Zwangsversteigerung

Sie hat schon seit Tagen so eine Ahnung von kommendem Unheil. Leider irrt sie sich selten.

Alles ist möglich. Es könnte etwas mit einem der Kinder passieren. Oh nein, nur das bitte nicht. Das wäre wirklich das Schlimmste. Oder sie könnte einen Job bzw. Auftrag verlieren. Ohne Unterhalt und Rücklagen auch bedrohlich, aber immer irgendwie zu bewältigen. Das Haus könnte abbrennen und sieben Personen hätten keine Bleibe mehr. So ein Quatsch. Wie kommt sie nur darauf? Sie ist immer vorsichtig und seit 15 Jahren hat es keinen Vorfall mit Feuer gegeben. Doch – einmal hat der Toaster gebrannt und wurde augenblicklich mit Kaffee gelöscht. Was immer es sein wird, sie wird allein damit zurecht kommen müssen. Eigentlich hat sie es in den vergangenen Jahren gut gestemmt, aber manchmal wünschte sie sich schon, etwas Hilfe und Unterstützung zu haben.

Es klingelt. Zögerlich geht sie mit dem Waschkorb voller Schmutzwäsche nach unten. Sie sollte nicht aufmachen, sie will nicht aufmachen. Als könne sie das draußen halten, was rein will. Gar nichts will rein. Es gibt keine Geister. Ganz schön paranoid.

Vor der Tür steht nur ein freundlicher Postbote. Allerdings mit einer Zustellungsurkunde und einem Einschreiben der Bank. Hoffentlich wollen die nicht wieder die Zinsen anheben. Wieder im Haus reißt sie hastig die Umschläge auf – und erstarrt. Erst die Zustellung.  Das Amtsgericht teilt ihr mit, dass eine ihr unbekannte Gesellschaft als Besitzer der Darlehnsurkunde innerhalb eines Monats die Rückzahlung des Gesamtdarlehens fordert. Andernfalls werde die Zwangsversteigerung angeordnet.

Wie kann das sein? Die Auflösung muss das Schreiben der Bank bringen. Das klärt sich sicher gleich auf. Ein Missverständnis! Natürlich, es muss sich um ein Missverständnis handeln.  Also schnell lesen: Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir aus internen Gründen unter anderem das Darlehn für Ihr Anwesen ausgegliedert und veräußert haben. Weiterer Schriftverkehr erfolgt ausschließlich über die Firma ….Ltd., London, GB.

Was ist das denn für eine Scheiße? Dürfen die das? Das kann nicht rechtens sein.  Sie hat doch immer die Zinsen pünktlich bezahlt, sich den Buckel dafür krummgeschafft, den Schmuck verkauft, weil sie den Kindern das Haus erhalten wollte.  Nach der Scheidung war das das Wichtigste für sie gewesen, den Kindern die Heimat zu erhalten. Sie wird einen Anwalt anrufen, wird  sich das nicht gefallen lassen. Kämpfen muss sie – wieder einmal.

Erst einmal jedoch sackt sie kraftlos in sich zusammen. Da ist es wieder, dieses Gefühl, das alles nicht mehr aushalten zu können. Einfach sich wegducken, schlafen, einfach laufen lassen. Hat doch eh keinen Zweck. Alles so sinnlos. Eine Weile sitzt sie so, dann kommt der Zorn. Unbändiger, nicht unterdrückbarer Zorn. Wie eine Naturgewalt erfasst er ihren Körper, sämtliche Muskeln spannen sich an, die Nasenflügel blähen sich auf, die Augen werden zu Schlitzen. Er bringt die Energie zurück. Jetzt kann sie kämpfen!

Vier Monate später: Alles Kämpfen war umsonst. Rein rechtlich ist es vollkommen in Ordnung, dass Banken zusammen mit faulen Krediten auch ein paar saubere als Gesamtpaket an Hedgefonds verkaufen. Rechtlich in Ordnung ist auch die Rückforderung des Gesamtdarlehns. Legal ist ebenfalls die Zwangsversteigerung, wenn das Darlehn nicht zurückgezahlt werden kann. Keiner kann das. Wer das Geld zu Hause rumliegen hat, braucht ja kein Darlehn. Die Gesellschaft kommt so billig an Immobilien, die sie teuer weiterverkaufen kann. So funktioniert der freie Markt.

Das Haus wird versteigert. Letzten Endes hat es sich als großes Glück erwiesen. Sie hat auf dem Land ein anderes zur Miete gefunden, das viel günstiger ist. Das Leben ist freier, nicht mehr so belastet, weniger Verantwortung, nicht mehr kämpfen. Selbst die Träume haben sich verändert. Sie sind bunter, fröhlicher. Auch die Kinder berichten das.

In den letzten Wochen vor dem Auszug hatte sie das Gefühl, dass ihr Haus leidet, sich wehrte gegen die Veränderung. Es ächzte und stöhnte, Risse zeigten sich. Sogar Wasser drang ein. Irgendwie hatte ihr das gefallen. Am letzten Abend stand sie noch lange auf der Terrasse und verabschiedete sich. Ein neuer Lebensabschnitt, ein Neuanfang.

Das Drama endet in Befreiung, Glück und Leichtigkeit. Wer hätte das gedacht?

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Zwangsversteigerung

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