Nachtzug II

 

Die erste Zeit im neuen Haushalt verlief harmonisch, Katharina versorgte mit Freude die Kinder und den Garten, erlangte ihre Lebensfreude zurück. Gelegentlich hingestreute Anmerkungen, in Begleitung über psychologische Hilfe nachzudenken, überhörte sie ganz bewusst. An den Wochenenden traf sie bald wieder Freunde und meldete sich nach etlichen Monaten zu einem Computerkurs an, um ihre Fähigkeiten zu erweitern. Zwar widerstrebte es ihr, ständig über ihre Abwesenheiten genauestens Auskunft geben zu müssen, aber es leuchtete ihr durchaus ein, dass dies zur Organisation der übrigen Familienaktivitäten nötig sei.

Eine gewisse Missstimmung trat auf, nachdem Katharina sich ein neues Laptop und einige Möbel gekauft hatte, um ihrer Wohnung eine etwas persönlichere Note zu geben. Sie hatte wirklich keine Notwendigkeit gesehen, vorab darüber eine Diskussion zu führen, weil das eigentlich nur sie selbst etwas anging. Schließlich hatte sie eine ansehnliche Summe von ihrer Mutter geerbt und war über den Umgang mit diesem Geld niemandem Rechenschaft schuldig. Den größten Teil hatte sie ohnehin fest angelegt. Dennoch war diese „Eigenmächtigkeit“ Anlass zu heftigen Vorwürfen gegen ihre Person.  Im Vorfeld hatte Katharina bereits  ein Gespräch mit angehört, in welchem Renate ihren Mann aufforderte: „Gerd, du musst mit ihr sprechen, heute noch! Sie verschleudert das ganze schöne Geld. Das können wir doch nicht zulassen!“

Am Abend war es dann soweit. Nach dem Abendessen begann Gerd mit seinen Vorhaltungen. Die Ausgaben seien völlig unüberlegt und unnötig gewesen. Katharina könne halt überhaupt nicht mit Geld umgehen, habe dies ja auch nicht gelernt und deshalb sei es dringend geboten, dass er ihr mit einigen Maßnahmen unter die Arme greife. Er mache daher den Vorschlag, das Vermögen von nun an zu verwalten, Gewinn bringend anzulegen und ihr monatlich einen nicht zu geringen Betrag anzuweisen. Natürlich müsse er dazu ein spezielles Konto eröffnen und brauche eine umfassende Vollmacht von ihr. So sei am besten gewährleistet, dass sich die Summe vermehre und sie sei von einer großen Last befreit. Dieses Angebot, meinte nun Renate, die  während des gesamten Vortrages mit fest verschränkten Armen die Szene beobachtete, sei sehr großzügig, zumal Gerd keinerlei Provision berechne, das könne man doch gar  nicht ablehnen. Nun, die so in die Enge Getriebene tat es dennoch – ablehnen eben! Katharina fühlte eine starke Bedrohung und Verunsicherung, sah sie sich doch bei einer Zustimmung eher von ihrem Geld befreit, als von einer Last. War es wirklich nötig, den Beiden so sehr zu misstrauen? Ein Blick in die von Zorn geröteten Gesichter gab ihr Recht, sie blieb dabei, sich um ihr Vermögen weiterhin selbst zu kümmern. Um die Stimmung nicht auf dem Nullpunkt zu belassen, bot sie an, in Zukunft für die Wohnung eine angemessene Miete zu zahlen, was mit säuerlicher Miene dankend angenommen wurde.

Einige Zeit später wurde Katharina von der Mitteilung überrascht, Renate werde wieder zu arbeiten beginnen und sie solle sich nun etwas mehr um die Kinder kümmern. Aus diesem „Etwas“ wurde schnell eine umfassende Betreuung. Die Kinder waren ja wirklich niedlich und lagen ihr sehr am Herzen, aber die volle Verantwortung wollte sie eigentlich nicht übernehmen, nur weil die Eltern meinten, Geld scheffeln zu müssen, um ihren gehobenen Lebensstandard bei vielfältigen Anlässen vorzuführen. Außerdem wurden nun auch die Abende, die sie für sich allein hatte, immer spärlicher. Denn die von Arbeitsüberlastung geplagten Eltern hatten immer öfter das Bedürfnis, sich nach ihren Terminen außer Haus zu entspannen. Über Geld wurde jedoch kein weiteres Wort verloren und gemeinsame Zeiten verliefen äußerlich entspannt, der Groll hatte sich offensichtlich gelegt.

