Für die Älteren – wie ich halt

Junge Menschen werden die Komik des Gespräches deshalb in weiten Teilen nicht nachvollziehen können, weil sie die angesprochenen Personen gar nicht mehr kennen. In einigen Teilen wird übrigens klar, dass sinnverstehendes Lesen auch früher nicht immer funktionierte.

Wirtshausgespräch

Eben noch saßen wir ganz allein in der Kaminecke des  gemütlichen Tiroler Gasthauses an diesem frühen Sommerabend, der urplötzlich von Abendsonne auf Sturm und Regen umgeschaltet hatte. Etwas schläfrig warteten wir auf unser Essen, als eine kleine Gruppe älterer Paare im Alter zwischen 70 und 80 Jahren, eintraf und einige Tische entfernt von uns Platz nahm. Sie schienen recht vergnügt und machten einen kultivierten Eindruck. Bei so wenigen Gästen bekommt man zwangsläufig Gesprächsfetzen von Nachbartischen mit. Was wir da hörten, war dann so bizarr, dass wir gar nicht mehr weghören konnten.

Es begann ganz harmlos, der Ober brachte unser Essen und den neuen Gästen die Getränke. Er wurde gefragt: „Da wo jetzt diese Tankstelle steht, war da nicht mal die Grenze?“ „Später schon, aber ursprünglich war das Haus gegenüber das Grenzhaus zwischen Bayern und Österreich.“, antwortete er. Danach schaukelte sich das Gespräch untereinander langsam hoch. „Ach ja? Aber irgendwann gehörte doch sowieso alles zu Deutschland“ „Nein, zu Bayern!“ „Das ist doch dasselbe.“ „Nur Tirol.“, warf eine Stimme ein. „Auch Südtirol?“ hörte man eine andere fragen. „Auch Südtirol!“ klang es schon ein wenig ärgerlicher. Nächste Frage: “Wann war das?“ „1918!“

Ab diesem Zeitpunkt jagte ein Themawechsel den nächsten. Es ging Schlag auf Schlag.

„Ach kennt ihr eigentlich das doppelte Lottchen? Das habe ich vor kurzem noch einmal gelesen.“

“Das von dem Kästner?“

„Ja, zwei Mädchen tauschen die Rollen.“

„Wie, und die Eltern merken nichts?“

„Nein, jetzt lass mich doch mal! Also die Eine geht zum Vater und die Andere zur Mutter.“

„Nein, nein! Das war umgekehrt!“

Wir konnten unser Lachen kaum mehr unterdrücken. Nur gut, dass uns der Kamin etwas abschirmte. Aber das war`s noch nicht. Die Unterhaltung schlug weiter Purzelbäume.

„Und der Kaiser Franz-Josef, wann musste der eigentlich aufhören? War das nicht auch 1918?“

„Also der Ferdinand der wurde erschossen in Slowenien.“

PAUSE 1

„Dann kam der Erste Weltkrieg.“

„Das stimmt doch nicht!“

„Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht?“

„Das war nicht in Slowenien, das war in Sarajewo 14/18.“

„Ja, ja, das war alles 14/18.“

„Und der Walter Giller, der ist doch auch schon tot?“

„Ja, der ist auch viel zu früh gestorben.“

„Genau wie der Heesters.“

PAUSE 2

„Die Engländer waren ja auch in Russland bis zur Mongolei und haben da so viel aufgebaut.“

„Waren das nicht die Franzosen?“

„Nein, das waren die Engländer, unterbrich mich nicht immer! Schließlich habe ich das Buch gelesen.“

„Wie ging  es dann weiter?“

„Da kamen dann die Bolschewiken und der Mittelstand.“

„Was?“

„Die Bolschewiken und der Mittelstand! Die haben alles wieder zerstört in Petersburg.“

GEMEINSCHAFTLICHES LAUTES SEUFZEN

„Und dann kam der Lenin.“

„Aber nicht nach Petersburg!“

PAUSE 3

„Habt ihr das von der Bürgermeisterin in Amerika gehört? Die hat doch tatsächlich nicht gewusst, dass der Zweite Weltkrieg längst vorbei ist.“

„Ach diese Amerikaner haben doch sowieso keine Ahnung von Geschichte.“

Das Essen wurde gebracht, die Unterhaltung brach ab. Es würde nun zu einer längeren Pause kommen, während der das Gedankenkarussell sich wieder auffüllen konnte.

Wir mussten gehen, bekamen kaum noch Luft vor unterdrücktem Lachen, wären einer neuen Runde wohl nicht mehr gewachsen gewesen.

 

 

 

 

9 Gedanken zu “Für die Älteren – wie ich halt

  1. „Junge Menschen werden die Komik des Gespräches deshalb in weiten Teilen nicht nachvollziehen können, weil sie die angesprochenen Personen gar nicht mehr kennen.“

    Bitte was? Dumme Leute gab es immer schon, die „jungen Leute“ aber von vornherein als geschichtuninteressierte Trottel abzustempeln finde ich trotzdem nicht so nett. Gibt auch genug alte Säcke, die den Klimawandel leugnen und den Holocaust mit dazu. Das nenn ich mal Allgemeinbildung! 😉
    (Junge übrigens auch; das ist fast noch schlimmer.)

    Gefällt mir

  2. Die Geschichtskenntnisse jüngerer Generationen sind auch ganz amüsant; so wunderte sich neulich ein jüngerer Wirtschaftsberater darüber, wie wenig Menschen doch über die recht niedrige Berliner Mauer geflüchtet wären. Zum Schießen 🙂 oder nicht?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s