Winterblues

Auch wenn ich gemeinhin voll und froh in der Gegenwart stehe, so bin ich doch durch meine Erinnerungen an die Vergangenheit gebunden. Ohne diese und die gemachten Erfahrungen sowie die durchgestandenen Katastrophen wäre meine Gegenwart eine andere. Doch so wie sie ist, ist sie gut. Im Rückblick kann ich sagen, ich würde alles wieder genauso machen, auch meine offensichtlichen Fehler. Es gibt nichts zu bereuen.

Und wenn man mir heute sagte, das war`s jetzt für dich, könnte ich es akzeptieren und zufrieden gehen. Nicht dass ich jetzt schon Lust dazu hätte, denn ich hab noch viel vor und Freude am Leben. Ich habe so viel erleben dürfen, es war wirklich immer was los. Manchmal nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte, aber nie langweilig. Alles, nur nicht langweilig, war stets meine Devise. Bisweilen dachte ich dann schon mal: Pass auf, was du dir wünschst.

Auch zurück in frühere Zeiten will ich selten. Durch die Katastrophen noch einmal hindurch schon gleich gar nicht. Dennoch: bisweilen kommen gerade in der staden Zeit diese bittersüßen Erinnerungen, die sowohl glücklich als auch traurig/melancholisch machen, mich Musik mit verstärkendem Erinnerungscharakter hören, mich aufseufzen lassen. Und ganz manchmal frage ich mich dann, habe ich all das, was mir geschenkt war, genug gesehen, wertgeschätzt, aufmerksam genug betrachtet? Hab ich vielleicht wunderbare Augenblicke zertört, ihren Wert gemindert durch Ungeduld und nutzlose Geschäftigkeit und dadurch jemanden verletzt, seine Selbstwahrnehmung gekränkt/gestört? Nun könnte man das als nutzloses Sinnieren bewerten. Ist es jedoch nur dann, wenn nichts daraus gelernt wird. Nämlich Nebensächlichkeiten und Oberflächlichem weniger Raum zu geben und sich mehr auf die Menschen zu konzentrieren, sie wirklich zu sehen. Scheinbar Wichtiges auf seinen wahren Wert zu überprüfen und gegebenenfalls zu degradieren.

Was ich erinnere in solchen Momenten ist das Trippeln kleiner Füße am frühen, ganz frühen Morgen, winzige blau-weiß karierte Schlafanzüge, strahlende Augen unter Wuschelhaaren, gemeinsame Augenblicke des Auftankens in sanfter Umarmung, barfuß in Sommerwiesen, atemloses Staunen über neue Entdeckungen, Begutachtung mitgebrachter zweifelhafter Schätze an Sperrmülltagen, sehnsuchtsvolle Blicke, elektrisierende Berührungen, Tanzexzesse und vieles mehr. Es geht also nicht nur um Kinder! Bei diesen Bildern lasse ich mich fallen in wohlige Melancholie meiner inneren Heimat. Einiges ist für immer Vergangenheit, doch anderes kann erhalten oder wiederentdeckt werden.

13 Gedanken zu “Winterblues

  1. Kann ich alles sehr gut nachvollziehen und kann es sehen

    Mein einziges Problem sind noch die sehr schmerzhaften Erinnerungen und Bilder, die jetzt langsam erst zurück kommen … und auch zurück kommen müssen … Türen öffnen zu den schwarzen Löchern in mir … auch das ist gut und ich mach das und geh dadurch … aber schön isses nicht 😦 !

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    1. Da bin ich mittlerweile größtenteils drüber, aber ich weiß das auch noch gut und fühle mit dir. Zeitweise, an den Gedenktagen, packt es mich noch einmal und es ist immer sehr hart. Da ist dann auch kein Platz für die schönen Bilder, alles dunkel. Aber, wie schon öfter erwähnt in Einigkeit: durch ist der einzige Weg.

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  2. Einiges würde ich schon anders machen wollen. Da lande ich dann auf dünnen Eis – dem Leben im KonjunkTief. Jahre und Jahrzehnte Revue passieren lassen ist manchmal nötig und wichtig – sofern ich nicht auf diesen glatten Parkett von Grübelei und Selbstvorwürfen lande. So erinnere ich mich und spüre nach – die Zeit der Rauhnächte nun bietet sich an, ja.

    Am Ende bleibt Dankbarkeit, heute so und nicht anders leben zu dürfen. Die Untiefen auf dem Weg dahin gehören zu mir, ohne sie wäre ich nicht der, der ich bin.

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  3. Ich überlege auch manchmal ob ich durch „mein beschäftigt sein“ den Ein oder Anderen schönen Moment verpasse. Aber die Frage kommt meist hinterher auf und nicht während dessen.
    Man sagt ja immer zu jungen Eltern: Genießt die Zeit, sie geht zu schnell vorbei. Aber wenn man da so mittendrin steckt, fällt es oft schwer, durch das ganze gerenne, Kochen, wickeln, trösten, Kinderarzt, …… Man ist abends so durch das man sich fragt: Ja wo soll denn das Genießen sein?
    Heute genieße ich meine langsam zurück kehrende Freiheit, brauchen mich meine Jungs doch nicht mehr so viel wie früher.
    Es ist manchmal schön zurück zuschauen, aber dann geht es auch schon wieder weiter im eigenen Lebenslauf.

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