Nachtzug

Hier der erste Teil einer Kurzgeschichte aus „Kreuzverkehr“.  Erst nur diesen Teil zu posten geschieht aus Neugier. Ich möchte nämlich erfahren, welches Alter Ihr der Hauptfigur zugedenkt, wie alt sie  auf die einzelnen Leser wirkt. Hierfür genügt mir durchaus auch eine einfache Zahl. Wen seht Ihr? Bitte kommentieren.

Nachtzug

Geschafft!  Letzte Stationen auf dem Weg in die Freiheit: der Bahnhof – die Rolltreppe – der Bahnsteig – der Zug.  Abfahrt 20.13 Uhr. Das war knapp. Jetzt müssen nur noch die schweren Koffer, in denen ihr bisheriges Leben steckt, in den Zug gewuchtet werden.  Auf dem Rücken hat Katharina einen schwarzen Rucksack mit Totenkopf. Der gehörte eigentlich Lukas und wirkt bei ihr völlig unpassend, aber es war auf die Schnelle nichts Besseres zu finden gewesen und so hatte sie hastig die Schulsachen daraus entfernt und zusammen mit zerknäulten Mitteilungen der Schule auf dem Schreibtisch deponiert, bevor sie ihre letzten Stücke dort hineinstopfte. Das war viel praktischer als eine Handtasche und es blieben beide Hände für die Koffer frei.

Das Abteil ist leer, viel Platz für Katharina und ihre Ängste. Erschöpft sinkt die zitternde Person in dem wuchtigen Sesselsitz zusammen und hält die Luft an. Hoffentlich fährt der Zug gleich ab. Endlos lang werden ihr die letzten Minuten, bis der Schaffner endlich pfeift und die automatischen Türen zuknallen. Jetzt kann ihr nichts mehr geschehen. Niemand ist hinterher gekommen, um sie wieder zurück zu holen. In der vergangenen Nacht hatte sie geträumt, dass sie im Zug saß, gerade so wie jetzt, als plötzlich Männer mit weißen Kitteln hereinstürmten und sie aus dem Abteil zerrten, ihr eine Spritze verpassten, die sie vollständig lähmte und sie anschließend über den ganzen Bahnhof zerrten, um sie schließlich in einen Krankenwagen mit vergitterten Fenstern zu verfrachten. Als sie dann schweißgebadet aufgewacht war, wollte sie schon von ihrem Vorhaben ablassen. Aber nun bleiben die Türen geschlossen, die Bahn rollt langsam an und aus der engen Stadt hinaus. Katharina ist auf der Reise ihres Lebens.

Schier unüberwindliche Hindernisse überwunden, beinahe noch gescheitert durch Zurückschauen und die zischenden Stimmen ihres schlechten Gewissens.  Doch der Drang, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen, war auf Dauer stärker gewesen. Erst jetzt bemerkt sie, wie hart ihr Herz schlägt, während sich Aufregung und Anstrengungen der letzten Wochen, seit ihre Entscheidung endgültig geworden war, langsam auflösen und überwältigenden Glücksgefühlen Raum geben. Hoffentlich bekommt sie keinen Herzanfall, das wär’s ja jetzt – dann endet sie doch noch im Krankenwagen! Aber nein, das wird nicht geschehen.

Zögernd hebt Katharina den Kopf, um aus dem Abteilfenster zu schauen, wohl wissend, dass sie sich verabschieden, noch einmal – zum letzten Mal – den Erinnerungen an die vergangenen Zeiten stellen muss, um ihre Zukunft ohne Zweifel zu leben. Erstaunt bemerkt sie die Tränen, die über ihre Wangen rinnen, registriert verunsichert einen leisen Schmerz, den das Verlassen dieses Ortes nach so langer Zeit doch bei ihr hervor ruft, obwohl der zum Schluss nur noch Gefängnis, Leid und Enttäuschung bedeutet hatte.

Hell erleuchtete Straßen, Weihnachtsbeleuchtung, vielleicht doch nicht der richtige Zeitpunkt, um alles in schlechter Erinnerung zu behalten, wie sie es sich vorgenommen hat. Der Zug rollt schneller, vorbei an Plätzen kindlicher Unbeschwertheit – wie lange ist das jetzt schon her? Jedes Haus hier kennt sie, jeden Gesichtsausdruck der Bewohner wusste sie instinktiv zu deuten. Der Park, der Spielplatz, die Begegnung mit ihrer Kinderliebe – wie belanglos, fast lächerlich aus heutiger Sicht und dennoch steigt Wärme in ihr auf. Hat sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Natürlich hat sie das.

