Elfenseele

Aus „Kreuzverkehr“  heute eine weitere Kurzgeschichte:

In mir wohnt die Seele einer Elfe. Nein, nichts Flatterhaftes, da habt ihr was falsch verstanden. Oder – na ja -, wer kann das schon so ganz von sich weisen? Ich meine aber eher ihre Zartheit, das Empfinden und die Lebendigkeit.

Wissen tu ich das noch gar nicht so lange, nur eine ungefähre Ahnung hatte ich, dass so einiges mit mir anders war. Klar war mir jedoch schon früh, dass ich das besser vor der Welt verbergen sollte. Gewundert hab ich mich halt von klein auf, dass die Menschen verschiedene Farben haben, besser gesagt in Wolken aus Farbe daherkommen. Wolken, die einen ganz eigenen Geruch haben, der sich urplötzlich verändern kann so wie auch die einzelnen Farben. Wolken, die genauso schnell sich ausdehnen und wieder schrumpfen können. Stoßen sie aneinander, riecht es nach Ärger, dies so offensichtlich, dass es fast ein Jeder spürt. Es herrscht dann plötzlich eine unheimliche, harte  Stille, ganz kurz nur. Dann folgt der Ausbruch, der mich packt wie eine Windböe und mich umwirft. Darüber zu sprechen hatte sich schnell als ungut erwiesen, die Reaktion waren meist zweifelnde, mitleidsvolle Blicke. Das mochte ich nicht, deshalb wurden meine Wahrnehmungen zu meinem Geheimnis.

Zum Beispiel die Tatsache, dass ich die Sprache der Tiere verstehe. Ich glaube, bei kleinen Kindern ist das ganz normal, aber später verlernen sie es. Bei mir blieb es so. Die Tiere fürchten mich nicht, sie akzeptieren meine Nähe, obwohl ich längst erwachsen bin. So wie an jenem Vorwinterabend, als es nach Schnee riecht und ich die Wildgänse schnatternd ankommen höre. Das ist in jedem Jahr ein ganz besonderer, magischer Moment. Nur selten kann man die wechselnden Rast- und Kraftplätze ausmachen, an denen sie sich für den Weiterflug stärken. Den Geräuschen nach haben sie sich in diesem Jahr  auf dem Hang neben dem Kirchhof unseres winzigen Dorfes niedergelassen. Und tatsächlich, dort sitzen sie in kleinen Gruppen in der aufkommenden Dämmerung und planen die nächste Etappe der anstrengenden Reise.

Voller Ehrfurcht bleibe ich eine Weile in angemessener Entfernung stehen, dann  werde ich mutiger und komme näher und näher, noch näher heran, bis ich mich in einer Entfernung von vielleicht nur noch zwei Metern fast neben der größten Gruppe hinsetze. Voller Ehrfurcht und Respekt, mit gesenktem Kopf, schiele ich hinüber. Ist das herrlich! Zuweilen sieht sich die eine oder andere Gans nach mir um, nickt und schnattert weiter. „Nur Mut, immer nur frohen Mut!“, höre ich, bilde ich mir ein zu hören? Spielt das wirklich irgendeine Rolle? Ich bleibe, bis es vollständig dunkel ist.

