Nur ein Geräusch

Lina kam neuerdings eine Stunde zu spät zum Unterricht.  Also zwei mal war es passiert. Auch heute war sie zu Beginn des Unterrichts noch nicht anwesend. Vielleicht lag es ja an der Umstellung des Stundenplans nach den Sommerferien. Aber so langsam machte sich ihre Lehrerin Sorgen. Normal war das alles nicht. Das Mädchen war nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Auch hatte sie nun mehrfach kein Frühstück dabei, sagte aber auf Befragen, sie habe keinen Hunger. Doch wenn die Mitschüler ihr etwas abgaben, aß sie alles auf. Die Lehrerin hatte sich vorgenommen, mal  in Ruhe in der großen Pause allein mit Lina zu sprechen. Sie konnte sich keinen Reim auf diese Entwicklung machen, kannte sie doch die Mutter als selbstbewusste, verantwortungsvolle Frau.

Was war das für ein Geräusch? Ein leises Kratzen. Gerade so, als wenn eine Katze Einlass begehrte. Zuhöchst alarmiert öffnte die Lehrerin die Klassentür und fand ein weinendes Häufchen Elend vor. Oh Gott, das arme Kind! Während der Rest der Klasse die Gruppenarbeit fortführte, redete sie mit Lina, versuchte erste einmal das Mädchen zu beruhigen. Was sich dann herausstellte, war für die Lehrerin traurig und schockierend zugleich, schnürte ihr den Magen zusammen.

Lina hatte war an den vorigen zwei Tagen zu spät gekommen, hatte sich nicht getraut, die geschlossene Tür zu öffnen und voller Angst bis zur nächsten Stunde gewartet. Die Eltern hatten sich vor den Sommerferien getrennt und die Mutter hatte als Mitarbeiterin im Betrieb des Vaters auch noch ihre Arbeit verloren. Richtig schlimm war es geworden, als der Vater versuchte, das alleinige Sorgerecht für die beiden Mädchen zu erhalten. Die Geschwister wollten das auf keinen Fall. Sie hatten Angst vor dem Vater. Jedes Mal, wenn er anrief, drückten sie sich in einer Ecke des Zimmers eng zusammen, während die Mutter immer nur „Nein!“, „Nein, bitte nicht.“ stammelte. Seither lag sie fast nur noch im Bett und fand ganz selten die Kraft, am Morgen aufzustehen. Lina und ihre Schwester waren sich seit Wochen weitgehend selbst überlassen. Sie lebten in ständiger Angst, dass der Vater sie holte, dass die Mama nicht mehr gesund würde, dass ihr gesamtes Leben außer Kontrolle geraten, jemand etwas merken würde. Manchmal kam die Oma, um etwas Ordnung zu schaffen, vorzukochen und/oder etwas mit ihnen zu unternehmen.

Oh Mann, so schnell konnte es gehen, dass alles aus dem Ruder lief. Was war zu tun? Die Lehrerin dachte sich, dass es wichtig wäre, dem Mädchen ein Gefühl von Kontrolle über die Situation zurück zu geben. Zuerst jedoch versicherte sie Lina, dass die Mutter doch eigentlich eine starke Frau sei und sich bestimmt wieder fangen werde. Es ginge ihr im Moment einfach sehr schlecht und sie würde nicht aus bösem Willen liegen bleiben. Sie riet dem Mädchen, sich abends selbst ein Brot zu schmieren, um die schwierige Zeit zu überbrücken. Die Klassentür sollte nun jeden Tag geöffnet bleiben, bis Lina kam. Dann schrieb sie noch eine Nachricht an die Mutter ins Hausaufgabenheft, dass sie sie gerne einmal besuchen würde, um ihr vielleicht ein wenig Mut machen zu können.

Der Vorschlag wurde dankend angenommen, das mit dem Frühstück klappte auch gut und Lina konnte sich wieder besser auf ihr Lernen konzentrieren. Heute geht es den Dreien gut, die Mutter hat sich mit diversen Hilfen zurück gekämpft und kann für den Lebensunterhalt sorgen. Das alles fiel mir wieder ein, als ich die fast erwachsene, strahlende Lina zufällig beim Einkaufen traf. Nicht immer geht es so gut aus, was Kinder/Menschen zuweilen weitgehend unbemerkt aushalten müssen.

 

18 Gedanken zu “Nur ein Geräusch

  1. Lehrer/in sein bedeutet auch Psychologe zu sein. Man sollte sich gut einfühlen können und ungereimte Schwingungen mitbekommen. Man könnte natürlich auch einfach den Unterricht durchziehen und fertig. Es gibt viele Berufe wo man auch gleich Pshychologie mit studieren könnte. Aber ohne solche Menschen gäbe es keine Menschlichkeit mehr.

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