Alle Jahre wieder

Ich hab doch nur dich, sagt Mutter und ich bin mal wieder gefangen. Bedrohlich klingen die Worte in meinem Kopf, tönen wider gleich einem Gewitter zwischen den Bergen, wenn Blitz und Donner zwischen den Felswänden schier unendlich hin und her gestoßen werden. Erwartungen, Forderungen, Erpressung, Verantwortung, Zwang. Manchmal denke ich, all das frisst mich auf. Tut es aber nicht, schafft es nicht. Ihr kriegt mich nicht klein, Tentakel der Schuld!

Zum Abschluss dann der Satz, über den ich mittlerweile schon lachen kann: Pass auf dich auf. Du darfst doch nicht krank werden. Ich mach mir immer solche Sorgen. Wer kümmert sich denn dann um mich?

Ich, ich ich – mich, mich mich!

Früher habe ich versucht zu sprechen, Dinge klarzustellen, eigene Wünsche zu formulieren, mit Logik zu kommen. Doch die darauf folgenden Erstickungsanfälle, Brechattacken, Herzanfälle und Tränenströme haben mich begreifen lassen, dass es nichts ändert. Vergeudete Energie. Zu lange hat dieses System funktioniert bei meinem Vater. Es wurde im Lauf der Jahre perfektioniert. Nichtsahnend sind auch Nachbarn Mitspieler. Vorwurfsvolle Blicke waren und sind garantiert nach: Hoffentlich habe ich Sie nicht gestört, war mein Weinen nicht zu laut, als mein Mann, meine Tochter…..  Fast nötigt diese Raffinesse Bewunderung ab. Da hilft nur die bewusste Entscheidung, sich möglichst mit Gelassenheit zu wappnen, das eigene Herz nicht verhärten zu lassen und vor allem selbst nicht intrigant zu werden. Und gewisse Grenzen zu ziehen, immer wieder auf Einhaltung zu bestehen.

Nervt zwar, iss aber so. Ist ja nur ein Aspekt in meinem Leben.

 

17 Gedanken zu “Alle Jahre wieder

  1. Es ist immer schwierig, wenn die eigenen Eltern so sind, oder so werden. Ich habe es in der Beziehung meiner Eltern zu ihren Eltern über eine lange Zeit hinweg vorgelebt bekommen. Meine Eltern haben daraus den Schluss gezogen, meinem Bruder und mir zu sagen, dass wir sie bloß beizeiten „in ein Heim abschieben“ sollen, bevor sie anfangen, auch so zu werden.

    Klar, das war und ist die Theorie. Die Praxis mag anders aussehen. Zumal man ja nicht immer den Finger auf den Punkt legen kann, ab wo es zu spät ist, aus einem solchen Kreislauf noch auszubrechen.

    Ist schon doof, wenn jemand genau weiß, welche Knöpfe er zu drücken hat, um das schlechte Gewissen, das Pflichtbewusstsein, oder wie man es auch nennen mag, zu aktivieren.

    Schön, dass du dich davon frei machen kannst, wenn du zur Tür raus bist. Viele können das leider nicht.

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  2. Ich wusste schon beim Titel was bzw WER kommt …
    Ich könnt die Frau die Treppe runter schmeißen ohne Gewissens-Bisse 😆😆😆

    Warum ich da lachen muss ?
    Weil ich immer gut lachen kann, wenn ich mich so richtig ausleb – verbal – ich schmeiß nich wirklich Menschen Treppen runter … obwohl … manchen würd das vielleicht mal ganz gut tun … 😆😆😆
    Es ist furchtbar wenn die eigene Mutter so ist !
    Drück dich 💖💖💖

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    1. Ich danke dir. Meine Phantasien sind diesbezüglich auch sehr rege und vielfältig. Das brauch ich aber auch. Oft rede ich mit meiner Cousine über die letzten Erlebnisse mit ihr. Wir schmücken das dann aus, spielen es nach und schmeißen uns weg vor Lachen. Das tut doch gut.
      Z. B. als ich von einer Augen-OP mit ihr zurückkam, sie meinte, sie müsse jetzt sehr vorsichtig sein mit dem Auge und könne gar nichts machen, um sich im nächsten Augenblick die Dose mit dem Haarspray zu schnappen und dreimal über den ganzen Kopf zu sprühen. Übrigens hat sie sich ohne Brille nicht gefallen und behauptet, die OPs hätten nichts gebracht.