Die Computerabende ließ sich Katharina aber nicht nehmen, denn sie hatte wieder Freude am Lernen gewonnen, es fiel ihr leicht, alles aufzunehmen und anzuwenden. Ein weiterer Grund für die Vorfreude auf die Kurse waren die anschließenden Treffen der Teilnehmer in einem Café, bei denen sie auch regelmäßig auf den Mann traf, der ihr immer wichtiger wurde. Er war ebenfalls in ihrem Kurs, ihr jedoch erst aufgefallen, nachdem er beharrlich versuchte, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Die anregenden Gespräche, das Erkennen gemeinsamer Interessen, seine Offenheit und sein Humor ließen Katharina das Leben so leicht erscheinen, wie sie es nie gekannt hatte. Er sprach von seiner Zuneigung zu ihr, als sei es das Selbstverständlichste überhaupt. Auch machte er kein Hehl daraus, dass er wenig Geld hatte, seine Lebensfreude und Abenteuerlust machten das alles wett. Katharina fühlte sich zunehmend glücklich, frei, verstanden, anerkannt und bewundert. Was also lag näher, als von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen? Nun schien es ihr an der Zeit, dass auch ihre Familie den Mann kennenlernte.  Sie würden sich doch sicher für sie freuen.

Das Zusammentreffen endete zu Katharinas Enttäuschung in vorwurfsvollem Schweigen. Erst am darauf folgenden Abend verkündeten Renate und Gerd ihre einhellige Meinung und gaben ihr zu verstehen, dass sie diese Verbindung völlig unpassend fanden und nicht dulden würden. Sie könnten zu Katharinas Schutz nicht tatenlos zusehen, wie sie auf einen Mann hereinfiele, der sie nur ausnutzen wolle und so gar nicht zu ihr passe. Zwar  konnte Katharina noch mit fester Stimme klarstellen, dass die Beiden da gar nichts zu dulden hätten und sie sich beileibe keine Vorschriften machen ließe, später jedoch weinte sie sich in den Schlaf. War sie denn in einem Gefängnis, würde ihr Leben ewig so weiter gehen? Natürlich wollte sie das nicht, aber sie bezweifelte, die Kraft zu haben, einer länger andauernden offenen Auseinandersetzung gewachsen zu sein. Nach außen wappnete sie sich mit Sturheit und wartete auf eine Eingebung. Der geliebte Mann war bereits wieder in seine Heimatstadt Zürich abgereist, nicht ohne ihr noch einmal eindringlich zu versichern, dass er sie aufrichtig liebe und auf sie warten werde.

Als Katharina das nächste Mal von einem Kurs nach Hause kam, bemerkte sie einen fremden Geruch in der Wohnung. Nach genauem Hinschauen fiel ihr auf, dass die Lage der Ordner im Sekretär verändert worden war. Sie hatten doch tatsächlich ihre Unterlagen durchwühlt! Was führten sie im Schilde, worum ging es hier?

Wieder war da dieses Gefühl von Bedrohung und  in ihrer Hilflosigkeit griff Katharina zu einem Mittel, das sie zutiefst verabscheute: Sie belauschte vorsätzlich die Gespräche des Paares. Was sie da zu hören bekam, erschreckte sie zwar heftig, beschleunigte aber zugleich die Entscheidung, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zu verschwinden. Das hatten sie sich ja raffiniert ausgedacht. Katharina wollte ihren Ohren nicht trauen. Die Beiden stellten doch tatsächlich Listen auf mit Situationen, die ihr Verwirrtheit und psychische Labilität nachweisen sollten. Außerdem  hatten sie die Kinder ausgefragt, ob sie oft weine oder traurig sei, ob sie manchmal abwesend wirke oder auf Fragen keine Antwort wisse. Darüber hinaus war bereits ein Anwalt eingeschaltet worden, um zu klären, wie man jemanden daran hindern könne, sein Vermögen einem Heiratsschwindler auszuhändigen. Es lief offensichtlich alles auf ein Entmündigungsverfahren hinaus.

