Die Kreditkarte

– Hallo Schatz, schon zurück? Hab dich so schnell nicht erwartet. Hier läuft noch ein Film, den du nicht magst. Den schau ich noch zu Ende. Gibst du mir die Kreditkarte? Hoffe, du hast was Schönes für dich gefunden. Psst!

Tiefenentspannt liegt der Mann auf dem Sofa und lächelt sein entwaffnenstes Lächeln.

– Ich geh in die Küche, bis du fertig bist.

Eine halbe Stunde später. Ein Männerkopf schaut um die Ecke.

– Ist das Essen fertig? Soll ich vielleicht den Tisch decken?

– Nicht nötig. Wir essen heute erst später. Du kochst. Ich hab dir alles vorbereitet. Das Rezept liegt bereit für dich. Sag mal, findest du es nicht etwas seltsam, dass ich mir mein Weihnachtsgeschenk jedes Jahr selber kaufen muss? Zu Anfang fand ich es ja witzig, dass die größte Überraschung für dich immer mein Geschenk von dir war. Du bist ein lieber Kerl und ich lieb dich. Aber manchmal fänd ich es fast besser, deine Sekretärin würde etwas für mich aussuchen. Das fühlt sich langsam schon nach Missachtung an.

– Nein, nein! Doch das nicht! Nichts weniger als das. Oh  Baby, ich liebe dich so sehr. Aber ich hab dir doch erzählt, dass Weihnachten zu Hause immer so schrecklich war, weil das Geschenk meines Vaters immer nur zu Enttäuschung, Vorwürfen und Tränen führte. Sobald ich über ein Geschenk für dich nachdenke, fällt mir nichts ein und ich fang an zu schwitzen.

– Das weiß ich alles, aber du kannst nicht für ewig in deinen Kindheitsdramen steckenbleiben. Es geht hier auch nicht nur um eine Weihnachtsgeschenk. Ich stell ja auch keine Ansprüche, außer dass es etwas Persönliches ist. Und ich bin nicht deine Mutter! Aber wenn du mich schon in diese Rolle drängst, dann werde ich die jetzt ausfüllen und das tun, was sie versäumt hat: für deine Weiterentwicklung sorgen. Nur heut und nur dieses eine Mal. Für uns. Damit das endlich aufhört.

– Du machst mir Angst! Aber ja, ich will das auch hinter mich bringen. Was soll ich tun?

– Als erster sagst du nicht mehr: zu Hause. Dein Zuhaus, dein Leben ist jetzt hier, zusammen mit mir. Das andere ist das Leben deiner Eltern, sind ihre Konflikte. Für die du keine Verantwortung hast. Dann verteilen wir die Rollen neu.

– Alles anders herum?

– Nein, genau anders herum ist auch wieder nur dasselbe. Ich dachte mir, dass du jetzt öfter mal kochst und ich mich mehr um die Vorbereitung der Buchhaltung und die Finanzen kümmere. Da sind wir auch viel zu eingefahren nach deinen alten Mustern.

– Aber bisher war es dir doch recht so. Du hast dich doch nie dafür interessiert. Oder vertraust du mir etwa nicht mehr? Denkst du, ich kann mich nicht gut genug um dich kümmern? Was passiert hier gerade?

– Schau doch nicht so verzweifelt. Wir müssen uns gegenseitig umeinander kümmern. Komm doch mal raus aus deiner Ecke! Ist doch gut, wenn jeder alles kann. Ich vertraue dir absolut. Aber ich war bisher einfach zu bequem, um mich um Finanzielles zu kümmern. Das will ich ändern. Komm, ändern wir uns zusammen. Das wird uns gut tun.

– Na, vielleicht hast du Recht. Etwas Ungewohntes auszuprobieren fühlt sich für mich sonderbar an. Auch ein bisschen aufregend.  Dann geh ich jetzt in die Küche. Ich versuch es erst mal allein. Aber du hilfst mir, wenn ich gar nicht mehr weiter weiß? Oh Mann, was für ein Satz aus meinem Mund. Das habe ich sicher seit der ersten Klasse nicht mehr sagen müssen. Auf meinem Gebiet macht mir auch keiner was vor. Eigentlich bin ich doch der, der hilft.

