Ein Nachmittag bei Google

Wenngleich ein älterer Text, so doch noch immer aktuell:

Ein Nachmittag bei Google

Mein Arzt ist plötzlich krank geworden. Ich freu mich so! Nicht, weil er krank ist, sondern dass dadurch diese Jahresinspektion abgesagt wurde. Die nervt mich eh immer gewaltig, weil meine Lebenszeit dort scheinbar so sinnlos zerrinnt. Ja, ich weiß, Nutzen, Vorsorge, Vernunft und all diese Dinge. Stimmt ja alles auch ein bisschen, aber das Gefühl bleibt. Eine gefühlte Ewigkeit habe ich keinen ganzen Nachmittag mehr für mich gehabt.

Niemand wird mich heute stören, da ich offiziell ja gar nicht zu Hause bin. Die Kinder haben Nachmittagskurse, die werden sich auch nicht vor dem Abendessen sehen lassen. Was fang ich nun Gutes an mit meiner Zeit? Am besten gefällt mir der Gedanke, mir starken Kaffee zu kochen, Kaiserschmarrn zu backen und zwei, drei Stunden im Internet zu verbringen. Das konnte ich lange nicht mehr intensiv machen und es haben sich einige Wissenslücken – nicht zuletzt durch Fragen meiner Schüler – gezeigt.

Das Wichtigste ist die Planung, wenn ich meine Zeit optimal nutzen möchte.

  • Mal wieder beim Lupus- und Aspergerforum vorbeischauen, um die Kontakte nicht einschlafen zu lassen und zu sehen, ob es etwas Neues bezüglich der Forschung gibt.
  • Wissen wieder herstellen, um Schülerfragen zu beantworten: Wer ist die Frau mit den Schlangenhaaren? Medusa, ich weiß, damit hört`s aber auch schon auf. Wo liegt Atlantis? Werde mir alle Theorien noch einmal zu Gemüte führen, sehr interessant. Woher stammt die Tradition der Barbarazweige? Ja, das wüsst ich auch selber gern genau. Wenn dann noch Zeit ist, Informationen sammeln zu Verjährungsfristen für meinen Sohn; nur vielleicht, kann er eigentlich auch selber machen.
  • Unbedingt noch nachsehen, wie es George Michael nach dem Kollaps geht. Erscheint euch womöglich lächerlich, aber mir liegt dieser Junge am Herzen und ich will lesen, dass es ihm gut geht.

In der Regel gehe ich gezielt durchs Internet, suche konkrete Informationen zu speziellen Themen, ignoriere die sozialen Netzwerke aus mehreren Gründen. Weder habe ich Lust, meine Anonymität aufzugeben, indem ich Lebensweise und Vorlieben öffentlich zur Schau stelle, noch möchte ich von Massen an sogenannten Freunden angeschrieben werden, die ich dann meinerseits ein- oder eher wieder ausladen müsste. Aber manchmal würde es mich schon reizen, an spannenden Diskussionen mit Menschen aus aller Welt teilzunehmen. Und vielleicht ist es ja auch von Vorteil, jemanden Freund zu nennen, den man in Wirklichkeit gar nicht kennt. Womöglich halten solche Freundschaften sogar länger, schließlich kann man sämtliche Wünsche und angenehmen Vorstellungen auf diese Personen projizieren, ohne sie jemals inhaltlich überprüfen zu müssen. Ungestörte Illusionen sind bisweilen angenehmer als Realitäten, mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Nun aber wieder zum Ernsthaften. Ich rufe das Forum auf, doch bevor ich den ersten Beitrag lesen kann, erscheint darüber ein Kasten mit der Botschaft:“Erste Falten? – Wir helfen! – Hier klicken.“ Hey, sehen die mich? Was soll das? Das schlägt mir aufs Gemüt. Und auch wenn euch das völlig übertrieben vorkommt, ich laufe zum Bad und schaue in den Spiegel. Na, so schlimm ist es doch gar nicht. Der Kasten wird sofort entfernt. Jetzt lasse ich mich nicht mehr ablenken. Rechts außen zwinkern mich weitere wechselnde Fenster an und ich versuche, nicht hinzusehen. Bis zu einem gewissen Grad gelingt mir das auch und ich komme dazu, einige Beiträge zu lesen und zu schreiben. Aber alle Anzeigen kann ich nicht ignorieren, besonders wenn sie aus laufenden oder blinkenden Bildern bestehen. Verdecken sie meine Beiträge zum Teil, dann muss ich sie schließen, was auch nicht immer gleich funktioniert. Das kann ich kaum, ohne vorher zu lesen. Bei einem Beitrag zu Beziehungsproblemen werde ich z. B. aufgefordert, mich umgehend zu registrieren, wenn ich keinen Frosch mehr küssen will. Mache ich natürlich nicht – beides nicht. „Einfach Schuhe kaufen“ wird als Generallösung für die Probleme der Erdbevölkerung angepriesen, nachdem ich eine Antwort zu „Bin verzweifelt – schwerer Schub“ schreiben will. Das ist nun schon richtig geschmacklos. Hinter der Auswahl dieser unerwünschten Anzeigen stehen schließlich auch Menschen. Eine Schilderung über die extremen Beschwerden bei Kälte wird  in Leuchtschrift begleitet von einer neuerlichen Aufforderung zur sofortigen Registrierung „Kalte Tage – heiße Nächte“. Schätze ich auch sehr, bisher habe ich dafür aber noch keinen Computer gebraucht. Nachdem dann noch eine Anzeige auftaucht, der ich nicht gleich widerstehen kann, verlasse ich das Forum, um wenigstens noch einige meiner richtigen Fragen beantwortet zu bekommen.  Davon möchte ich aber noch schnell berichten: Neben einem Beitrag über die Gewichtszunahme durch Kortison erscheint die Zeichnung einer dicken Frau, die stetig dünner und anschließend wieder dicker wird. Darüber steht “Ein einfacher Trick – für immer schlank.“ Ich bin wie hypnotisiert, trage ich doch einige Kilos zu viel mit mir rum. Das will ich jetzt wissen, geht sicher schnell. Von wegen! Nach dem Anklicken schrecke ich zusammen, etwas Ähnliches wie Musik kreischt auf, beleidigt meine Ohren. Trotzdem beginne ich zu lesen in Erwartung der Offenbarung. Nach der dritten! Seite – gleich muss es doch kommen – und einer eindringlichen verbalen Warnung „vorzeitig abzubrechen“ tue ich genau das und bin restlos ernüchtert. Wie manipulierbar ich doch bin, hätte ich in diesem Ausmaß niemals vermutet.