In Kindertagen fiel mir auch nichts ein dabei, dass ich mich den Blumen verwandt fühlte und sie den ganzen Winter über fast schmerzlich vermisste. Obwohl, auf einer gewissen unbewussten Schiene hab ich die „Abartigkeit“ wohl doch gespürt, denn erzählt habe ich auch hiervon niemandem. Egal, die Hauptsache ist schließlich, dass das Anschauen blühender Pflanzen mich leicht macht, sodass mein Geist schweben, ich äußerst interessante Dinge sehen und wichtige Einsichten gewinnen kann. Am nächsten fühle ich mich Kornblume, Mohnblume, den Lilien sowie Pfingstrosen und der Akelei und auf eine ganz besondere, beinahe unheimliche Weise der blauen Iris. Wenn ich lange genug in ihre Blüte sehe, zieht sie mich tief hinein in ihr Innerstes und ich verliere mich mit höchstem Vergnügen in dem, was sie mich erkennen lässt: Menschen und Geschichten aus fernen Jahrhunderten und fremden Ländern eröffnen sich mir und ich bin mittendrin, lebe mit, staune mit, völlig aus der Zeit gefallen. Die tiefe Ruhe dieser nicht endlichen Erfahrungen lässt in meiner Seele ein starkes, friedvolles Glück entstehen, auf das auch Kummer und Schmerz herabstürzen können, ohne sie zu zerstören. Wie eine Isolierschicht mit Dämmung kann man sich das vorstellen, wenn man es denn unbedingt erklären muss, weil man es nicht fühlt. Erklärungen sind halt so begrenzt in ihrer Aussagefähigkeit und nur das Fühlen bringt uns zu wahrhaftem Begreifen mit Erinnerungspotential. Kann man das so sagen? Na, passt vielleicht auch nicht für jeden. Alles ständig zu erklären, macht so müde.

Unabhängig von der Iris kann ich zu jeder Zeit alle Gegenden der Erde bereisen und deren Besonderheiten, Gerüche, Farben und Stimmungen erfahren, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Das mache ich so gerne, wenn mein Menschenleben mir Zeit und die Ruhe dafür lässt. Manchmal bin ich aber auch ganz woanders, wenn ich eigentlich voll da sein müsste. Dann wirke ich auf meine „Mitmenschen“ unnahbar und kalt. Dabei gibt es kaum eine Beschreibung, die weniger auf mich passt. Manchmal bekümmert mich das, meistens ist es mir aber auch vollkommen gleichgültig. Schließlich habe ich Wichtigeres zu tun.

Natürlich verstehe ich auch euch Nur-Menschen. Nicht unbedingt, aus welchen Gründen ihr eure lebensbestimmenden Entscheidungen trefft, jedoch eure Gemütsverfassung. Auch die kann ich sehen und riechen. Ihr erinnert euch an das Ding mit den Farben? Ich habe gelernt, sie zu deuten, denn sie zeigen auch die Stimmungen an. Wenn diese sehr trübe und finster sind, werde auch ich traurig bis ängstlich, ein Zustand, den ich nur ganz schwer ertrage. Und weil ich selbst meist fröhlich bin, vollkommen und aus tiefstem Herzen, möchte ich dieses Wohlgefühl auch gerne weiter geben, was nur über feste, gute Gedanken funktioniert. Das ist nicht immer ganz einfach, weil mein Wille von den Störgeräuschen der Zivilisation geschwächt wird. Dann muss ich mich sehr konzentrieren. Gelingt es mir, so kann ich euch durchaus  beschützen und helfen, selbst aussichtslos scheinende Situationen zum Guten wenden. Ihr müsst mich nur erspüren ganz tief in eurem Inneren. Dann flattere ich lautlos um euch herum, lege ganz sanft die Hand auf euer Herz und spreche zu euch. Auch wenn ihr das nicht richtig laut hören könnt, erscheint euch ganz unvermittelt der rettende Gedanke und nimmt das Dunkel von eurer Seele.

Eines Tages musste ich feststellen, als ich mich fürchterlich über jemanden geärgert hatte, dass ich auch das Gegenteil bewirken kann und das kam so: Ich saß wartend auf einer Freitreppe vor einem Bürogebäude und strickte. Mehrmals trippelte da so ein aufgedonnertes Mädel an mir vorbei und lachte mich aus. Irgendwann begann mich das so aufzuregen, dass ich ihr ziemlich wütend hinterher schaute. Umgehend knickte sie um und fiel ein paar Stufen hinunter. Zuerst fand ich das ja nur gerecht, hab sicher auch gegrinst – nur mit einem Mundwinkel, denk ich – aber bei genauem Nachdenken bin ich furchtbar über mich erschrocken und nahm mir vor, Zorn in Zukunft möglichst zu unterdrücken oder, falls dies nur schwer möglich wäre, meine Gedanken schnell auf etwas anderes zu lenken.

