Becky

Lena hat eine neue Mitschülerin und Freundin bekommen:

Die Schulzeiten waren viel kurzweiliger, seit Becky in Lenas Leben getreten war. Unter ihrer Anleitung entdeckte Lena ihr Interesse an Mode, Partys und der Bravo, dem Aufklärungsjournal und Ratgeber jener Zeit. Wobei den beiden Mädchen viele Artikel oberflächlich bis uninteressant erschienen. Anderes war zum Totlachen, besonders viele Tipps. Aber einiges war schon erweckend und inspirierend. Da hätten sie schon gerne mehr erfahren. Auch war das Gefühl, den neuen Stars der Musikwelt sehr nahe zu kommen, aufregend.

Mittlerweile hatten auch die Hits der Beatles die Provinz erreicht. Diese völlig neuartige Form von Musik begeisterte Lena auch deshalb, weil sie andeutete, dass sich Grundlegendes an ihren Lebensumständen ändern würde. Mehr Freiheit konnte sie erahnen. Wobei andere Bands, die sie dann auch hören konnte, ihr auf Dauer  weit besser gefielen, weil sie lebendiger, leidenschaftlicher, aufmüpfiger daherkamen. Das entsprach doch mehr ihrem eigenen Naturell.

Die warmen Zeiten verbrachten sie mit Vorliebe im Freibad. Becky hatte ja immer alles. So auch einen tragbaren Plattenspieler und natürlich die zugehörigen Schallplatten. Eine große Gruppe junger Leute versammelte sich dann auf ihren Decken und hörte gemeinsam Musik. Manchmal tanzten sie auch. Am besten waren die Tage, wenn Lena bei Becky übernachten durfte. Lieblingsthema bis spät in die Nächte hinein waren dann Jungs, vor allem Beckys Kavaliere, wie sie ihre zahlreichen Verehrer nannte. Lena redete meist nur über Tobi, Vorfreude und auch Ärgernisse. Wenn Becky sie darauf aufmerksam machte, dass der Eine oder Andere sie ständig beobachte und sie fragte, ob sie denn keiner davon interessiere, antwortete Lena: „Nö!“ Thema erledigt. Dann lachten und kicherten sie und schliefen schließlich ein.

Manchmal beneidete Lena die Freundin um ihre Leichtigkeit, mit der diese mal den einen, mal den anderen Verehrer bevorzugte, Kontakte knüpfte und wieder abbrach, Küsse verteilte und sich körperliche Zuwendung holte, wann immer, von wem immer sie es gerade wollte. Becky war frei von Gewissensbissen oder Angst vor unangenehmen Folgen. Auch schien keiner der so Behandelten ihr irgendetwas übel zu nehmen. Jedenfalls nicht nach außen hin. Sie verfügte über eine entwaffnende fröhliche, fast unbefangene Art. Es war durchaus amüsant, ihr dabei zuzuschauen.

Nur ein einziges Mal konnte Lena Beckys Verhalten nicht akzeptieren und stellte sie deshalb zur Rede. Am Nachmittag nach einer Party hatte Becky sich mit einem Jungen verabredet, mit dem sie im schummrigen Licht des Partykellers wild geknutscht hatte. So fuhren sie denn beide mit dem  Bus in die Kreisstadt, wo das Treffen am Bahnhof verabredet worden war. Dort stand er schon erwartungsfroh, der Ärmste, und sah so gar nicht vorteilhaft aus. Becky schaute erschrocken auf ihn, nur einen kurzen Moment. Er musste es sein, denn es war keine andere junge Person auf dem Bahnhofsvorplatz anwesend. Während Lena lächelnd auf ihn zulief, sah ihre Freundin mit erschreckender Kälte durch ihn hindurch und ging ohne Zögern einfach vorbei. Lena war so schockiert, dass sie nur zu einem leisen „Es tut mir wirklich leid. Ich weiß ja auch nicht…“ imstande war. Sie schämte sich fürchterlich. Gott sei Dank sah Becky ein, dass ihr Vorgehen unmöglich und grausam gewesen war.

So entlastend Lena diese Lebenshaltung auch erschien, war ihr doch stets bewusst, dass es nicht die ihre war, sie diese nicht kopieren wollen würde. Zwar liebte sie ebenso wie die Freundin Partys und fröhliche Zusammenkünfte, tanzte und lachte für ihr Leben gern, doch übermäßige körperliche Nähe von eigentlich Fremden war ihr kein Bedürfnis. Auch wohnte in ihr die Warnung, dass jede Tat Folgen hat bzw. haben kann. Das hatte sie ja schon feststellen müssen, nachdem sie sich von spontanen Attacken hatte leiten lassen. Denn auch Lena konnte kalt und mitleidlos sein, wenn sie gerade von zornigen Gefühlen überrollt wurde. Die Erfahrung, dieser Teil von ihr machte Angst. Das musste sie in den Griff bekommen und sie war auf einem guten Weg dahin.

 

 

 

 

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