Der Tisch III

Wie ich soeben erfuhr, ist der zweite Teil nicht überall auf dem reader sichtbar gewesen und war nur direkt über meinen Blog zu lesen!

Und dann der Tag, an dem die Liebe meines Lebens sich einen Weg zu mir gegraben hatte. Der zweite zwar und doch der Erste, denn nie zuvor hatte ich in einem solchen Ausmaß geliebt und war auf diese Weise auch selbst noch nicht geliebt worden. Endlich wurde ich geachtet, beschützt, bewundert; grenzenloses Vertrauen wurde mir entgegen gebracht und ich erwiderte dies. Auch ich konnte nun einmal klein und schwach und traurig sein, ohne in seinen Augen an Bedeutung zu verlieren. Ich lernte im Kummer zu weinen, was ich seit meiner Kindheit nicht mehr gekonnt hatte. Er liebte meine Kinder und teilte sich die Schulden mit mir. Am erstaunlichsten fand ich, dass er immer er selbst war und sich niemals anbiederte, um zu gefallen – nicht bei den Kindern, nicht bei mir und bei Anderen schon gleich gar nicht.

Nach einer harmonischen Anfangszeit sperrten sie sich jedoch gegen ihn. Vielleicht war es Eifersucht oder sie fühlten sich bedroht, jedenfalls wirkten sie traurig und bedrückt, was sie widerspenstig machte. Die Mädchen nicht so sehr wie die Jungen. Meine Kinder aber sollten glücklich sein, zumindest nicht unglücklich durch meine Schuld. Ich hatte immer gesagt, Kinder könnten nichts für die Situation, in die sie hinein geraten, deshalb müssten die Erwachsenen die Opfer bringen, um die ihnen Anvertrauten vor Unheil zu bewahren. Da stand ich nun mit meinem brennenden Herzen – und wusste genau, was ich zu tun hatte. Also schickte ich ihn fort. Einen Tag und eine Nacht saßen wir am Tisch und redeten in dem verzweifelten Bemühen, noch eine andere Lösung für uns zu finden. Er sah mehrere Möglichkeiten, ich sah keine einzige. Auch konnte ich es ihm doch wohl nicht zumuten, nur zu arbeiten und auf Dauer ohne Anerkennung leben zu müssen. Eigentlich hätte ich ihn selbst diese Entscheidung  treffen lassen müssen – das  weiß ich heute – aber ich habe es nicht getan. Kein Tag ist seither vergangen, an dem ich ihn nicht schmerzlich vermisst habe, in den Nächten nagte die Sehnsucht an mir.

Die Freunde erklärten mich für verrückt, die Kinder seien bald aus dem Haus und ich allein. Aber ich hielt dagegen, Kinder seien nie endgültig aus dem Leben verschwunden und kämen umso lieber zurück, als man sie nicht zu Besuchen und albernen Dankbarkeitsritualen zwinge. Ich hatte nie Forderungen dieser Art gestellt, meinen Geburtstag hatte ich stets als unwichtig abgetan, Muttertag gab es nicht. Freiwillig und aus einem inneren Bedürfnis sollte alles kommen oder eben nicht. Natürlich spielte sich „Eben nicht“ ein und ich werde nicht behaupten, es hätte mir nichts ausgemacht.

Konsequent bemühte ich mich, ein fröhliches und unbeschwertes Familienleben aufrecht zu erhalten, was  leidlich gelang. Über all diese Jahre hinweg stellte ich mich vor meine Liebsten und versuchte jeden Ärger von ihnen fern zu halten, holte sie möglichst aus jedem Schlamassel wieder heraus. Dabei steckte ich selbst in nicht geringen Schwierigkeiten und sah einer ungewissen Zukunft entgegen, was meine Geldangelegenheiten betraf. Übersetzungen, Lehraufträge und Putzarbeiten reichten oft kaum, um das Nötigste zu bezahlen. Als dann auch noch meine jüngere Tochter krank wurde und ich sie pflegen musste, waren Beschränkungen für  die Geschwister unumgänglich. Die ältere Tochter nahm dies sehr übel und verließ unter Verwünschungen das Haus – ich habe nichts mehr von ihr gehört. Die Jungen hingegen waren hilfsbereit, unterstützten mich, bis sie ihr eigenes Ziel gefunden hatten.

Ab und an erhalte ich Post mit Fotos der neuen Familien, die meine Jungen aufgebaut haben – aber ich konnte nie viel mit Fotografien anfangen, brauchte stets das direkte Leben. Sie denken wohl, es gehe mir gut, habe ich doch nie etwas anderes verlauten lassen. Vom alten Kummer haben sie sich befreit, sich etwas Neues, Eigenes erschaffen. Vollendet, was ich vorgab. Meine Wünsche haben sich erfüllt – aber so wollte ich es nicht!

Morgen wird der Tisch abgeholt und ich werde endgültig aufgehört haben zu sein.

Es wird langsam hell – das war jetzt anstrengend, aber heilsam. Ab und zu brauche ich eine Nacht der Schwarzmalerei und des vollkommenen, vernichtenden Selbstmitleids. Alkohol, Kaffee und Zigaretten unterstützen mich dabei und verhindern ein vorzeitiges Einschlafen. Danach wache ich auf wie aus einem bösen Traum und alles wird wieder zurecht gerückt. Solche Exzesse verhindern Verbitterung und die üblichen täglichen Unzufriedenheiten. Danach kann ich gestärkt von vorn beginnen. Der Tisch ist nur noch ein Tisch – es wird einen neuen geben. Alles nur Dinge – nicht wahrhaft wichtig! Meine Schulden bin ich endlich los, eine Anstellung habe ich auch in Aussicht. Die Kinder werden sich melden, wenn sie das Bedürfnis dazu haben – und ich werde mich tierisch freuen, mit ihnen zu sprechen. Ich koche mir Kaffee, genieße den Duft in vollen Zügen, die Sonne geht auf und ich freue mich auf den neuen Tag.

6 Gedanken zu “Der Tisch III

  1. Das kann ich gut nachempfinden da es mir ähnlich erging. Ich hatte aber das Glück, dass meine Kinder sich schon ihr eigenes Leben aufgebaut hatten und ich endlich mal egoistisch sein konnte. Verstanden haben sie es damals nicht, eine Mutter darf nicht egoistisch sein sagten sie. Heute verstehen sie mich aber sehr gut und wir haben ein tolles Verhältnis.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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