Sie musste mit anhören, wie verwerflich und unmoralisch ihr Tun sei, welche Undankbarkeit daraus spreche. Schließlich hatten sie Katharina aufgenommen, unterstützt und „durchgefüttert“ daher stünde ihnen, ihrer Familie, dieses Geld irgendwann einmal zu.

Jetzt hieß es schnell und klug zu handeln, in spätestens einer Woche würde sie verschwunden sein. Katharina gab sich in den kommenden Tagen einsichtig, aufmerksam, blieb abends zu Hause und ließ ganz nebenbei verlauten, dass der Stein des Anstoßes die Stadt verlassen habe. Beim Einkaufen schickte sie von einem Internet-Café aus eine E-Mail in die Schweiz und kündigte ihr Kommen an. Die Fahrkarte würde sie erst im Zug oder kurz vor der Abfahrt kaufen. Am Freitagabend würden alle an einer Schulaufführung von Lukas teilnehmen und das Haus bereits am Nachmittag verlassen. Katharina wollte sich krank stellen, um dann schnell alles zu packen und dem bisherigen Leben den Rücken zu kehren. Und da  alles wie geplant funktioniert hatte, ist  sie nun frei und kurz vor ihrem Ziel.

Katharina wird bald 72 Jahre alt. Wenn alles gut geht, hat sie noch ein paar aktive Jahre vor sich, die sie genießen kann. Es war wirklich höchste Zeit, sich aus der Bevormundung zu befreien. Als Kind war sie brav, hat funktioniert und gelernt für die Eltern, damit diese stolz auf sie sein konnten. Später als Ehefrau und Mutter war sie brav und hat funktioniert und gearbeitet für Haushalt und Familie, stets ihre eigenen Bedürfnisse zurück gestellt für Sohn und Ehemann. Nach dem Tod ihres Mannes schließlich hatte sie als Großmutter funktioniert, die Enkel versorgt  und gearbeitet für Sohn und Schwiegertochter, damit diese noch mehr Geld zusammen raffen konnten. Sie hätten es nicht so übertreiben sollen mit ihrer Habgier, dann wär vielleicht alles so weiter gegangen bis zu Katharinas Tod.

Aber nun ist sie hier in Zürich und am Bahnsteig wartet schon strahlend mit einem herrlichen Blumenstrauß der geliebte Mann, mit dem sie endlich ihr ganz  eigenes, glückliches Leben beginnen wird.

11 Gedanken zu “Nachtzug II

    1. Ich möchte mit dieser Erzählung aufzeigen, dass die Generationen oft viel gemeinsam haben. Sowohl den ganz Jungen wie auch den Alten wird meist das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen, als seien die einen noch nicht und die anderen nicht mehr voll zurechnungsfähig. In einer Zeit, in der Erwerbsarbeit den Wert bestimmt – was ich für völlig falsch halte – gelten diejenigen genau besehen als minderwertig, die noch nichts und die, die nichts mehr verdienen. Darüber hinaus sind Gefühle wie Liebe, Enttäuschung und Kränkung in jedem Alter gleich stark.

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      1. Mir hat es gezeigt das meine Menschenkenntniss doch nicht so groß ist wie ich dachte. Und das Geschichten oft anders sind wie sie scheinen.
        Deinen gewollten Hintergrund habe ich gar nicht gesehen. Aber du hast recht. Bei jungen wie bei alten Menschen meinen viele ihren Willen aufzwingen zu müssen.

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      2. Als Großmutter macht man das doch so. Zuerst war sie ja auch nur dankbar. Und die Miete hat sie nur angeboten, um Harmonie wieder herzustellen. Sie war ja immer auf Harmonie bedacht und dazu erzogen, ihre eigenen Bedürfnisse stets zurück zu stellen. Hätte man sie nicht so unter Druck gesetzt, hätte sie wohl niemals den Widerstand gewagt.

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