Der Tisch II

Niemand durfte meinen Kindern wehtun. Wenn ich es bedenke, so waren es immer nur meine Kinder, ganz allein. Zuerst versuchte ich ja noch zu diskutieren, um ihn von seinem zerstörerischen Handeln abzubringen, aber das war müßig. Er, der Herr, beging keine Fehler. So war die Trennung für mich beschlossene Sache und nichts in der Welt konnte mich davon wieder abbringen. Natürlich war das weder einfach, noch ging es ohne größere seelische und körperliche Verletzungen ab. Aber der Tag kam, an dem er endgültig ging.

Darauf folgte zwar erst einmal finanzielle Not, aber wir waren frei und wieder froh. Die Älteren hatten sogar gleich bessere Schulnoten. Dummerweise hatte ich meinen Beruf aufgegeben und jahrelang im Geschäft meines Mannes ohne Anstellung gearbeitet, deshalb musste ich in verschiedenen Bereichen jobben. Das machte mir nichts aus, wir kriegten es irgendwie immer hin. Das Wichtigste blieb für mich, dass meine Kinder ungebeugt, mit einem freien Geist und selbstbestimmt ihr Leben aufbauen konnten. Einschränkungen würde es später noch genügend geben, bis dahin wären sie aber stark genug, um die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Dafür wollte ich ihnen Beispiel sein. Ich lebte ihnen vor, dass man immer wieder von vorn beginnen kann. Geht nicht gibt’s nicht – das war mein Leitsatz. Für das, was einem wirklich wichtig ist, kann man jederzeit Kräfte mobilisieren und mit der nötigen Anstrengung erreicht man jedes Ziel.

Die Entwicklung der langsam älter werdenden Kinder war eine Freude, sie zeigten immer mehr Talente und waren stets wissbegierig. Unser Haus blieb eine Art Begegnungsstätte vieler Altersstufen und Kulturen, die wahren Freunde blieben mir auch in den Zeiten der Not erhalten, neue kamen hinzu. Es wurde viel erzählt und diskutiert, wer Hilfe oder Rat benötigte, konnte sich an mich wenden. Auch das Tanzen und Lachen, Musik hören und Musik machen gehörte zum Tagesablauf – eine unbeschwerte, glückliche Zeit.

Was die Zukunftspläne betraf, so war es mir nie wichtig, welchen Schulabschluss eines meiner Kinder machte oder ob sie einen ein angesehenen Beruf anstrebten. Sie sollten sich das aussuchen, was sie auf Dauer glücklich machte. Hauptsächlich sollten sie anständig und ehrlich ihren Weg gehen. Ich hatte niemals Zweifel daran, dass jedes seine Berufung finden würde. Auch regte ich sie dazu an, sich nicht zu früh festzulegen, lieber sollten sie mehrere Dinge ausprobieren. Natürlich bedeutete das für mich erhebliche Opfer, aber die war ich bereit zu erbringen.

 

9 Gedanken zu “Der Tisch II

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