Zwischenzeiten – neues von Lena

Lena ist wieder zu Hause. Sie leidet, zweifelt. Aber das Leben geht weiter und sie wird Tobi erst im kommenden Jahr wiedersehen.

 

Die erste Woche zu Hause zog sich für Lena wie zäher Leim. Das Wetter hatte sich ihrer vorherrschenden Stimmung angepasst, es regnete fast ununterbrochen. Die Kopfschmerzen wollten auch nicht wirklich verschwinden. War sie allein und hörte Musik, kamen ihr die Tränen. Las sie in ihrem neuen Buch über Andreas Hofer und den Südtiroler Befreiungskampf, erging es ihr nicht anders. Was bisher immer als Zeitvertreib getaugt hatte, war untauglich geworden. Die  Zeit ließ überhaupt nicht vertreiben, weiter treiben. Selbst wenn Lena in Erinnerung die Bilder der Urlaubstage aufrief und alle Ereignisse noch einmal erlebte, so waren die Zeiger der Uhr weniger als eine halbe Stunde vorgerückt. Wie sollte sie bloß das Jahr überstehen?

So oft der Regen eine Pause machte, lief Lena ins Freie. Auf den Feldwegen hinter dem alten Friedhof ließ sie sich vom Gegenwind das Hirn durchpusten oder sie suchte Trost im alten verwinkelten Hugenottenviertel unterhalb der Kirchenmauern. Bisweilen fand sich eine Bank, auf der sie ihren Gedanken nachhängen konnte, bis die Dämmerung kam. Das war dann stets die Stimmung, in der die Erinnerungen sich freundlich und tröstlich zeigten. Die abendlichen Spaziergänge und die vertrauten Stunden in der Scheune wurden wieder real. Sie fühlte die Nähe des Freundes, der ihre Einsamkeit beendet hatte, verband sich mit den Bildern jener Landschaft, die die Härte von ihr genommen hatte.

Das Störfeuer widersprechender Gedanken ließ nicht lange auf sich warten. Ach könnte sie das ewige Zweifeln doch nur abstellen und sich einfach freuen über das Erlebte und zufrieden sein. Aber mal ehrlich: Wenn die abgerufene Erinnerung aller Ereignisse nur knapp 15 Minuten in Anspruch nahm, was waren diese dann wirklich wert? Mehr als das, was sie sonst über 24 Stunden bzw. 16 Wachstunden hinweg erlebte? Sie würde irgendwann noch durchdrehen. Ganz sicher würde sie das.

Nun vorerst war Lena nicht verrückt geworden, die Woche war schließlich doch vorbeigegangen und die Schule hatte wieder begonnen. Der Sommer hatte sich noch einmal mit aller Macht zurückgemeldet und für unbekümmerte Schwimmbadtage gesorgt. Unterricht, der Austausch über die Ferien, Sportveranstaltungen, Chor und Konfirmandenunterricht sorgten dafür, dass die Zähigkeit aus der Zeit wich und sie wieder schneller verging. Die ersten Briefe wurden gewechselt und bezeugten, dass auf beiden Seiten eine starke Sehnsucht nach einem Wiedersehen bestand. Sich gegenseitig zu vermissen war mehr schön als traurig – meistens jedenfalls.

Den Mitschülerinnen war aufgefallen, dass Lena sich verändert hatte. Gemeinhin war sie nach außen bekannt für Witz, Furchtlosigkeit und teils spöttischen Widerspruch gegenüber ihren Lehrern. Nun saß sie manchmal ganz versonnen an ihrem Platz und sah lächelnd aus dem Fenster. Von ihren inneren Konflikten, der häufigen Verzweiflung, wusste niemand etwas. Das war auch nicht nötig, denn schließlich war sie ja beides. Nichts an ihrer äußeren Persönlichkeit war inszeniert, nur blieb die innere im Dunkel verborgen.

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