Ein schöner Mann – na, wenn das schon alles ist

Lenas Leben im Wartezustand auf das nächste Treffen mit Tobi ist angefüllt mit Sportveranstaltungen, Chorsingen, Klassenfahrt, Konfirmandenunterricht, einer neuen Freundin, ersten Partys, Schüleraustausch nach Lyon und wöchentlichen Übungen im Luftschutzbunker:

„Bei diesen Übungen traf Lena zum ersten Mal auf Bernd, einen jungen Mann von ungewöhnlicher Schönheit. Groß, kräftig, schwarzes gewelltes Haar, ein ovales Gesicht mit leicht gebräunter Haut, längliche dunkelbraune Mandelaugen, fast indisch. Aber ein Schaumschläger vor dem Herrn. Man hatte ihm wohl zu oft gesagt, wie gut er aussah. Außerdem tat er sich ein wenig zu viel darauf zugute, dass seine Mutter aus (verarmtem) Adel stammte. Auch konnte er es nicht lassen, in einer Art Mantra damit anzugeben, dass ihm alle Mädchen und Frauen zu Füßen lagen. Wie zum Beweis zeigte er Lena einmal ein Album, in welchem er Fotos und Beurteilungen seiner eher auf Kurzfristigkeit ausgelegten Eroberungen gesammelt hatte. Das allein war Grund genug,  in Opposition zu gehen.

Ob er ihr damit hatte imponieren wollen? Da war er aber schief gewickelt. Eigentlich war eine solche Annahme geradezu beleidigend. Was Lena auch umgehend zur Sprache brachte. Bernd verkörperte so ziemlich alles, was sie nicht wollte. Auch das ließ sie ihn wissen. Trotzdem sah sie ihn gerne an und genoss bisweilen auch seine Gesellschaft. So ganz kalt ließ er sie nicht, aber darüber verbot sie sich nachzudenken. Völlig indiskutabel. Sie konnte wunderbar mit ihm streiten und gab sich alle Mühe, ihm zu vermitteln, wie blöd er sich benahm. Aber ihn amüsierte das nur und solange sein Eroberungs-Album sich füllte, sah er auch gar keinen Grund, sich anders zu verhalten. Lena und Bernd hatten über die Jahre noch ein paar gemeinsame Episoden, denn auch er suchte immer wieder mal Lenas Nähe. Allerdings kam es nie zu Liebesdingen. Einmal, weil Lena sehr schlagfertig war und zweitens, da sie noch keinerlei Interesse an solchen Betätigungen hatte. Zwar erlaubte er sich dennoch eine gewisse Form der Eifersucht, aber das war ganz allein sein Problem.“

 

5 Gedanken zu “Ein schöner Mann – na, wenn das schon alles ist

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