Ausgetrickst

Er hatte immer nur Pech gehabt, war ausgenutzt  worden.  Lange Zeit, ohne es zu merken. Zu vertrauensselig war er immer bereit gewesen, seine klugen Gedanken und Entdeckungen zu  teilen. Das hatte es den anderen leicht gemacht, sich seiner zu bedienen und ihn gleichzeitig auszulachen. Auch seiner ersten Frau.

Einst hatte er sie bewundert für ihre Selbstsicherheit, ihre Bestimmtheit.  Bis sie ihn das Fürchten lehrte. Als ihm endlich bewusst geworden war, dass er sich aufzulösen drohte, hatte er mit dem letzten Rest seiner Selbstachtung ein Ende gemacht, sich getrennt. Trotz des gemeinsamen Sohnes oder gerade seinetwegen. Denn selbst dieser erst Siebenjährige machte sich unverblümt lustig über ihn.

Dem Manne erschien es krank und für die Entwicklung schädlich, wenn ein Kind den Vater nicht als Vorbild, sondern als Witzfigur erlebte. Er zog aus in eine winzige Wohnung, ließ ihr das Haus. Es erschien ihm wichtig, das Kind nicht aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen und es von seiner unwürdigen Gegenwart zu befreien.  Sein Gehalt  reichte aus für den Unterhalt für Frau und Sohn und eben diese kleine Wohnung. Eines Tages würde es besser werden, das Leben wieder leichter. Irgendwann würde sie wieder arbeiten gehen. Dann hätte er nur noch den Unterhalt für den Jungen zu zahlen. Womöglich konnte er dann seinem Sohn mit neuem Stolz gegenüber treten und alles erklären.

Jahr um Jahr arbeitete er, um seinen Pflichten nachzukommen. Das war sein Leben. Schließlich lernte er am Arbeitsplatz eine Frau kennen und lieben, die ihn so nahm, wie er war, ja ihn gar bewunderte. Sie nannte ihn einen der letzten anständigen, ehrlichen Menschen. Machte ihm klar, dass diejenigen, die  ihn benutzten und nicht wertschätzten, seiner nicht wert waren. Sie waren falsch, nicht er.

Wie gern wäre er  mit ihr zusammen gezogen. Doch  bei den hohen Unterhaltszahlungen war es selbst mit ihrem Verdienst nicht möglich, sich eine größere Wohnung zu leisten. Er litt sehr unter dieser Situation. Trotz beiderseitigem Bemühen um Gelassenheit belastete sie die Beziehug. An manchen Abenden saßen sie zusammen traurig auf dem Ausklappbett, Hand in Hand, schweigend, die Füßen fast unter der Spüle der Kochnische und sahen keinen Ausweg. Kaum Hoffnung auf ein normales Zusammmenleben, auf das doch auch sie ein  Anrecht hatten.

Währendessen brachte die Ex-Frau Attest um Attest, dass es ihr unmöglich sei, einer Arbeit nachzugehen. Im Haus war längst ein neuer Mann eingezogen, der allerdings als Untermieter für ein Zimmer geführt wurde. Keine Chance, das Gegenteil zu beweisen. Oder doch?

Eines Tages auf der Suche nach einem bescheidenen, günstigen Weihnachtsgeschenk für die geliebte Frau sah der Mann die Ex Arm in Arm mit dem Untermieter. Ihr Bauch wölbte sich verdächtig. Sollte er? Oder doch lieber nicht? Und wenn er nun einen einzigartigen Glücksmoment verpasste, der ihm geschickt worden war? Im nächsten Moment zückte er sein Handy und machte ein paar Fotos. Kurz danach wollte er sich fast schon wieder schlecht fühlen, als ihn ein wütender Blick traf. Sie hatte ihn bemerkt und sich schnell aus den Armen des Begleiters befreit, den Mantel gerafft. Doch schien ihr klar zu sein, dass es zu spät war. Der Mann hatte sein Handy noch in der Hand. Leider verloren!

Das schlechte Gewissen des Mannes war mit einem Schlag verschwunden. Er hatte den Beweis, dass er reingelegt worden war. Zum letzten Mal. Nun würde auch für ihn die Sonne wieder scheinen. Er streckte sich. Weihnachten konnte kommen. Dieses Mal noch mit einem winzigen Bäumchen auf dem Beistelltischchen, aber glücklich und hoffnungsfroh.

 

 

 

10 Gedanken zu “Ausgetrickst

    1. Vor allem fiel mir auf, dass ich schon wieder beim spontanen Herunterschreiben an jener Stelle aufgehört habe, an der der positive Ausgang klar ist und den Rest der Phantasie überlasse.
      In diesem speziellen Fall hat der Mann nachgewiesen, dass es sich eben nicht um einen Untermiter, sondern einen Lebensgefährten handelt. So musste er keinen Unterhalt für die Ex zahlen, nur für den gemeinsamen Sohn. Übrigens ist er anständig geblieben und hat kein Geld zurück gefordert, das wäre nur zum Nachteil des Sohnes geworden.
      Wichtig war mir die Aussage: Nicht immer ist der Drecksack ein Mann.

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      1. Und auch das ist häufig genug ungerecht. Bei einem Kind vor dem Schulalter sollte man nicht gezwungen sein, zu arbeiten, jedenfalls nicht Vollzeit. Hinzu kommt, dass Kosten für Kita, Betreuung und Essen in der Schule einen Großteil des Verdienstes wieder auffressen, weil die meisten Löhne unanständig niedrig sind. Bleibt man also allein, ist man schnell in der Armutsfalle.

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