Während der letzten Worte verschwindet er in der Küche. Sie murmelt etwas vor sich hin. Irgendwas wie: Aber hier bist du immer noch in der ersten Klasse. Bin ja selbst dran schuld.  Es fällt ihr ziemlich schwer, nicht nachzuschauen, ob er in der Küche zurecht kommt. Mehrfach muss sie sich ermahnen zu bedenken, dass sie wirklich nicht seine Mutter ist. Ein Schmerzensschrei unterbricht jäh ihre Gedanken. Schnell läuft sie in die Küche.

– Aua! Ich habe mich geschnitten. Das blutet ganz schön. Aber sonst klappt es ganz gut. Ich brauch Desinfektion und einen Verband. Dann mach ich weiter.

– Oh, ein ziemlich tiefer Schnitt. Verband brauchst du aber keinen. Ein großes Pflaster reicht für die Wunde.  Halt mal still. Ich wisch das Blut weg und kleb es drauf. Vielleicht ziehst du erstmal einen Gummihandschuh drüber. Schon besser, oder?

– Ja, danke. Tut schon nicht mehr weh. Perfekt! Pflaster drauf, vergessen, weitermachen. Schließlich soll`s ja heute noch was zu essen geben.

– Siehst du, so geht man mit Verletzungen um.

Sagt`s und meint damit nicht nur den Schnitt mit dem Messer. Zufrieden lächelnd verlässt sie die Küche. Ob es ihm dauerhaft gelingt, die alten Fesseln abzustreifen, wird die Zukunft zeigen. Sie wünscht es sich sehr – mehr für ihn als für sich selbst. Denn sie liebt ihn.

Später beim Essen, das übrigens köstlich geworden ist, meint er fröhlich:

– Spätestens im nächsten Jahr bekommst du ein Weihnachtsgeschenk von mir persönlich, ganz allein ausgedacht.

– Aber bitte keine Partner-Kreditkarte, damit ich deine nicht mehr brauche.

 

8 Gedanken zu “Die Kreditkarte

  1. Ein letzter Versuch … hier zu kommentieren, diesmal mit Opera …

    Zu schön, um wahr zu sein. Meist zehren solche alten Geschichten kräftig an uns, schütteln uns durch und zerstören erst einmal einige Freundschaften, Bindungen. Bis es irgendwann reicht – Leid ist DIE Triebfeder für echten Wandel.

    Aber warum nicht – bloß, weil ich es nicht so erlebt habe, heißt es ja nicht, dass es so etwas nicht gibt 😉

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  2. Auch wenn es „nur“ ein ausgedachter Dialog ist, liegt vor allem in diesem einen Satz sehr viel Wahrheit drin:

    „Wir müssen uns gegenseitig umeinander kümmern.“

    Und das können heute leider viele Menschen nicht oder nicht mehr. Sei es, weil sie es „zu Hause“ (da ist es wieder) nicht vorgelebt bekommen haben, oder weil es in vorherigen schmerzhaften Erfahrungen verloren gegangen ist. Was ein Ansporn wäre, genau dies wieder zu ändern.

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  3. Ich stell’s mir grad vor 😆
    Mit meinem Mann war das ja schon nicht mehr so
    Wir haben beide Geld verdient und beide gekocht

    Aber die Generation davor …
    Meinem Vater hätte man erst mal erklären müssen wo die Küche überhaupt ist 😆

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      1. Mal als Subkommentar …

        Zu schön, um wahr zu sein. Meist zehren solche alten Geschichten kräftig an uns, schütteln uns durch und zerstören erst einmal einige Freundschaften, Bindungen. Bis es irgendwann reicht – Leid ist DIE Triebfeder für echten Wandel.

        Aber warum nicht – bloß, weil ich es nicht so erlebt habe, heißt es ja nicht, dass es so etwas nicht gibt 😉

        Gefällt 1 Person

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