Der Tisch I

Ein Hoch auf gelegentliches Fallenlassen mit einer gehörigen Portion Selbstmitleid: Kurzgeschichte in drei Teilen.

Der Tisch

Die letzte Nacht – morgen Abend wird er nicht mehr hier sein!

Dann werde ich endgültig ohne meine stets zuverlässige Stütze und den treuesten Gefährten über viele Jahre hinweg auskommen müssen. Nein, es war nicht alles Schmerz und Kummer im Laufe dieser Zeit; unbeschwerte, fröhliche, von Glück überladene  Sommer habe ich mein eigen genannt, angekündigt  schon durch einen berauschenden Frühling, der die kommenden Freuden bereits ahnen ließ. Der Herbst darauf kein Abschied , sondern in seiner Sinnenfülle und Farbenpracht ein aufregendes Versprechen, dass all dies Schöne sich wieder einstellen werde. Im Winter das Haus angefüllt mit Geschichten und Gelächter, die sich in frohen Gesichtern widerspiegelten.

Aber das war damals – so damals, dass das Andere jetzt überwiegt. Trauer und Verbitterung haben sich in meine Seele gegraben. Ein Bewusstsein der Sinnlosigkeit allen Tuns, wie ich es bei  mir niemals für möglich gehalten habe. Man sollte meinen, die Erinnerung versöhne mit den mageren Jahren. Was aber, wenn diese von einem verstörenden Erwachen ausgelöst werden, keine Erlösung in Sicht ist und weitaus länger schon andauern als die fetten? Sobald in der ausgezehrten Seele immer klarer das Bewusstsein des endgültigen Scheiterns hervortritt und die verbleibende Zeit so knapp ist, dass eine Umkehrung unmöglich wird, gibt es nichts mehr zu hoffen.

Dieser große, runde Eichentisch ist das letzte Überbleibsel aus den Jahren des Überflusses und nun muss ich auch ihn verkaufen. Wäre da nicht das Gefühl in mir, dass ich damit endgültig sämtliche Erinnerungen verscheuere, die mich an diese Welt noch binden, es kümmerte mich nicht ein bisschen. Den anderen so genannten Antiquitäten habe ich keine Träne nachgeweint. Sie waren lediglich Objekte von  materiellem Wert ohne Bezug zu mir und ich brauchte das Geld.

Es ist jedoch nicht meine finanzielle Misere, die mich  ausgetrocknet und mutlos gemacht hat – oder doch – vielleicht – ein wenig. Eine endlos lange Reihe von schmerzlichen Verlusten zieht sich durch mein Leben und jedes Mal bröckelte ein Stückchen meines Herzens ab. Und es ist eben einfach nichts mehr übrig.

Denkt  jetzt nur nichts Falsches! Ich bin eine Kämpferin – bin die Kämpferin schlechthin. Wild um mich gebissen und besonnen taktiert habe ich, gegen Vieles und für Alles, was mir jemals wichtig war. Die Schlachten gewonnen und dennoch verloren. Die Kraft zu einem Neuanfang blieb mir erhalten, weil es jedes Mal ein neues Ziel gab. Nun sind sie restlos  aufgebraucht, die Ziele und mit ihnen die Kräfte.

Weder den Umständen noch den Menschen in meinem Leben kann ich für meinen Zustand die Schuld geben, alles ist durch mich selbst verursacht in vollem Bewusstsein und in dem Bestreben, durch Stärke und Wahrhaftigkeit  Zeichen zu setzen.

Fünf Kinder, zwei Männer, Ziehkinder und Freunde, alle sind aus meinem Leben gegangen, gestärkt und mit der Wahrheit, nur sich selbst gegenüber verantwortlich zu sein. Fast scheint es, als seien sie alle nur ein Tagtraum gewesen  im Leben einer vereinsamten Frau, die gerne bedeutend gewesen wäre. Ich hätte wohl rufen sollen: Hallo, ich bin auch noch da, vergesst mich nicht! – oder: Ruft doch mal an!  Aber ich kann nicht bitten, jedenfalls nicht für mich selbst. Und dennoch; mein Handeln war richtig, nur das Ergebnis ist falsch.

Der einzige Zeuge jener nun so fernen Zeit  ist dieser mein Tisch, der alles in seinem Holz aufgesogen hat: Lachen, Tränen, Tinte und Spaghetti-Soße, mitunter auch wütende Fausthiebe, die helle Stellen hinterließen. Auch die kleinen Kerben von Kindermessern sind noch da und an seinem Fuß die Spuren von Hundezähnen und –krallen. Die Last meines Gewichtes hat er getragen, wenn ich hochschwanger nur auf dem Stuhl kniend mich auf ihn legte, weil dies die einzig noch erträgliche Stellung war. Schreckliche Wahrheiten zu begreifen und schwere Entscheidungen zu treffen half er mir, während meine Fingernägel sich in sein Holz bohrten und er meinen Händen Halt gab. Hier fand es statt, das Leben einer großen Familie in einem offenen Haus. So hatte ich es gewollt und so hatte ich es geschaffen.

Die Jahre, in denen die Kinder heranwuchsen, waren aufregend, erfüllend und voller Wärme. Wie ich sie geliebt habe, diese wunderbaren und klugen Menschlein mit ihren wachen Augen, jedes auf seine ganz eigene Art eine Persönlichkeit mit einem festen Willen. Manches Mal waren die Gefühle so überwältigend, dass ich schwermütig und angstvoll wurde. Meist jedoch tobte das  Leben fröhlich durch das Haus und die anliegenden Wiesen und Felder. Nur der Mann erwies sich langsam immer mehr als Lügner und Tyrann. In seiner wachsenden Unzufriedenheit wurde er bösartig und gemein. Er reagierte seine Wut an den Schwächsten ab. Das war ein Fehler – er musste weg.

 

Auszug aus „Kreuzverkehr“

 

5 Gedanken zu “Der Tisch I

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