Immer noch Lyon

An einem der folgenden Tage fiel Lenas Blick von ferne auf eine Gestalt, die geradezu malerisch an einer der hellen Säulen des Vordaches lehnte. Augenblicklich war sie fasziniert von dieser Darstellung und versank in ihrer Betrachtung. Dunkel, geheimnisvoll, orientalisch, perfekte Statur. Nur einen Makel zeigte das Bild: Der rechte Arm war bis zur Schulter eingegipst und lag in einer Schlinge. Brigitte bemerkte Lenas Blick und zog sie näher heran an den schönen Jüngling, der noch nicht so recht junger Mann zu nennen war. Vielleicht war es auch das, was Lena gefiel. Erstens das noch nicht so fortgeschrittene Alter sowie die Einschränkung der Bewegung durch den Gipsverband. Ja, einen Moment hatte sie wirklich gedacht, dass eine Freundschaft hier ohne Gefahr von Übergriffigkeit und somit ohne anstrengende Misstöne und Klarstellungen möglich sein könnte. Also mal abgesehen von der überaus angenehmen Erscheinung dieses jungen Menschen, in dessen Gesellschaft sie sich unbestreitbar sehr wohl fühlen würde.

So lernte Lena Armand kennen, 16 Jahre alt, Sohn eines französischen Vaters und einer marokkanischen Mutter, begeisteter Fußballspieler in der Jugendmannschaft. Er schien hoch erfreut über Lenas Auftauchen und begrüßte sie wie eine alte Bekannte. Es entspann sich sofort ein Gespräch, das in weiten Teilen etwas holprig ausfiel, aber dennoch sehr lebhaft ablief. Armand zeigte sich rücksichtsvoll und sprach betont langsam. Sie hatten viel Spaß. Den Arm hatte er sich nicht etwa beim Fußballspiel gebrochen, sondern nach einem gewonnenen Billard-Match am ersten Ferientag, als sein Freudentanz misslang und er unkontrolliert gegen den Tresen der Bar gefallen war. Seither langweilte er sich unendlich, da er bei allen Aktivitäten seiner Freunde nur zuschauen durfte. Zu allem Überfluss wurde er mit Spott überhäuft aufgrund seiner zugegeben tollpatschigen Aktion. Er nahm’s sportlich. Gelegenheiten, es heimzuzahlen, würden sich bald ergeben.

Von nun an waren nachmittägliche Exkursionen mit Brigitte und ihrem Freund nicht mehr eintönig oder unberechenbar. Lena war stets in Begleitung von Armand, der einerseits eh nichts anderes zu tun hatte und andererseits echtes Interesse an Lenas Gesellschaft zeigte. Sie erzählten sich gegenseitig aus ihrem Leben und lachten viel miteinander. Letzteres auch deshalb, weil Lenas Französisch zum Teil recht komische Fehler produzierte. Doch nicht immer waren die Gespräche spaßiger Natur. So erfuhr Lena, dass Armands ältere Brüder sowie auch einige ihrer Freunde, wenn sie algerischen Ursprungs waren, keineswegs immer anständig behandelt wurden. Es war wohl durchaus üblich, ihnen den Zugang zu Tanzlokalen und auch einigen Restaurants zu verweigern. Zwar waren sie Franzosen, jedoch zweiter, wenn nicht gar dritter Klasse. Das empörte Lena sehr. Damit würde sie sich noch auseinander setzen, wenn sie wieder zu Hause war. Das hätte sie nicht gedacht von den Franzosen.

Auszug „Wider die Vernunft“ (Arbeitstitel)

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