Wie schon erwähnt, als Kind schienen mir alle diese Erlebnisse keine Offenbarungen, sondern völlig natürlich zu sein, weil ich mir keine Gedanken machte über meine Natur – ich war einfach ich.  Auch die damals noch geringen Unterschiede zu den Anderen erschienen mir nicht unnatürlich.  Im  fortgeschrittenen Alter jedoch wurde die Andersartigkeit so offensichtlich, dass ich einen Namen dafür haben wollte. So wie man eine Krankheit mit Namen kennen will, um sie beherrschen zu können und weil Menschen – und ein Mensch war ich eben auch zu einem nicht unerheblichen Anteil –  durch das Wort Bilder entstehen lassen, um das Leben zu kontrollieren oder sich wenigstens dieser Illusion hingeben zu können. Mein Wort war, wenn man alles, woran ich mich erinnerte, in Betracht zog: Elfe! Wunderschön auf den ersten Blick, ein großer Haufen Verantwortung bei gleichzeitigem Verzicht auf der anderen, der größeren, der zehnmal, hundert mal so großen Seite  Ich  war mir nicht sicher, ob ich das wirklich sein wollte. Als hätte ich jemals wirklich eine Wahl gehabt!

Auch Elfen kommen übrigens in die Pubertät, werden dann unwirsch, unduldsam und auf eine nicht ganz ungefährliche Weise unberechenbar, weil die dunkle Seite und der Wunsch zu strafen in dem Maße stärker wird, je mehr der gewohnte Zustand der inneren Freude und Ruhe abnimmt. Das wiederum geschieht durch die Wertschätzung, die einem plötzlich entzogen wird, sobald man eine eigene Sicht auf die Welt entwickelt. Die Gefahr lauert nun in der Fähigkeit, negative Vorgänge bereits durch die Gedanken in Gang zu setzen. Die ungezähmte Freude an wilden, sinnentleerten Streichen, der kompromisslose Wille, Grenzen zu überschreiten, sorgen für absolutes Unverständnis sowie vollkommene Ablehnung durch die gewöhnlichen Menschen, die diese Phase schon hinter sich und danach bewusst verdrängt haben. Nun, ich hab´s auch schon seit einigen Jahren hinter mir, aber bei weitem  nicht verdrängt, was mich milder sein lässt bei der Beurteilung von ungewöhnlichen, nicht angepassten Verhaltensweisen und Lebensentwürfen. Um es noch ehrlicher auszudrücken, ich finde genau diese spannend und sie geben der Welt – wenn auch nicht  wahrgenommen von derselben – Hoffnung. Nicht, dass meine Einschätzung irgendjemanden interessiert, schließlich muss ich meiner Natur gemäß allein leben, aber für mich selbst ist es wichtig, wie ich zu den Dingen stehe.

Gelassenheit und mein frohes Naturell gewannen schließlich wieder die Oberhand und damit auch meine Sicherheit, niemandem mehr schaden zu wollen, sondern eher meine  Helfer-Fähigkeiten auszubauen. Damit traf ich schon wieder auf eine menschliche Unvollkommenheit, da Helfen immer ein wenig angstbesetzt ist im Sinne von „sich-selbst-aufgeben“, – Blödsinn übrigens, da es eher ein „sich-selbst-finden“ ist. Nicht ungeschickt!  Das menschliche Gehirn ist schon ein wundersames Ding. Um sich selbst davor zu bewahren, auf irgendetwas verzichten zu müssen, hat man das „Helfen-wollen“ zum Syndrom, sprich zur krankhaften Veränderung erklärt, in einer Fernsehserie gar als behandlungsfähige Schilddrüsenfehlfunktion diagnostiziert.

Es brauchte noch eine ganze Weile und viele zum Teil verstörende Erlebnisse, bis ich meine Existenz als Elfe vollständig annehmen konnte. Ich hätt so gerne immer nur Spaß gehabt, aber! Ihr habt  sicher auch schon erfahren: Jede Seite hat eine Rückseite, jeder Held den Antihelden, das Gute ohne das Böse hat keine Bedeutung. So gilt auch hier: du kriegst das Eine nicht ohne das Andere!