Als wolle die Bahn sie bestätigen in ihrer Entscheidung nimmt die Lok jetzt noch mehr Geschwindigkeit auf. Die Häuser rauschen immer rascher vorbei, liegen bald nur noch als kleine verschmolzene Lichtpunkte in der Ferne, bis die Stadt ganz aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden ist und mit ihr auch die letzten Reste des Zweifels. Katharina wird größer in ihrem Sitz, strafft die Schultern und wirkt gar nicht mehr so zierlich und zerbrechlich. Mit einem tiefen Aufseufzen atmet sie auch die aufgestaute Wut der vergangenen Monate aus, die ihr letztendlich die Kraft gegeben hat, ein neues Leben zu beginnen und ihre Würde zurückzugewinnen. Katharina schläft ein. Der Zug fährt durch die mondlose Nacht, das monotone, rollende Geräusch der eisernen Räder sorgt für einen ruhigen Erholungsschlaf.

Als Katharina wieder erwacht, weil ein Schaffner die Fahrscheine kontrolliert, hat sie über die Hälfte der Strecke schon hinter sich und nähert sich unaufhaltsam ihrem Bestimmungsort und dem Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen will. Ein Blitz reißt zuckend den Nachthimmel auf, ein gewaltiger Donner folgt. Sturm schüttelt die vorbeifliegenden Bäume und ein heftiger Regen setzt ein. All das beobachtet sie mit wachsender Faszination. Das wäre an sich nichts Besonderes, hätte sie nicht noch vor kurzem auf ein Gewitter mit schrecklichen Panikattacken reagiert und es als Strafe angesehen für alles, was sie vielleicht einmal unrechtmäßig gedacht oder getan hatte. Nun aber fühlt sie sich stark, die Energie des Unwetters überträgt sich auf ihren Körper und sie ist lebendig wie nie. Eine wilde Aufgeregtheit lässt Katharina erschauern, fast unanständig fühlt sie sich – und genießt es! Wenn sie nun daran zurück denkt, mit welcher Raffinesse sie die Familie hinters Licht geführt hat, um nur ja keinen Verdacht zu erwecken, muss sie lauthals lachen. Das hatte ihr keiner mehr zugetraut. Mittlerweile ist ihr Fehlen sicher entdeckt worden und sie werden sich grün und blau ärgern, sie unterschätzt zu haben. Immer näher rückt ihr Ziel, nichts würde von nun an mehr so sein wie zuvor. Ihre Lebensumstände haben sich vollkommen aufgelöst, alles musste, durfte, von heute an neu aufgebaut werden.

Es scheint Katharina, als läge  nichts in den Erinnerungen  ihres bisherigen Lebens, das erhaltenswert sei. Aber vor dem endgültigen Löschen will sie die Schatten der Ereignisse noch einmal an sich vorüber ziehen lassen.

Diejenigen, die sich ihre Familie nannten, hatten von Anfang an nur ein Ziel verfolgt und es beinahe auch erreicht. Wie dankbar sie gewesen ist, als man ihr in einer Phase der Einsamkeit und seelischen Schwäche, am Rande einer schweren Depression die leer stehende Souterrain-Wohnung im Hause angeboten hatte. Katharina solle lediglich ab und zu auf die beiden Kleinen aufpassen, Lisa zum Kindergarten und Lukas zur Schule bringen. Ansonsten könne sie sich voll auf ihre eigenen Angelegenheiten konzentrieren und versuchen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Das klang doch gut. Eigentlich hatte sie den Kontakt zu dieser zweiten Frau zuvor lieber vermieden, ihr sehr übel genommen, dass diese die erste Ehe des Mannes zerstört und dadurch sehr viel Schmerz verursacht  hatte. Aber vielleicht hatte sie der Frau Unrecht getan, war diese Renate doch nicht so berechnend und durchtrieben, wie sie sich für Katharina angefühlt hatte. Für die erwiesene Hilfe wollte sie sich dankbar und hilfsbereit erweisen, auch wenn sie den Hinweis auf möglichen „Familienanschluss“ reichlich unpassend fand. Schließlich gehörte sie durch direkte Blutsverwandtschaft doch unmittelbar zur Familie.

21 Gedanken zu “Nachtzug

  1. Kann man dazu jetzt schon etwas sagen? Ich finde einiges an der Geschichte noch sehr verwirrend. Katharina ist entweder eine Verrückte auf der Flucht oder eine sehr vielschichtige Persönlichkeit. Deswegen kann ich das Alter absolut nicht schätzen. Da bin ich gespannt auf den zweiten Teil der Geschichte!!!

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