racial profiling – Schreiben gegen Rechts

Mit dem folgenden Beitrag unterstütze ich die Aktion „Schreiben gegen Rechts“ von https://annaschmidt2011.wordpress.com/. Ich habe dazu eine Schilderung ausgewählt, die ich als Antwort auf eine Befragung zum racial profiling erstellt habe:

Meine Erfahrungen beruhen auf Erlebnissen und Beobachtungen, die ich als Mutter, Freundin und zufällige Zeugin verschiedener Vorfälle gemacht habe. Da diese mich sehr betroffen, ja teilweise wütend gemacht haben und ich die Folgen solcher Behandlung bei ehemaligen Schülern gesehen habe, bezeichne ich mich als Betroffene. Einige dieser Begebenheiten liegen bis zu 25 Jahre zurück. Das ist kein neues Phänomen.

– Ich habe fünf Kinder, drei blonde Söhne, zwei braune, schwarzhaarige Töchter., die aus Sri Lanka stammen. In unserem kleinen uberschaubaren Ort wuchsen die Mädchen weitgehend geschützt und akzeptiert auf. Nachdem sie älter geworden waren und sich außerhalb dieses Rahmens in größeren Städten bewegten, ist vor allem die ältere sehr oft aus dem Kreis von Begleitern und Brüdern herausgezogen und kontrolliert worden. Der anmaßende und abwertende Umgang bei diesen Kontrollen hat sowohl sie selbst als auch die Begleiter/Brüder bestürzt und bei dem Mädchen für Scham und Verunsicherung gesorgt, obwohl nach einem Blick auf Ausweis und deutschen Nachnamen die Angelegenheit relativ schnell erledigt war. Ein Freund unserer Söhne, der aus einer gemischten Ehe stammt, wurde natürlich ebenso behandelt. Das Gefühl der Demütigung und Angst vor weiteren Kontrollen blieb erhalten. Es gibt keine Gewöhnung an Willkür und Ungerechtigkeit.

Mit meiner jüngeren Tochter habe ich andere Formen des racial profiling erlebt und zwar in Kaufhäusern. Das sie schwer krank wurde, war sie meist in meiner Begleitung. Wenn sie sich von mir entfernte und sich Produkte alleine ansah und kaufte, musste ich öfter beobachten, wie sie von Kaufhauspersonal offen misstrauisch beobachtet und verfolgt wurde, Kaufhausdetektive ihre Tasche durchsuchen wollten oder sie ihre Geldbörse zeigen sollte, um zu sehen, ob sie überhaupt Geld genug dabei hätte. Natürlich habe ich dann eingegriffen. Auch hierbei Gefühle von Demütigung, Minderwertigkeit, Scham und Bestürzung sowie auch Zorn – bei uns beiden.

– Empörung und Bestürzung habe ich auch empfunden, wenn dunkelhäutige Freunde von uns aus der Gruppe herausgezogen, in abfälliger, überheblicher Weise angesprochen und anschließend kontrolliert und befragt wurden. Dies geschah vor Restaurants, an Bahnhöfen, auf öffentlichen Plätzene und in Ladengalerien.

– Am meisten und richtig wütend macht mich, wenn ich sehen muss, wie Gruppen von fast noch Kindern, plötzlich eingekreist und dermaßen unwürdig behandelt werden. Ich sehe ihre erschrockenen, angstvollen Blicke, während sie mit dem Rücken gegen Mauern stehen und ihre Taschen ausleeren müssen. „Mit dem Rücken zur Wand“ ist ja ein deutsches Sprichwort für eine bedrohliche Situation, aus der es kein Entkommen gibt. So habe ich das stets empfunden. Das ist für mich nicht auszuhalten und ich greife dann ein. Manchmal bin ich ruhig genug, um mit den meist jungen Beamten zu sprechen und ihnen Fragen zu stellen. Manchmal aber auch ist das Verhalten so gemein, spüre ich den Schmerz der Kinder so stark, dass ich die Polizisten anschreie: „Lassen Sie doch endlich die Kinder in Ruhe, die haben doch gar nichts getan!“ Dann gibt es hitzige Diskussionen und man will mir klarmachen, das ginge mich nichts an. Aber alles, was in meiner Gesellschaft geschieht, geht mich etwas an, besonders dann, wenn es mich verstört und gewalttätig und ungerecht ist. Vor allem sehe ich die Folgen. Aus Scham und Demütigung wird Zorn und Wut. So schraubt sich die Spirale immer höher. Ja, „mit dem Rücken zur Wand“ beschreibt es gut, dieses Gefühl. Mir selbst ist außer leeren Drohungen noch nie ein Nachteil durch mein Verhalten entstanden. Das wäre sicher anders, wenn ich „ausländisch“ aussehen würde. Eine weitere Ungerechtigkeit.

– Meines Erachtens sind nicht Kontrollen das Problem. Oft sind sie sicher notwendig und sinnvoll. Es ist die Art und Weise, wie sie meist – nicht immer und nicht von allen Beamten – durchgeführt werden. Es sind die entwürdigende, fast überfallartige Art, die Drohgebärden, die abfällige Sprache, die eine Schuld fast voraussetzt, die für die Beteiligten so demütigend sind. Ich glaube, dass es die Übermittlung in der Ausbildung ist, die Anmaßung – mittlerweile auch schon bei normalen Verkehrskontrollen – als Grundton einreißen lässt. Ein weiterer Grund könnte auch eine gewisse Angst der Polizisten sein, die ja in der gesamten Bevölkerung permanent geschürt wird und von der sie natürlich auch nicht frei sind. Ich glaube diese schon in einigen Augen von Polizisten gesehen zu haben. Der heutige durchschnittliche Beamte ist nicht mehr der „Freund und Helfer“, nicht mehr der, zu dem man Vertrauen hat und der eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung hat. In meiner Jugend war das noch der Fall. Er sieht sich das auch nicht mehr als seine Aufgabe an. Auch eine Folge der Ausbildungsinhalte. Jeder ist grundsätzlich ein Verdächtiger. Das finde ich sehr bedauerlich.

