Grabgespräch

Kauernd auf dem Gras vor einem Grab werden Worte gesprochen, die man wohl nur einem Toten anvertrauen kann oder einem Fremden im Zug.

Ein Doppelgrab, nur ein Name auf dem Grabstein. Ein Männername. Das Todesjahr liegt 16 Jahre zurück. Tag der Geburt ist das Datum des heutigen Tages.  Bis auf die einsame Besucherin zeigt sich der Friedhof menschenleer.

„Lieber Papa, heute wär dein Geburtstag. So lange vermisse ich dich schon. Ich weiß, es gibt keinen Geburtstag mehr. Weil du tot bist. Trotzdem will ich heute und jetzt endlich etwas loswerden. Du bist so gestorben, wie du es dir gewünscht hast. Das ist in Ordnung. So weit. Aber warum hast du mich mit dieser Frau alleine gelassen? Du kanntest sie doch! Ich kann nicht mehr. Bald bin ich selbst alt. Kopfschmerzen und Fieberattacken quälen mich. Immer öfter. Ich mach und tu, aber es ist nie genug. Nur Forderungen, Vorwürfe, Beschwerden, Beschuldigungen. Na, das System kennst du ja.

Weißt du, ich hätte mir so gewünscht, du hättest dich scheiden lassen, als ich jung war. Ich wäre mit dir gekommen. Wir hätten es richtig schön haben können. Einmal hab ich davon geträumt. Im blühenden Garten mit Gästen, fröhlich, harmonisch, ohne Angst. Vielleicht hätte ich es dir zu Lebzeiten sagen sollen. Aber das ist jetzt müßig. Hoffentlich bist du nicht nur wegen mir geblieben.“

 

5 Gedanken zu “Grabgespräch

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