Die alte Heimat

Mein Vater stammt aus Halle. Nach dem  Krieg kam er zusammen mit meinem Großvater nach Nordhessen. Er selbst hatte in den Folgejahren keinerlei Verlangen, dorthin zurück zu kehren, wo er viel Leid erfahren hatte. Auch seine Position als Polizeibeamter hätte ihm einen Besuch nicht ermöglicht. Ältere Verwandte haben jedoch manchmal uns besuchen dürfen.

Im Alter dann und nach der Wende hat er dann doch wieder Heimweh nach der alten Heimat zugelassen. Zumindest hat er öfter von netten Begebenheiten erzählt. Seit seinem Tod vor 18 Jahren musste ich mir immer wieder Vorwürfe anhören – von meiner Mutter -, dass ich nie mit ihm dort hingefahren bin. Es hätte ihm doch so viel bedeutet und meinetwegen habe er sterben müssen, ohne die Heimat noch einmal zu sehen. Es schwingt immer so ein bisschen mit, dass er aus Kummer darüber seinen Herzinfarkt bekommen habe. Lange Zeit habe ich mich deswegen schlecht gefühlt.

Eines Tages jedoch, als ich meinem Mann ein gemeinsames Wochende ins Münsterland organisiert hatte, um dessen Heimat zu besuchen, hatte ich wieder so einen Flash! Hallo, dachte ich mir plötzlich. Es war gar nicht meine Aufgabe, diesen nie ausgesprochenen Wunsch zu ermöglichen. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, sich darum zu kümmern. Und mit ein bisschen gutem Willen und meinetwegen auch mit meiner Hilfe, wäre ihr das sicher als zehn Jahre jüngere Frau durchaus möglich gewesen.

Nun bin ich in der Lage, solche Bemerkungen zurückzuweisen. Wenigstens etwas.

15 Gedanken zu “Die alte Heimat

  1. Für Krankheiten und Todesfälle kann man keine Schuldigen suchen – außer man geht mal wirklich mit Messern aufeinander los 😉
    Auf der einen Seite bin ich immer froh so etwas zu lesen, weil es wohl in vielen Familien solche Muster gibt, auf der anderen Seite stimmt es mich immer traurig, wie abhängig Kinder von ihren Eltern sind (und die Eltern sicherlich Muster von ihren Eltern übernommen haben). Und irgendwie entsteht ein Kreislauf, den man nur schwer durchbrechen kann. Ich hoffe, es ist dir inzwischen gelungen.

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    1. Extrem sind die Ansprüche seit dem Tod meines Vaters. Vorher hatte ich mich sehr gut abgegrenzt. Übrigens sind sowohl meine Großeltern als auch meine drei Tanten sehr patent und echt gewesen – nur meine Mutter tanzt aus der Reihe. Mit kommte es vor, als habe sie mal ein Buch über ein edles Fräulein gelesen, dem alle huldigten und beschlossen, das wolle sie sein oder zumindest als solches behandelt werden. Sie sieht und generiert sich als eine Person, mit der sie hinter verschlossenen Türen nichts gemein hat.

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  2. Verantwortlichkeiten – deine Mutter verwechselt da etwas, ja. Deine Rolle als einziges Kind kann ich nachvollziehen, das geht mir auch so. Wirklicher Abstand ist so nicht möglich, ebenso wenig wie das praktische delegieren auf Geschwister. Meine hohe Kunst besteht darin, nicht alles unwidersprochen hinzunehmen und dabei die Contenance zu wahren.

    Es mag für uns Gründe geben, dass das alles so ist, wie es ist …

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    1. Ich habe zumindest die Grneze markiert, bis zu der ich bereit bin, zu helfen und verteidige sie hart gegen ständige Jammerattacken. Mit Wahrheiten brauche ich ihr nicht mehr zu kommen, denn diese werden – wie schon bei meinem Vater – mit Heul- und Schluchzphasen sowie mit nächtlichen Herzattacken und ähnlichem pariert.

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      1. Grenzen – bei mir geht es mit meinen Eltern öfter um meinen Sohn, weil er sich bei ihnen nicht meldet. Ursache und Wirkung – sie erkennen das nicht und meinen tatsächlich, dass die Jungen die Alten um jeden Preis zu hofieren hätten. Ich habe es aufgegeben … mit Wahrheiten braucht man ihnen nicht zu kommen, ja.

        https://wassertiger.com/wo-wart-ihr/

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  3. Deine Mutter klingt sehr verbittert. Nachdem was du bis jetzt geschrieben hast, kommt es so rüber. Aber die Schuld anderen hinzuschieben oder anderen schlechtes Gewissen einzuflößen, vor allem den eigenen Kindern, finde ich mehr als schlimm.

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      1. Da sie 93 ist, Hilfe benötigt und ich Einzelkind bin, ist echter räumlicher Abstand nicht möglich. Ich habe meinem Vater versprochen, mich zu kümmern und das halte ich auch. Inneren Abstand habe ich schon seit meiner Kindheit, aber manchmal gelingt es ihr doch, mich empfindlich zu treffen.

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