Turbinenhersteller hereingekommen, die in italienische, französische und spanische Sprache übersetzt werden mussten. Für diesen Auftraggeber arbeitete sie häufiger. Die Termine waren immer eng gesteckt, aber er zahlte prompt und gut.

Lena ist für jede zusätzliche Einnahmequelle dankbar, auch wenn es nicht mehr so eng war wie noch ein paar Jahre zuvor. Besonders die Sommerferien mit Ferienfreizeit und Computercamp gingen ins Geld, der Unterhalt kommt unregelmäßig oder gekürzt und bei Lehraufträgen werden die Ferien nicht bezahlt, nur die gehaltenen Stunden. Jakob ist zwar mittlerweile selbstständig und arbeitet sechs Tage die Woche, aber große Rücklagen haben sie noch nicht bilden können.

Ein Ärgernis kommt selten allein. Schon am Mittag, als sie vom Unterricht kam, hatte Lena erbost einen Brief geöffnet, in welchem der ehemalige Mann ihr schrieb, er könne diesen Monat keinen Kindesunterhalt bezahlen. Schon wieder. Seit er fortgezogen ist, hat sie nicht mal eine Adresse, da er sich bei der Gemeinde nicht abgemeldet hat. Irgendwo in den neuen Bundesländern hat er sich wohl einen alten Gutshof gekauft.  So wurde ihr berichtet. Für ihn hat sich die Sache wie immer mit dieser Ankündigung erledigt. Keine Begründung, keine Entschuldigung – nichts. Das hat sie erstmal beiseitegeschoben, denn erstens kann sie es eh nicht ändern und zweitens will sie sich auf die Kinder konzentrieren, die bald aus Schule und Kindergarten heimkehren werden. Da gibt es immer sehr viel Gesprächsbedarf, Lustiges, Ärgerliches, jede Menge Fragen.

Rani ist ihr wie immer erschienen. Sie redet eh nicht gerne über die Schule und scheint sie abzuschütteln, sobald sie zu Hause angekommen war, spätestens nach den Hausaufgaben. Hier zeigt sie ihr wahres Wesen, ist vorwitzig, albern, hilfsbereit und durchsetzungsfähig, auch gegenüber ihren großen Geschwistern. Außerhalb dieser Welt benimmt sie sich eher zurückhaltend und scheu. Rechnen und Lesen sind weniger ihr Ding als der Schulgarten, Bäume pflanzen, Sport, Kunst und Werken. Dass dies für Lena kein Problem darstellt, weiß ihre Lehrerin. Auch über Ranis unbedingtes Bedürfnis nach Ordnung und festen Strukturen ist sie informiert. Was also ist geschehen in der Schule, das einen Anruf am Wochenende notwendig macht?

Frau K. beklagt sich bitterlich, Rani rede seit zwei Tagen kein einziges Wort mit ihr, antworte nicht auf Fragen, komme keiner Anweisung nach und erledige ihre schriftlichen Aufgaben nicht. Das hörte sich nicht gut an. Lena überlegt eine Weile und fragt dann, ob sich innerhalb der Klasse etwas verändert habe. Ja, sie habe die Kinder umgesetzt, immer einen Jungen und ein Mädchen pro Tisch, möglichst ein stilles neben ein nicht so stilles. Das habe man in der Konferenz so vereinbart. Neben Rani säße nun Kai. Der sei ein wenig chaotisch, ja, aber damit müsse sie zurechtkommen. Das sei ja wohl kein Grund, die Arbeit zu verweigern. Ob denn nicht eher etwas zu Hause nicht in Ordnung sei? Die armen Scheidungskinder hätten es ja sehr schwer. Sie werde sich nicht erpressen lassen, nur weil einem Kind etwas nicht passe.

Wie kann Lena die Situation jetzt zum Wohl ihrer Tochter ohne Eskalation entflechten? Gar nicht einfach, wenn man eh schon geladen ist. Armes Scheidungskind! Den Kindern ging es, abgesehen von den finanziellen Einschränkungen, nie so gut wie jetzt. David hat direkt nach der Trennung aufgehört zu stottern. Er und Leander waren, vom Druck befreit, sofort wesentlich besser in der Schule geworden. Sie verabscheut diese geistige Armseligkeit, die aus solchen Vorurteilen spricht. Sollte vielleicht nicht im Gespräch durchscheinen. Nur keine offene Konfrontation. Die Frau hatte es privat auch nicht leicht, es gab große Probleme mit deren halbwüchsigem Sohn. Aber hier und jetzt ging es um Lenas Kind.

„Frau K., ich stelle diese Form der Sitzordnung ja nicht grundsätzlich infrage. Aber sie ist nicht für jedes Kind geeignet. Sollte man bei den Kindern, die das stresst, nicht ein wenig mehr auf die Auswahl achten? Sie wissen doch, dass Rani sich schlecht konzentrieren kann, wenn es auf ihrem Tisch nicht ganz ordentlich ist und sie etwas Zeit braucht, um Veränderungen zu akzeptieren. Können wir da nicht etwas machen?“

„Erst eine Extrawurst, dann noch eine und dann wollen alle mitreden. Dann hab ich hier gar keine Kontrolle mehr. Ihre Tochter hat sich anzupassen.“

„Dadurch ist sie aber doch ziemlich benachteiligt beim Lernen.“

„Wenn Rani für diese Lernform nicht geeignet ist, sollten Sie über eine andere Schule nachdenken. Sonst sehe ich schwarz. Kinder, die unfähig sind, sich anzupassen, gehören auf eine Sonderschule. Das spielt vielleicht bei Ihren Vertretungsstunden keine Rolle, bei echten Klassenlehrern aber schon.“

Auch wenn Lena längst klar ist, dass dieses Gespräch nicht weiter geführt werden sollte, weil ihr jedes Wort im Mund herumgedreht wird und eine Ablehnung ihrer Person kaum zu überhören ist, muss sie eins noch loswerden:

„ Die Frage ist doch, ob diese Form für das Kind nicht geeignet ist und nicht das Kind für die Form. Frau K., auch Ihnen ist doch bewusst, dass wir uns im Jahr 1988 befinden und die Pädagogik andere Ansätze hat. Mittlerweile weiß doch jeder, dass Menschen unterschiedlich sind. Fast jeder. Ich hätte gern ein Gespräch mit Ihnen und der Schulleitung.“

Frau K. hat aufgelegt. Nicht gut. Hätte sie es besser machen können? Mit anderen Worten? Na ja – müßig. Lena wird erst noch einmal mit Rani sprechen, sie anhören. Evtl. muss ein Klassenwechsel ins Auge gefasst werden. Rani hatte schon öfter von Kai erzählt, dass er eben sehr chaotisch sei. Sie hatte aber auch berichtet, dass Frau K. ihn fürchterlich anschrie, wovon Rani die Ohren wehtaten, was sie durchaus als ungerecht empfand.

Bis zu diesem Gespräch liegt das Thema auf Eis. Lena wird sich nun ihren eigentlichen Vorhaben widmen: Bügeln, Kochen und in Erinnerungen versinken.

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s