So – Planänderung – die Verjährungsfristen ziehe ich vor. Prima, konkrete Angaben, damit kann ich Zeit aufholen. Aber dann…. Über dem Artikel blitzen Informationen zu einer Anwaltshotline auf. Kaum bin ich die los, werde ich überschüttet von Angeboten zu unbürokratischen Schnellkrediten ohne Schufa. Schließlich komme ich doch noch dazu, die gewünschten Informationen zu lesen. Was wird mich wohl bei Medusa erwarten? Anzeigen zu Haar-Extensions oder Haarwuchsmittel? Mal sehen. Nein, hier passiert nichts weiter. Ich kann ungestört lesen, jedenfalls bis ein plötzlich aufscheinendes grelles Licht und eine laute, tiefe Stimme mich herausreißen mit den vorwurfsvollen Worten: „Warum sitzt‘n du im Dunkeln, Mama?“ Etwas piepsiger gefolgt von: „Warum gibt`s denn nichts zu essen? Ich hab so Hunger!“ Zwei Schultaschen landen mit Getöse in der Ecke, ich bin wütend. Aber worüber genau? Darüber, dass diese Kinder immer essen wollen oder weil ich geschlagene 5 Stunden am Computer gesessen habe, ohne annähernd das erfahren zu haben, was ich so toll geplant habe? Wohl von Beidem ein bisschen. Ich rufe noch schnell die Heilige Barbara auf, gebe den Befehl  „Drucken“ für beide Artikel und entferne mich von dem Gerät. Hab schließlich versprochen, es am nächsten Tag mitzubringen.

Der Kaffee ist längst kalt, der Kaiserschmarrn hängt in der Pfanne fest, ich habe Essen und Trinken völlig vergessen, ein leichter Kopfschmerz macht sich bemerkbar. George Michael muss nun ohne mich gesund werden und – wo liegt nun eigentlich Atlantis?

 

 

11 Gedanken zu “Ein Nachmittag bei Google

      1. Da sagst du was. Ja, ich bin da ein bisschen unbedarft. Hab dann auch gleich Google mit dem Explorer verwechselt. Nun aber habe ich ecosia gefunden über Bing, bei wikipedia gelesen und bin überzeugt. Ich verwechsel auch oft CD und DVD, nur als Bezeichnung, nicht in der Funktion.

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  1. Klasse, genau so kann es kommen!
    Stundenlanges Nichts-Erreichen im Netz.
    Da komme ich dann nach diesen vielen (nicht gemerkten!!!) Stunden völlig gerädert, weil komplette Fehlhaltung und Steifigkeit in die Realität zurück.
    Was soll’s. Oder?

    Gefällt 2 Personen

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