Ich also, im nachpubertären Zustand, beobachtete zusehends, dass ich vieles voraussehe oder vielmehr – spüre, wenn ich den Menschen ins Gesicht sehe. Oft bringt mich das zum Lachen, dann weiß ich schon von der Zerstreuung der Sorgen, dem Ende der Eiszeit oder den neuen Gelegenheiten und ich versuche mein Wissen zu übertragen. Gelingt es, so ist das aufregend und anregend zugleich. Doch nicht immer sind diese Zufallsbilder gut auszuhalten, denn bisweilen zeigen sich mir auch Tod und unausweichliches Elend. Zwar geschieht das nicht oft, doch die Eindrücke sind verstörend und belasten meine Seele so stark, dass ich mich augenblicklich zurückziehe, schweigen muss und nur noch schlafen will. Wie oft hab ich mich bemüht, das schwarze Sehen abzuschalten – vergebens!  Auch versuchte ich angestrengt, mir diese Erlebnisse als Fehlsteuerungen eines verwirrten Geistes zu erklären, aber wirklich geglaubt habe ich mir nicht.

Es gab dann noch ein ziemlich schreckliches Erlebnis, aus dem ich wohl etwas lernen sollte – so fühlte es sich an. Bis heute weiß ich nicht, was das sein sollte und es ist mir nun auch egal. Ich habe entschieden, es war nicht sinnvoll. Ich fuhr also eines Tages mit meinem Auto eine steile, kurvenreiche Straße recht flott hinunter, als mich plötzlich ein Motorradfahrer überholte. An sich nichts Ungewöhnliches.  Beim leichten Wenden seines Kopfes in meine Richtung jedoch durchzuckte mich der Gedanke wie ein Blitz: das war`s jetzt! Oh nein, das wollte ich nicht denken! Kurve für Kurve hoffte ich, es wäre nichts geschehen. Dann sah ich das Unglück, Es waren bereits Helfer vor Ort und ich fuhr zitternd nach Hause. Am nächsten Tag erfuhr ich aus der Zeitung vom Tod des Motorradfahrers. Lange quälten mich nach diesem Tag heftige Gewissensbisse – hatte ich durch meinen Gedanken das Unheil verursacht? Das ging so lange, bis mir bewusst wurde, dass ich mich da gewaltig überschätzte. Ich lernte dem heftigen Schmerz und den Selbstvorwürfen den Rücken zuzukehren, bekämpfte erfolgreich das nagende Gefühl, verrückt zu werden und lebe seither in Frieden mit meiner Natur.

Wie man mich erkennen kann? Ich fürchte gar nicht – rein äußerlich lässt schwerlich etwas auf mein Elfenwesen schließen. Mein Körperbau ist eher kräftig, kantig, die Haare widerspenstig, das Kinn energisch, immer ein paar Pfunde zu viel. Und wenn ich mich auf einem Foto sehe, womöglich noch zusammen mit wahrhaft zarten Personen, so erschrecke ich mich vor mir selbst. Damit ich nicht vergesse, wer und was ich bin, meide ich Fotos, Blicke in Spiegel und Schaufensterscheiben. So kann es denn schon einmal vorkommen, dass ich, sollte ich aus Nachlässigkeit doch einen Blick tun, die nette Frau im Spiegel freundlich grüße. So kann`s gehen, wenn man sich selbst besser von innen kennt und das Innen nicht so recht zum Außen passt. Das Innen aber kenne ich genau, da bin ich richtig gut, da bin ich zart, da lebt die Elfenseele. Nicht wirklich einfach, aber umgekehrt wär`s  schlimmer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15 Gedanken zu “Elfenseele

      1. Manches kann ich mir schon vorstellen das es das gibt. Es gibt ja auch Menschen die Töne und Musik in Form von Farben sehen. Den HelferSyndrom kenn ich von mir auch. Ich kann mich gut in andere Menschen hinein versetzen und fühle intensiver, als manch andere, wie sich jemand fühlt. Wenn sich jemand in meiner Nähe verletzt zieht es durch meinen ganzen Körper. Ist manchmal gut, manchmal wünschte ich aber etwas weniger Empathie zu besitzen.

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