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      1. Also … ich muss sagen – wenn man es schafft von der lustigen Seite zu betrachten, hat die Sache echt Potential!

        Ich kenn das ja … in anderen Beziehungen mit Menschen … es ist auch ein Barometer der eigenen Verfassung … manchmal kann man einfach drüber lachen … und manchmal eben nicht …
        Und ich denke, das gilt es auch zu bedenken … das sind Menschen, da braucht man immer ein gutes Polster und muss noch was übrig haben …
        Und dann tun sie einem sogar wieder leid – muss doch schrecklich sein, da drin zu stecken …
        ABER
        wir sind halt nicht immer gut drauf und haben auch noch andete Sachen zu tun !

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  3. Wenn ich ehrlich sein darf?
    Ich hätte den Kontakt schon längst abgebrochen. Ich würde mir solch einen emotionalen Stress nicht antun wollen.
    Da könnte sie dann sehen wohin und wie weit sie mit ihren ich, ich, ich, käme.
    Sorry, aber in solchen Dingen kann ich sehr hart und konsequent sein. Das Leben formt einen.

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    1. Bei mir darf jeder ehrlich sein. Du bist auch nicht die Erste, die das sagt.
      Für mich ist das eine Prüfung, Verantwortung aus einem Versprechen, die schon zu lange dauert. Ich wäre nicht mehr ich, würde ich es brechen. Aber sie ist eben nur ein Aspekt. Sobald sie aus der Tür ist, ich aus ihrer Tür bin, geht es mir gleich besser.
      Manchmal tut sie mir fast leid, weil sie in ihrer Armseligkeit nie die Größe und Schönheit des Lebens sah und ihr so viel entging, was mein Leben reich macht, mich dankbar jubeln lässt.

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      1. Es nimmt einem aber viel von der Lebensqualität. Es zerrt trotzdem an den Nerven und an der Seele. Man nimmt es mit auch wenn man meint die verschlossene Tür hält es fern.
        Auf Biegen und Brechen muss man solch ein Versprechen nicht halten. Ich weiß nicht ob ich dir jetzt sagen könnte: Sei stolz auf dich.

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      2. Das stimmt schon. Es beeinträchtigt, mal mehr, mal weniger. Meine beste Freundin nennt mich dumm in dieser Beziehung – nicht ganz zu Unrecht. Doch ich kann nicht gegen meinen inneren Antrieb handeln, weil es schwierig ist, ohne mich zu verraten. Erst wenn ich fühle, dass es sein muss für mich, kann ich so handeln.

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      3. Jeder handelt anders in der ein und selben Situation. Ich stecke ja nicht in dir drin, kann nur lesen was und wie du empfindest. Da können noch 100 gut gemeinte Meinungen erscheinen, jeder handelt aus seinem Empfinden heraus und bei jedem liegt die Grenze woanders.

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  4. Ich, ich ich – mich, mich mich!

    Oh ja. Für meinen Vater ist klar, dass er früher als meine Mutter stirbt. Weil – wer sollte ihn denn sonst versorgen, bliebe er „übrig“? Dieses sich-sorgen um die eigene Arm-Seligkeit kenne ich. Und weil sich das nicht so toll anhört, wird es ein wenig verpackt, in die Sorge um das DU.

    Wenn man es nicht besser wüßte, könnte man sagen, deine Mutter ist ein miese Erpresserin. Was so nicht stimmt. Sie ist eine kranke miese Erpresserin, die es nicht besser weiß. So wie mein Vater ein mächtiger Egoist ist, sein kann. Weil er es nicht besser weiß …

    Die Nächsten dröseln diesen ganzen Scheiß auf. Erledigen die damit verbundene Drecksarbeit. Zwangsläufig, nicht aus Einsicht oder Nächstenliebe. Sondern aus Selbsterhaltungstrieb.

    Du, ich, – wir.

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