Wenn Sie weitere Frage haben, schreiben Sie mir.

Viele Grüße

Caro Caspar

 

12 Gedanken zu “racial profiling – Schreiben gegen Rechts

  1. Heute leider auch wieder am Bahnhof beobachtet. Da wurde eine Gruppe dunkelhäutiger junger Männer, die vorm Kiosk herumstanden und sich unterhielten, aus selbigem heraus misstrauisch von der Verkäuferin und einer weiteren Frau beäugt. Abfällige Kommentare fielen. Über die ebenfalls in der Bahnhofsvorhalle abhängenden weißen Jugendlichen fiel kein Ton.

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  2. Es bestürzt, was du beschreibst und doch ist es so. Meine Schwägerin aus Kenia beschreibt, dass viele Menschen sie erst „normal“ behandeln, wenn sie merken, dass sie fließend Deutsch spricht. Im Bereich von Kontrollen hat sie noch nichts erzählt, aber viele andere Dinge für die ich mich fast schäme, dass sie überhaupt passieren.

    Einen herzlichen Dank für diesen sehr bedenkenswerten Beitrag zur Blogparade! Und herzliche Grüße von Anna

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  3. Liebe Caro, wie Du das schilderst erinnert es an amerikanische Verhältnisse. Mir war bisher nicht so bewusst, dass das auch hier so ausgeprägt ist. Allerdings habe ich auch bisher wenig Kontakt zu „andersfarbigen“. Dabei sind das doch alles Menschen. Aber ich denke, da ist in der Vergangenheit sehr viel versäumt worden in Gesamtdeutschland, wie aus dem Zeitartikel vom letzten Jahr, den ich gestern gepostet habe, hervorgeht. Gut, dass jetzt viele gegen Rechts schreiben.

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    1. Es ist noch lange nicht so dramatisch wie in den USA. Aber ich möchte auch ungern abwarten, bis es so weit ist. Und es hat auch hier schon viel Herzeleid und später Abwehr und Hass verursacht.
      Meine Kinder und auch wir hatten immer schon Freunde aus vielen Nationalitäten. Da bekommt man natürlich viel mehr mit.

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  4. Meine Schwester (indisch) muss im Museum als Einzige ihre Tasche abgeben…
    nur ein Beispiel…
    Der deutsche Nachname hilft nicht immer… wenn sie einen Termin hat, bei einem Amt z.B. sieht sie im Gesicht des Sachbearbeiters , dass der was Hellhäutigeres erwartet hatte…
    Schublade auf
    Mensch rein
    Schublade zu

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  5. Das was du schreibst kann ich gut nachvollziehen. Aber ohne dir jetzt böses zu wollen schreibe ich dir jetzt mal 2 Vorfälle die innerhalb des letzten halben Jahres geschehen sind und ich life dabei war:
    1. Ein ausl. Junge verkloppt einen anderen so stark das Passanten stehen blieben und ich raus aus meiner Wohnung kam um zu helfen. Der Schläger hörte gar nicht auf als deutsche Erwachsene eingreifen wollten. Erst als ein ausl. Erwachsener etwas sagte, und zwar in Deutsch, hörte er auf.
    2. Erst gestern gesehen: 3 ausl. Kinder hauen Deko vor einem Geschäft um. Ein älteres Ehepaar lief vorbei und wollte die Jungs anhalten. Sie sollten das wieder aufräumen. Nichts tat sich, unbeeindruckt wollten sie weiter. Von gegenüber rief ein ausl. Mann, wieder in deutsch, sie sollen stehen bleiben. Und schwupps haben sie aufgeräumt und sich entschuldigt.
    Ich habe das Gefühl das sie keinerlei Respekt vor uns Deutschen haben.
    Was du dir jetzt dabei denkst, weiss ich nicht. Aber das manche Deutsche, ausgenommen mich, dann so über Ausl. denken und reagieren ist leider kein Wunder.

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    1. Solche Vorfälle kenne ich auch z.B. aus der Schule. Und auch das Phänomen, dass viele der Jungen ungern auf Frauen hören. Wobei ich es immer noch geschafft habe, Zugang zu finden und Respekt zu erreichen. Selbst ehemalige Schüler hören auf mich, wenn ich sie bei einem Blödsinn ertappe. Ich frage mich oft, was wovon kommt. Respekt muss man erst einmal selbst haben vor dem anderen. Außerdem kenne ich genug unangenehme deutsche Rotzlöffel. Aber das alles ist in meinen Augen keine Rechtfertigung für Verallgemeinerungen und schon gar nicht für racial profiling.

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      1. Nein, eine Rechtfertigung ist es nicht. Da hast du recht. Ich begegne jeden mit Respekt und möchte aber auch respektiert werden. Schliesslich leben wir alle auf dem gleichen Planeten. Warum sollte der eine mehr Wert sein als der andere.

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